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Irma Trksak 2007 bei der Befreiungsfeier in Ravensbrück © Helga Amesberger
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Widerstand in Österreich: Rolle der Frauen lange unbeachtet

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21.12.2017
  • Von Gisela Linschinger / APA

  • Wien (APA-Science) - Die Tätigkeit von Frauen im Widerstand während des Austrofaschismus und Nationalsozialismus blieb lange Zeit unsichtbar, haben Brigitte Halbmayr und Helga Amesberger vom Institut für Konfliktforschung (IKF) festgestellt. Die Bedeutung ihrer Aktivitäten für die Nachkommen und die Demokratisierung in Österreich werden die Sozialwissenschafterinnen nun mit Unterstützung der Stadt Wien untersuchen.

  • Viele österreichische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer waren jahrzehntelang als Zeitzeugen in Schulen, Universitäten und in der Erwachsenenbildung tätig, berichtete Amesberger. "Die Tradierung von Widerstand und Verfolgung gegenüber dem eigenen Nachwuchs war jedoch meist von einer tiefen Ambivalenz geprägt", so die Forscherin gegenüber der APA. Dies hätten Untersuchungen der beiden Politologinnen zu den Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück ergeben. Diese Ambivalenz rühre nicht zuletzt vom Versuch, die Kinder zu schützen und sie nicht mit dem erfahrenen Leid zu konfrontieren, erklärte die Expertin.

  • "Alle Gräuel ferngehalten"

  • "Meine Mutter hat alle Gräuel aus dem KZ von mir ferngehalten, sodass ich als Kind beinahe geglaubt habe, in Ravensbrück sei es schön gewesen", erzählte auch Ludwig Trksak der APA. Trksak ist der Sohn der KZ-Überlebenden Irma Trksak. Die Lehrerin, 1917 als Kind slowakischer Eltern in Wien geboren, engagierte sich ab 1940 im Widerstand. "Treibende Kraft war die Empörung, dass Angehörige der slawischen Minderheit zu Menschen zweiter Klasse degradiert wurden", so die Politologin Amesberger. 1941 wurde Irma Trksak verhaftet und 1942 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt.

  • Später habe sie sich für die Zwangsarbeit bei der Firma Siemens gemeldet, wo sie als Schreiberin die Arbeitsleistung der Häftlinge verzeichnete, erfährt man auf der Webseite www.ravensbrueckerinnen.at. Auch dort habe die junge Frau Widerstand geleistet: Sie verfälschte die Statistiken, um jene, die das Arbeitssoll nicht erbringen konnten, zu schützen. 1945 gelang ihr während des "Evakuierungsmarsches", wie die Räumung des KZs euphemistisch bezeichnet wurde, die Flucht.

  • Zeugin bei Ravensbrück-Prozessen

  • Irma Trksak sagte 1947 als Zeugin bei den Hamburger Ravensbrück-Prozessen aus, war von Beginn an im KZ-Verband tätig und ist Gründungsmitglied der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. Ihr soziales Umfeld habe auch nach dem Krieg aus Wiener Tschechen und den "Ravensbrückerinnen" bestanden und sie sei in der Kommunistischen Partei (KP) tätig gewesen, erzählte ihr Sohn.

  • Als sie der Partei von den tatsächlichen Zuständen in der Tschechoslowakei unter kommunistischer Herrschaft berichtet habe, sei ihr nicht geglaubt worden und man habe sie aus der Partei ausgeschlossen. "Ab diesem Zeitpunkt begann man ihr vorzuwerfen, eine Kollaborateurin der Nazis gewesen zu sein", sagte Trksak - ein Vorwurf, der seitens der Kommunisten vielen KZ-Überlebenden gemacht wurde.

  • Wahrnehmungs- und Verarbeitungsverzerrungen seien neben dem Schweigen mit ein Grund dafür, dass die Widerstandstätigkeit von Frauen lange unsichtbar geblieben sei, erklärte Amesberger. Mitverantwortlich sei das traditionelle Frauenbild: "Selbst die NS-Behörden und -Justiz sahen Regimegegnerinnen als weitaus weniger gefährlich für den NS-Staat an als Widerstandskämpfer", so die Forscherin. Frauen seien als Helferinnen und Unterstützerinnen der männlichen Täter qualifiziert worden.

  • Dies sei vielfach auch in den Widerstandsgruppen der Fall gewesen, wo ebenfalls patriarchale Traditionen vorgeherrscht hätten: "Frauen nahmen daher zumeist keine Führungsrollen ein - wenngleich sie wichtige und gefährliche Aufgaben ausführten", erklärte Amesberger. Dazu gehörten das Sammeln von Nahrungsmitteln, Arbeitssabotage, Brandstiftung und das Verfassen und Streuen von Flugblättern.

  • Forschung wider die Klischees

  • Um mit dem gängigen Klischee "organisierter Widerstand ist männlich, humanitärer Widerstand ist weiblich" aufzuräumen, wollen Amesberger und Halbmayr nun der Rolle von Frauen in Widerstandsnetzwerken während der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus nachgehen und ihren Beitrag zur Demokratisierung Österreichs untersuchen. Dazu gehört auch die Erforschung der Auswirkungen der Widerstandstätigkeit auf die Nachkommen.

  • Da seine als Zeitzeugin tätige Mutter ihm gegenüber geschwiegen habe, seien seine ersten Informationsquellen die von bzw. über die Ravensbrückerinnen verfassten Druckwerke gewesen, die zuhause vorhanden waren, berichtete Trksak. Vieles lerne er jedoch erst jetzt bei der Sichtung des Nachlasses seiner am 11. Juli 2017 im 100. Lebensjahr verstorbenen Mutter.

  • Er selbst habe sich in der "Jungen Garde", der Jugendorganisation der KP engagiert, und später von ihr distanziert. Mitbestimmung sei ihm jedoch wichtig geblieben - so organisierte er in den Achtzigerjahren Demonstrationen gegen die Motorradfeindlichkeit des ehemaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk.

  • Das Forschungsprojekt wird von der Stadt Wien gefördert, die anlässlich des Jubiläumsjahres 2018 insgesamt 600.000 Euro für die Forschung zur Verfügung stellt. Mit 300.000 Euro werden Forschungsvorhaben im Bereich Erinnerungskultur sowie Wissenschaftsvermittlungsprojekte zum Thema "Republik in Österreich - Demokratie in Wien" gefördert. Weitere 300.000 Euro aus dem Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stehen für vier Forschungsprojekte zum Thema "100 Jahre Gründung der Ersten Republik" zur Verfügung.

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