Dossier

Derzeit dominieren die etablierten erdölbasierten Kunststoffe © APA (AFP)
5
Dossier

Weniger Plastik im Regal: Neue Trends bei Lebensmittelverpackungen

Dossier

27.09.2018
  • Von Stefan Thaler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Papiersackerl, „Bio-Plastik“ und Milch in Glasflaschen: Der Trend bei Lebensmittelverpackungen geht wieder in Richtung Nachhaltigkeit. Die Hersteller haben auf die steigende Awareness der Konsumenten reagiert. Noch steht die Forschung in diesem sensiblen Bereich aber erst am Anfang.

  • Geringes Gewicht, Transparenz, Bedruckbarkeit oder die Möglichkeit zum Einbringen von UV-Filtern: Kunststoffe sind wahre „Wunderwuzzis“ und aus dem Supermarkt kaum wegzudenken. Sie erfüllen viele Aufgaben: „Im Mittelpunkt steht der Schutz des Produkts vor dem Verderben oder einem Qualitätsverlust, vor dem Einfluss von Strahlung, bestimmten Temperaturen, Keimen oder Transportschäden“, erklärte Katrin Bach, Leiterin des Forschungsbereichs Agrar- & Lebensmitteltechnologie und Studiengangsleiterin am Management Center Innsbruck (MCI), im Gespräch mit APA-Science.

  • Weiterer Vorteil: Die Erzeuger können über die Verpackung mit den Konsumenten kommunizieren, und ihre Werbe-Botschaften und Produktinformationen – beispielsweise Zutatenliste, Nährstofftabelle oder Güteklassen - transportieren.

  • Erdölbasierte Kunststoffe als Tausendsassa

  • Derzeit dominieren die etablierten erdölbasierten Kunststoffe. Sie sind gut erforscht, über lange Jahre weiterentwickelt und haben dadurch viele unterschiedliche Eigenschaften, Strukturen und chemische Zusammensetzungen. Das ermöglicht eine breite Produktpalette. Blumentöpfe sind beispielsweise aus ganz anderem Kunststoff als Fleischverpackungen oder ein PC-Gehäuse – von der Sprödigkeit, der Festigkeit und dem Schmelzpunkt.

  • Als Alternative werden biobasierte Kunststoffe ins Spiel gebracht. „Damit können aber noch nicht alle diese Eigenschaften abgedeckt werden. Nichtsdestotrotz fangen sie an, etwa bei Gebrauchsgegenständen wie Müllsackerln, Flaschen oder Geschirr, Fuß zu fassen“, so die Expertin. Die Forschung sei hier sehr aktiv, neue biobasierte Polymere zu identifizieren, die ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen würden.

  • Beispielsweise hätten erste Versuche zum Einsatz von abbaubaren Kunststoffen auf Milchsäurebasis als Fleischverpackung sehr positive Ergebnisse gezeigt. „Wir haben in einigen Bereichen ähnliche Funktionalitäten wie Materialien aus erdölbasierenden Bausteinen. Es wird deutlich, dass das ein gangbarer Weg ist“, gab Bach einen kleinen Einblick in das Projekt QualiMeat, im Rahmen dessen die Wechselwirkung diverser Verpackungssysteme auf Fleischprodukte erforscht wird.

  • Noch weiter Weg für abbaubare Kunststoffe

  • Insgesamt steht bei abbaubaren Verpackungen – etwa stärkebasierend oder aus Milchsäure – aber noch ein längerer Entwicklungsweg bevor. Zum Teil wurden gerade erst die Technologien entwickelt, um hier größere Mengen zu produzieren. „Derzeit wird noch viel diskutiert, beispielsweise ob diese Stoffe nicht eher in Nahrungsmittel als in die Verpackung gehören. Auch in Hinblick auf Nanopartikel oder die Zersetzung gibt es bei abbaubaren Kunststoffen Unklarheiten“, merkte Bach an.

  • Außerdem müssten die Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfung und auf die Recyclingkreisläufe berücksichtigt werden. An diesen Fragen werde aber derzeit gearbeitet: „Man muss dem Thema Zeit geben. In den kommenden Monaten und Jahren wird das durch Forschung und Gesetzgebung geklärt werden.“ Es bestünden auch natürliche Grenzen: „Wenn ein Material durch Bakterien abbaubar ist, gibt es Limitierungen, beispielsweise in Hinblick auf medizintechnische Anwendungen. Was bei Spritzen von Vorteil sein kann, ist bei Implantaten möglicherweise problematisch“, so Bach.

  • Ein weiterer Punkt ist die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten: Ob die Kunden auch bereit sind, den Preis für eine hochwertigere Verpackung zu zahlen, sei noch unklar. Auch wenn sich die Awareness deutlich erhöht habe. Wer sich ein teures Smartphone in einer hochstabilen, hochglanz-bedruckten Schachtel kaufe, zahle das ohne Probleme mit. Bei vergleichsweise günstigen Lebensmitteln sei die Wertschätzung der Verpackung bisher eher niedrig gewesen. „Da gab es in den vergangenen Jahren aber eine Veränderung“, verwies Bach beispielsweise auch auf die gestiegene Nachfrage nach Glasverpackungen.

  • Zahlreiche Alternativen in der Pipeline

  • In letzter Zeit seien zudem Papierverpackungen wieder stärker in den Fokus gerückt. In beschichteter Ausführung würden sich diese auch für sehr sensible Lebensmittel wie beispielsweise Fleisch eignen. Einen heißen Trend sieht die Expertin im Hinblick auf essbare Verpackungen, etwa in der Gastronomie. „In manchen Geschäften bekommt man Pommes in Schalen, die nicht vom Ketchup durchtränkt werden, und die man mitessen kann. Das sind gute Ansätze, aber man sieht auch, dass Lebensmittelverpackungen komplexer sind und andere Eigenschaften haben müssen als eine Computerverpackung“, sagte Bach.

  • Der besondere Charme bei abbaubaren Kunststoffen sei, dass sie ein für viele naheliegendes Gegenkonzept zum aktuellen Status darstellen würden. „Abbaubar, kompostierbar – das verstehen alle Konsumenten. Das spricht alle an. Aber man sollte damit wertvoll umgehen.“ Auch der Gesetzgeber könne hier einen Beitrag leisten, indem er für die notwendigen Rahmenbedingungen sorge. In Deutschland werde beispielsweise nächstes Jahr die Verpackungsverordnung geändert, wobei hier Monomaterialien aufgrund der besseren Recyclingfähigkeit ein großes Thema sind. „Das wird sicher auch ein Trend bei uns“, so Bach.

STICHWÖRTER
Wien  | Dossier  | Plastik  | Verpackung  | Recycling  | Lebensmittel  | Getränke  |

Dossier

Das Thema Kunststoff wird äußerst kontrovers diskutiert. Dass Plastik die Welt in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig verändert hat, ist unwidersprochen, ob positiv ...

Gastkommentare

"Neue Rohstoffe für Kunststoffprodukte durch die industrielle Mikrobiologie"
von Michael Sauer
Universität für Bodenkultur (Boku) / Christian Doppler Laboratorium für Glycerinbiotechnologie
"Upcycling-Strategien für eine kreislauforientierte Gesellschaft"
von Vasiliki-Maria Archodoulaki
Technische Universität (TU) Wien
Institut für Werkstoffwissenschaften und Werkstofftechnologie
"Plastik in unseren Fließgewässern - Aktuelle Forschung zum Thema Mikro- und Makroplastik"
von Marcel Liedermann
BOKU
Institut für Wasserwirtschaft
Hydrologie und konstruktiven Wasserbau
"Et tu, Kunststoff: Quo vadis? - Eine Zukunftsprognose für Kunststoffe"
von Frank Wiesbrock
Polymer Competence Center Leoben

Hintergrundmeldungen

Nachhaltige LEGO-Elemente aus pflanzlichem Kunststoff © obs/LEGO GmbHMariaTuxenHedegaard/obs/LEGO GmbH/Maria Tuxen Hedegaard

Die Alternative, Biokunststoff

Plastikabfall ist derzeit medial negativ besetzt omnipräsent. Als Alternativen ...
Ergebnis eine Sammelaktion an einem Ostseestrand © APA/dpa/sts pzi vfd

Alleskönner Plastik landet noch zu oft im Müll

Plastik ist ein solch praktischer Werkstoff, dass es aus dem modernen Leben, ...
Das "System 001" wird zu seinem Bestimmungsort geschleppt © APA/AFP (Edelson)

Forscher nähern sich Plastik-Strudel und Kunststoff-Natur an

Am 8. September lief unter großer medialer Aufmerksamkeit ein Schiff mit einem ...
Derzeit dominieren die etablierten erdölbasierten Kunststoffe © APA (AFP)

Weniger Plastik im Regal: Neue Trends bei Lebensmittelverpackungen

Papiersackerl, „Bio-Plastik“ und Milch in Glasflaschen: Der Trend bei ...
Plastik in Form von Einweg-Spritzen © APA

Plastik in der Medizin - Fluch oder Segen

Von der Plastikspritze, die jährlich Millionen Menschen das Leben rettet, bis ...

Mehr zum Thema