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Unstrukturierte Angebote nehmen zusehends ab © APA (Neubauer)
Unstrukturierte Angebote nehmen zusehends ab © APA (Neubauer)

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Kindergarten: Hilfswerk fordert Ende des "Fleckerlteppichs"

07.05.2018

Einen "nationalen Kraftakt" zur Beendigung der Unterschiede im Bereich der Kindergärten forderte der Präsident des Hilfswerk Österreich, Othmar Karas (ÖVP), kürzlich vor Journalisten. Das derzeitige Angebot gleiche einem "Fleckerlteppich", bei dem Zugang und Qualität der Betreuung stark vom Wohnort abhängen. Die Regelungen zwischen Bund und Ländern könnten Unterschiede nicht ausgleichen.

Langfristig brauche es einen "Masterplan Kinderbildung", in dem eine grundlegende Reform angestrebt werden sollte. Kurzfristig müsse zumindest die heuer im zweiten Halbjahr auslaufende 15a-Vereinbarung zwischen dem Bund und den Ländern verlängert werden. Diese sei als "Anschubfinanzierung" für den Ausbau des Betreuungsangebotes geeignet, habe allerdings nicht dazu geführt, die "wohnortabhängige Bildungschancenlotterie" zu beenden, was auch an unterschiedlichen Voraussetzungen in den Bundesländern und der oftmals schwierigen Finanzlage in den Gemeinden liege, sagte Karas.

Der Blick auf den Status quo offenbare jedenfalls "willkürliche Unterschiede, die keiner erklären kann". So kommen etwa in Niederösterreich auf 1.000 Kinder unter drei Jahren 3,6 Kindergruppen, in Tirol und Wien seien es immerhin mehr als 16. Bei den Drei- bis Sechsjährigen liege Wien wiederum bei knapp unter 30 Gruppen pro 1.000 Kinder, während es in Niederösterreich mehr als 63 sind, wie eine Analyse des Instituts für Familienförderung zeige. Das mache einen "gewaltigen Unterschied" mit großen Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf.

Hier handle es sich um "falsch verstandenen Föderalismus", so Karas, der darauf hofft, dass im Zuge der Bemühungen um die Bundesstaatsreform für den elementarpädagogischen Bereich einheitliche Grundlagen geschaffen werden, ohne dabei "Zentralismus, Planwirtschaft und Einheitsbrei" Tür und Tor zu öffnen. Im Regierungsprogramm erkenne er zwar den politischen Willen zur Veränderung, es brauche nun aber auch ein starkes Bekenntnis dazu, "echte Reformen" durchzuziehen.

Veränderungen im Umgang mit Kindern nötig

Veränderungen brauche es mancherorts auch im Umgang mit Kindern, so Martina Genser-Medlitsch, die beim Hilfswerk die Fachliche Leitung Kinder, Jugend, Familie innehat. Als einer der größten privaten Träger in dem Bereich mit mehr als 18.000 betreuten Kindern beobachte man über 40 Jahre hinweg ein Abnehmen der Angebote für Kinder, ihr Spiel frei gestalten zu können. Gleichzeitig habe eine gewisse "Förderitis" Einzug gehalten, die das für Kinder ungemein wichtige unstrukturierte Spiel zurückdränge. Zwischen Babyyoga oder dem geordneten Spielen mit einem "Native Speaker" kämen Kinder oft kaum mehr mit Langeweile zurecht.

Der zunehmende gesellschaftliche Druck steigere das Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis der Eltern, die sich zunehmend als "Entertainer" verstünden, die die Freizeit ihres Nachwuchses durchtakten. Das bringe vielfach "verflachte Erfahrungsräume" und weniger Rückzugs- und Freiräume für die Kleinen mit sich. Eine Folge seien neben mehr Unkonzentriertheit und innerer Unausgeglichenheit auch eine Zunahme motorischer Defizite, sagte Genser-Medlitsch, die eine neue Broschüre zum Thema mit dem Titel "Spielen macht schlauer" vorstellte.

Auch im ländlichen Raum würden unstrukturierte Angebote zusehends abnehmen, so Matthias Huber vom Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien. Bildungseinrichtungen und die Familien sollten danach trachten, "diese Räume wieder zur Verfügung zu stellen", so der Wissenschafter, der auch dafür plädierte, dass Eltern ihre Smartphones für eine gewisse Zeit am Tag ausschalten.

Service: www.hilfswerk.at

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