Dossier

Forschungsprojekt beleuchtet verändertes Mediennutzungsverhalten © APA (AFP)
4
Dossier

Wie smart ist das Phone?

Dossier

25.04.2018
  • Von Anna Riedler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - 94 Prozent der Österreicher nutzen Smartphones - und das über drei Stunden täglich. Das schlaue Handy ist über die Fähigkeit des Telefonierens längst hinausgekommen. Definitionsgemäß vereint es die Funktionen von Computer, Telefon, Taschenrechner und Kalender. Der Digital Native, also eine Person, die mit diesen smarten Technologien aufgewachsen ist, kauft und verkauft, schreibt und surft, spielt und arbeitet damit. Das Smartphone ist aus seinem Leben längst nicht mehr wegzudenken. Das Forschungsprojekt "Smart?Phone" des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien nimmt das Phänomen unter die Lupe.

  • "Jene Kommunikationstechnologie, die unser Mediennutzungsverhalten und unseren Alltag in den letzten Jahren fundamental verändert hat, ist das Smartphone - und die damit verbundenen Apps", erklärte Projektleiter Jörg Matthes gegenüber APA-Science die Hintergründe des Projekts. "Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist das Smartphone zum ständigen digitalen Begleiter geworden. Wir haben uns gefragt: Ist die permanente Vernetzung und ständige Verfügbarkeit durch das Smartphone wirklich 'smart'? Die häufige Smartphone-Nutzung birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken und Gefahren - insbesondere für Heranwachsende."

  • Mit Schülern Wissenslücken schließen

  • Matthes sieht drei Forschungslücken, die es zu schließen gilt: Erstens, die Folgen der permanenten Online-Kommunikation, also zu jeder Zeit und an jedem Ort. Zweitens, bisher fehlende Längsschnittuntersuchungen, die einen kausalen Zusammenhang zwischen der Smartphone-Nutzung und dem Wohlbefinden herstellen können. Und drittens, individuelle und kontextuelle Einflussgrößen (wie Persönlichkeitsmerkmale oder das familiäre Umfeld), welche die Heranwachsenden vor negativen Folgen schützen oder sie im Gegenteil besonders vulnerabel machen. Diese drei Punkte wurden in den Augen des Forschers noch nicht ausreichend untersucht.

  • Smart?Phone nimmt diese Punkte in Angriff. Das Besondere dabei: Als Sparkling-Science-Projekt bindet es die Schüler direkt in die Arbeit ein. Sparkling-Science ist ein Forschungsprogramm des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF), bei dem Wissenschafter gemeinsam mit Jugendlichen Antworten auf aktuelle Forschungsfragen suchen. So soll ihr Interesse an der Forschungsarbeit gesteigert werden. Smart?Phone erhielt dafür eine Forschungsförderung von dreizehn Prozent.

  • Konkret bedeutet diese Zusammenarbeit, dass das Projektteam regelmäßig Schulen besucht, um dort mit den Schülern die bisherigen Ergebnisse zu reflektieren und die nächsten Arbeitsschritte zu planen. Insgesamt sind 111 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 20 Jahren aus fünf unterschiedlichen Klassen aus den teilnehmenden Partnerschulen HAS Friesgasse, VBS Akademiestraße und VBS Hamerlingplatz im Projekt involviert. Die Laufzeit beträgt rund zwei Jahre und endet voraussichtlich im August 2019.

  • Projekt in drei Abschnitten

  • Das Projekt, das seit September 2017 läuft, setzt auf eine Kombination verschiedener Methoden zur Datenerhebung. Die erste der drei Projektphasen wurde bereits abgeschlossen. Hierfür wurden 115 leitfadengestützte Interviews von und mit Schülern zur persönlichen Nutzung und Bedeutung ihres Smartphones durchgeführt. "Auf diese Weise konnten die Jugendlichen wichtige Techniken der sozialwissenschaftlichen Forschung wie die Leitfadenentwicklung, Interviewführung und -auswertung kennenlernen. Die Ergebnisse aus den Interviews haben uns aufgezeigt, wie Jugendliche über die permanente Smartphone-Nutzung denken", so Matthes.

  • "Vor kurzem haben wir die Datenerhebung der zweiten Phase abgeschlossen." Hierfür haben die teilnehmenden Schüler eine Woche lang in einer sogenannten Mobile-Experiencing-Studie dreimal täglich ihre eigene Mediennutzung und ihr subjektives Wohlbefinden festgehalten. "Die Bereitschaft bei der Studie mitzumachen hat uns positiv überrascht. Insgesamt haben 79 Schülerinnen und Schüler an der Studie teilgenommen, und es wurden über 950 Messungen generiert." Diese Daten werden zurzeit analysiert und aufbereitet.

  • Die dritte Phase, eine österreichweite repräsentative Panelbefragung, befindet sich gerade in der Vorbereitung. Sie wird in zwei Wellen im Mai und im November diesen Jahres stattfinden. Befragt werden 500 Kinder im Alter von 10 bis 19 Jahren sowie ein dazugehöriger Elternteil. Insgesamt werden also 1.000 Personen zu zwei Zeitpunkten untersucht. "Ziel der Studie ist es, die Zusammenhänge zwischen der Smartphone-Nutzung und sozialer Einsamkeit sowie der schulischen Leistungsfähigkeit näher zu beleuchten und wichtige Einflussfaktoren, die diese Prozesse bedingen, zu identifizieren. Diese Methode ermöglicht es uns, die längerfristigen Einflüsse aus dem Elternhaus wie Erziehungsstile und die Kommunikationsqualität zwischen Eltern und Kindern zu erforschen.

  • Die Angst, etwas zu verpassen

  • Erste Auswertungen der Leitfadeninterviews zeigen auf, dass die Smartphone-Nutzung in einem positiven Zusammenhang zum Wohlbefinden von Jugendlichen steht. Vor allem das Posten auf diversen Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter wirke sich positiv aus, erklärte Matthes.

  • Zudem habe sich gezeigt, dass besonders eine spezifische Personengruppe davon profitiere: jene Jugendlichen, die eine besonders starke Angst davor haben, etwas zu verpassen. "Wir nennen dieses psychologische Konstrukt Fear of Missing Out oder kurz FOMO. Dieser Effekt lässt sich einfach erklären: Wenn ich den Eindruck habe, dass andere ständig mehr erleben als ich, dann hilft mir das Posten auf den diversen Social-Media-Kanälen dabei, mit dieser Sorge umzugehen und ich fühle mich insgesamt besser. Das Ergebnis liefert eine Erklärung dafür, was die Jugendlichen antreibt, ständig auf Social Media präsent zu sein. Wichtig ist zu betonen, dass wir diesen Zusammenhang erstmals mit der Methode des Mobile-Experience-Sampling nachweisen konnten. Im Gegensatz zu klassischen Befragungen, wo die Teilnehmer/innen nur zu einem Zeitpunkt befragt werden, haben wir die Jugendlichen eine Woche lang bis zu 15 Mal zu unterschiedlichen Tageszeiten zu ihrer Smartphone-Nutzung und ihrem Wohlbefinden befragt. Diese Art der Befragung liefert wesentlich exaktere Ergebnisse."

STICHWÖRTER
Entdeckungen und Innovationen  | Schule  | Smartphone  | Digitalisierung  | Schüler  | BMBWF  | Dossier  | Wissenschaft  | Forschung  | Bildung  |

Dossier

Neue Technologien haben schon immer sowohl Faszination als auch Unbehagen ausgelöst. Durch die ungeheure Dynamik des digitalen Wandels wird das noch verstärkt. Inwieweit haben diese teils ...

Gastkommentare

"Der digitale Mensch. Zur Interkonnektivität auf allen Ebenen"
von Katrin Döveling
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
"Einflüsse der Digitalisierung auf menschliche Kommunikation"
von Peter Walla
Webster Vienna Private University
"Gesundheit im Zeitalter der Digitalisierung"
von Ingo Raimon
Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)
"Freizeit 4.0 - Wie digital ist unsere Freizeit?"
von Peter Zellmann
Institut für Freizeit- und Tourismusforschung

Hintergrundmeldungen

Das Handy: Viel mehr als ein Telefon und immer griffbereit © Pixabay.com

Jugendliche leben in der digitalen Realität - und brauchen gute Vorbilder

Wischen und drücken: Schon die Allerkleinsten wissen heute, wie digitale Medien ...
. © vege - stock.adobe.com/Markus Glombitza

Digital arbeiten: Das Ende der Routine

Digitale Technologien werden das Arbeiten weiter verändern. Das steht für ...
Soziale Medien bieten neue Möglichkeiten - disruptiv magische Kräfte haben sie aber keine © APA (AFP)

Wie essen und trinken: Der Umgang mit digitalen Medien wird bald kein Thema mehr sein

Im Leben heutiger Teenager verschwimmen "Online"- und "Offline"-Realitäten ...
Peter Reichl fordert Zeit zum Reflektieren © Todorka Balinova/privat

Das Internet einmal abschalten und nachdenken

Die rasante technologische Entwicklung lässt manchmal grundlegende Fragen ...
Sprachassistenten müssen noch "sozial erträglicher" werden © APA (AFP/Amazon)

"Alexa, was ist die Hauptstadt von Litauen?"

Wenn Kinder nicht mehr im Buch nachschlagen, sondern digitale Assistenten ...
Forschungsprojekt beleuchtet verändertes Mediennutzungsverhalten © APA (AFP)

Wie smart ist das Phone?

94 Prozent der Österreicher nutzen Smartphones - und das über drei Stunden ...
Digitale Arbeit passiert oft im Unsichtbaren © APA/LG/tsn

Arbeit im Umbruch - wieder

Arbeit wird zusehends digitaler, damit auch die Arbeitswelt. Das Attest ist ...

Mehr zum Thema