Gastkommentar

Katharina Schell © APA/Ian Ehm
6
Dossier

"Wer schreit lauter 'Fake'? Der Kampf um die Deutungshoheit ist entbrannt"

Gastkommentar

26.01.2017
  • Wien (Gastkommentar) - "Fake News!" Eine Anklage hallt durch das Land - zumindest aber durch den (digitalen) Blätterwald. Es ist ja auch schnell geschrieben. Oder geschrien. Doch gerade Journalisten sollten sich hüten, solch einen Begriff überzustrapazieren. Wird er inflationär und muss für alles herhalten, was einem nicht in den Kram passt, werden Gegenstrategien unmöglich.

  • Was sind denn "Fake News" überhaupt? Eine klassische Falschmeldung, sagt der Bauch. Doch der Kopf schaut sich im Netz um und sieht noch viel mehr. Facebook-Seiten - und längst nicht nur solche mit rechter Schlagseite - teilen Content von bekannten und anerkannten Medien, und nur der Anreißer des Postings reicht aus, einer an sich unverdächtigen Meldung einen Drall ganz nach Gusto des Seitenbetreibers zu verleihen. Eine nüchterne Zeitungsmeldung über die Kriminalstatistik, versehen mit dem dezenten Begleittext "Stopp dem ASYLWAHNSINN!!!" suggeriert etwas, das nirgends behauptet wird. Ist das eine Falschmeldung oder "nur" klassisches "Framing"?

  • Selektive Information reicht oft schon aus, um die Wahrheit zu verschleiern. Doch ist das Weglassen von Fakten bereits "postfaktisch"? Generalisierung und Zuspitzung, Manipulation und Desinformation gehören zu den liebsten Strategien jener, die Facebook und Twitter für ihre Agenda nutzen. Doch wo setzt hier der professionelle Faktencheck an?

  • Dazu kommt: Auch viele echte Falschmeldungen sind vom Nachrichtenwert her per se nicht relevant genug, um einen Platz in der überregionalen Berichterstattung zu finden. Zwei Männer verirren sich im Hallenbad einer niederösterreichischen Stadt in die Damensauna (und verlassen diese umgehend wieder). Sind das Breaking News? Nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" wird hier ein postmediales Grundrauschen erzeugt.

  • Wir kennen die alte Mahnung an Kinder: Wer allzu schnell "Feuer" schreit, vergrämt irgendwann die Feuerwehr. Wenn Politiker, aber auch Journalisten, unliebsame Äußerungen als "Fake" abtun und abwehren, werden die echten und gefährlichen Falschmeldungen gar nicht mehr wahrgenommen. Und man sollte sich hüten, den Hype noch zu befeuern. Denn für viele, die vor einem Jahr noch "Lügenpresse" riefen, ist "Fake News" schon der neue Kampfbegriff. Die Deutungshoheit über den Terminus ist nicht geklärt, was ihn per se abwertet.

  • A propos Faktencheck: Auch so ein Buzzword, das bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit in die Runde geworfen wird. Manchmal kommt man schier ins Staunen, wie sich Journalisten stolz auf die Schulter klopfen, weil sie ihren Job machen. Check, Recheck, etc. - das ist doch wohl die goldene Regel des (Qualitäts-)Journalismus. Fact Checking, wie es derzeit boomt, ist anders gemeint. Zum einen die akribische Hinterfragung einer behaupteten Tatsache, inklusive des Werdegangs und der Herkunft dieser Behauptung. Zum anderen in einem Live-Kontext wie TV-Diskussionen, wenn etwa Aussage gegen Aussage steht und die "Wahrheit" nicht unmittelbar geklärt werden kann.

  • Doch was passiert, wenn eine Journalistin eine Falschmeldung auf Facebook findet, recherchiert, die Falschheit beweist und darüber schreibt: Die traurige Wahrheit: zuerst einmal gar nichts. Nachdem eine APA-Kollegin berichtet hatte, dass ein Post über eine angebliche Attacke auf ein muslimisches Mädchen schlicht "fake" war, konnte sie noch stundenlang dabei zuschauen, wie der Beitrag eifrig geteilt und kommentiert wurde. Erst Tage danach räumten die Seitenbetreiber ihren Fake ein und löschten den Post - sinnlos, weil er ohnehin bereits da draußen unterwegs war. Ihre Entschuldigung im Wortlaut: "Bitte um Verständnis wir sind keine Profi Journalisten, aber sehr lernbereit."

  • Nein, sie sind keine Profijournalisten. Sie sind überhaupt keine Journalisten. Doch dass in den "sozialen" Netzwerken Menschen Informationen verbreiten und das mit dem Gefühl, zumindest "Amateurjournalisten" zu sein, erzeugt dieses Unbehagen bei uns Medienschaffenden im Umgang mit dem Thema. Kein Wunder - bedrohlich ist diese Entwicklung tatsächlich. Doch Angst wird schon genug verbreitet. Die Gegenstrategien liegen auf der Hand, auch wenn sie langweilig klingen: Gelassenheit, journalistisches Handwerk, ethische Grundsätze - und ein bisschen weniger laut "Fake!" schreien.

Zur Person

Katharina Schell, APA - Austria Presse Agentur

Katharina Schell war zuletzt Innenpolitik-Chefin der APA. Seit Herbst 2016 ist sie Medienredakteurin und Mitglied der Chefredaktion, für die sie den Bereich redaktionelle Innovation verantwortet und die sie im APA-Medialab vertritt.

STICHWÖRTER
Österreich  | Gastkommentar  | Dossier  | Österreichweit  |

Dossier

"Postfaktisch" und kein Ende ... Auch und gerade für die Wissenschaft stellt sich die Frage, was man gegen das Ignorieren, Leugnen und Verzerren von Fakten und die inzestuöse Verbreitung von ...

Gastkommentare

"Wer schreit lauter 'Fake'? Der Kampf um die Deutungshoheit ist entbrannt"
von Katharina Schell
APA - Austria Presse Agentur
"Eine informierte Gesellschaft ist die effizienteste Gegenstrategie"
von Helmut Jungwirth
Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Graz
"Die Wissenschaft darf sich nicht zurückziehen"
von Helga Nowotny
Vorsitzende des ERA Council Forum Austria
"Postfaktisches Zeitalter? Fake News, Fakes und Mimikama"
von Andre Wolf
Pressesprecher
Content- and Social Media Coordinator bei Mimikama
"Die Verantwortung von Wissenschafts-PR in Zeiten von Fake News"
von Emilie Brandl
Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft
"Die präfaktischen Menschen der postfaktischen Gesellschaft und ihr Aufbruch ins Antifaktische"
von Kurt Kotrschal
Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau

Hintergrundmeldungen

Soziale Netzwerke und ihre Algorithmen werden als Schlüssel gesehen © APA (dpa)

Die "postfaktische" Weltsicht und ihr Vehikel namens "Fake News"

Ein Meinungsmacher tritt mit einer Behauptung auf, die sich schnell als ...
Logisches Denken und Sprachkompetenzen hängen eng zusammen © PHDL

"Schule 4.0" bringt Medien- und Technologieverständnis ins Klassenzimmer

Fake News als solche zu erkennen setzt einen kritischen Blick auf Medien und ...
Online-Tool gibt Hinweise, ob eine Geschichte wahr oder falsch ist © APA (dpa)

Wie Algorithmen beim Faktencheck auf Social Media helfen

Soziale Netzwerke sind durchdrungen von Unwahrheiten, Fehlinformationen und ...
Den richtigen Rahmen für die richtige Botschaft © APA (dpa)

"Framing": Der Deutungsrahmen macht die Botschaft

Elisabeth Wehlings Expertise hat in Zeiten von "postfaktischen" politischen ...
Ausgewogene Berichterstattung wird der Sache nicht immer gerecht © APA (dpa)

Umfrage: Das sagt die Community zu Fakten und Fake News

Unser Weltbild ist ein aufgeklärtes. Dennoch werden Ergebnisse aus Forschung ...
v.l.: Marcus Hebein, Michael Lang, Ingrid Brodnig, Peter Hajek, Helga Nowotny und Franz Fischler © APA-Fotoservice/Roßboth

Alles Fake News oder was? - Die "Ungewissheit ist ein Faktum"

Der Begriff "Fake News" wird derzeit heftig diskutiert - zumeist im politischen ...
Unterscheidung ist gar nicht so einfach © APA (WILEY VCH/C. Sasa)

Buchtipp: "Wissenschaftlich erwiesen" - Wahrheit oder "Bullshit"?

Über gesicherte Theorien wie die Evolution oder den Zusammenhang zwischen HIV ...