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Initiative zur Steigerung von Schul- und Unterrichtsqualität läuft seit 2004 © APA (dpa)
Initiative zur Steigerung von Schul- und Unterrichtsqualität läuft seit 2004 © APA (dpa)

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Kritik an Trends Schulentwicklung, Autonomie, Individualisierung

03.03.2017

Schulentwicklung, Schulautonomie und Individualisierung des Unterrichts liegen in der österreichischen Bildungspolitik seit Jahren im Trend - zu Unrecht, geht es nach den Autoren des Sammelbands "schule entwickeln. Bildungsforschenden Spielräumen auf der Spur". Sie warnen davor, Schüler und Lehrer über solche Prozesse zu Selbstoptimierung zu drängen und soziale Selektion noch zu fördern.

An den allgemeinbildenden Schulen (v.a. Volks- Neue Mittelschule, AHS) ist Schulentwicklung seit 2013/14 Pflicht, an den berufsbildenden Schulen läuft schon seit 2004 eine Initiative zur Steigerung von Schul- und Unterrichtsqualität. Ziel ist die Anhebung des Bildungsniveaus, indem Schüler beim eigenständigen Lernen unterstützt werden.

In der Praxis läuft dieser Prozess laut Kritikern allerdings alles andere als friktions- und nebenwirkungsfrei ab. Die Herausgeber Agnieczka Czejkowska, Tobias Dörler und Julia Seyss-Inquart (alle vom Institut für Pädagogische Professionalisierung der Uni Graz) schreiben von einer "verordneten Selbststeuerung", die unter medialem Druck und deshalb zu rasch und wegen Budgetnot auch noch ohne adäquate Unterstützung der Schlüsselpersonen stattfinden muss. Die Folge: "Lehrer_innen fühlen sich im vorherrschenden Diskurs in die Rollen von Kostenfaktoren und Innovationswiderständen gedrängt, die nicht freiwillig, sondern verpflichtend und in 'Ergebniskorridoren' arbeiten sollen."

Verantwortung und Motivation werden ausgeblendet

Im "Schulentwicklungsuniversum" würden Verantwortung und Motivation für das Lernen zur Sache von Schülern und Lehrern und externe Faktoren weitgehend ausgeblendet. Im Sinne einer "Verwertungslogik" werde bei dem Prozess auch noch mit Konzepten aus der Organisationsentwicklung gearbeitet. "Schulentwicklungstheorien können daher als Teil der Etablierung von (neoliberalen) Logiken gesehen werden, die auf die stetige Selbstoptimierung der Schüler_innen und Lehrer_innen abzielen."

Neben diesem aus ihrer Sicht verengten Blick auf Schule warnen die Autoren auch davor, dass Schulentwicklung zu mehr sozialer Selektion führe: Erkläre man Erhalt und Steigerung der Schülerzahl durch optimale Schulentwicklung zum zentralen Erfolgsindikator, führe das dazu, dass gezielt Schüler mit möglichst hoher Schulleistung und hohem Sozialkapital angeworben würden - und die anderen abgelehnt.

Auch die Forderung nach Effektivität von Schulunterricht wird in dem Band kritisch bewertet. In Australien hat etwa die Implementierung eines Schuleffektivitäts-Paradigmas (samt Konzepten wie Ergebniskontrolle, Selbstevaluation, lokaler Berichterstattung) laut der deutschen Erziehungswissenschafterin Mechtild Gomolla dazu geführt, dass "Schülerinnen und Schüler aus sozial marginalisierten- bzw. sogenannten 'Risikogruppen/-gemeinden' auf historisch neue Weise als 'Belastung' der Schulen positioniert werden": Schuleffektivität führe dazu, dass diese Kinder und Jugendlichen primär als jemand wahrgenommen würden, der die schulische Gesamtleistung, die Position in Schulrankings oder den Ruf bei Eltern oder in der Öffentlichkeit gefährdet oder aber - per "Sozialindex" für Schulen mit besonders vielen benachteiligten Schülern - zusätzliches Geld einbringt. Soziokulturelle Erklärungen für unterschiedliche Schülerleistungen würden zunehmend zurückgedrängt, stattdessen werden individuelle Defizite ins Zentrum rücken.

Internationaler Wettbwerb

Schulen stehen im internationalen Wettbewerb, sie müssen Rechenschaft ablegen, ihre Ausgaben begrenzen. Bildungsgerechtigkeit sei zwar weiterhin Thema, so Gomolla. Allerdings anders als in den 1960ern und 1970ern nicht mehr im Kontext breiter gesellschaftlicher Reformanstrengungen, sondern "tendenziell in einem entpolitisierten Verständnis als technische Frage der Optimierung schulischer Angebotsstrukturen und der Verteilung von Ressourcen zu diesem Zweck".

Die derzeit auch in Österreich forcierte Autonomie der Schulen ist für die deutsche Erziehungswissenschafterin Käte Meyer-Drawe ebenfalls nicht wünschenswert. "'Autonomie der Schule' heißt wirklich nichts anderes, als dass ihr die Finanzierung selbst überlassen bleibt. Der Staat zieht sich wirklich aus allem zurück." Auch die Forderung nach Individualisierung ist für Meyer-Drawe weder empirisch noch theoretisch haltbar. Diese sei eine Überschätzung oder Überforderung des Einzelnen und gleichzeitig eine Unterschätzung der Bedeutung von Lehrern. Diese seien eben nicht nur Coaches, es gehe darum, den Schüler dazu zu bringen, dass er mehr erreicht, als er sich selbst zugetraut hätte. Individualisierung führe hingegen zu Isolierung und dazu, dass die Schüler in ihrer eigenen Meinung gefangen blieben. "Wenn man ein Rezept patentieren lassen möchte, wie soziale Herkunft manifestiert werden kann, dann müsste ich sagen: Individualisierung, Individualisierung, Individualisierung."

Service: schule entwickeln. Bildungsforschenden Spielräumen auf der Spur, Hg. Agnieszka Czejkowska, Tobias Dörler, Julia Seyss-Inquart, Löcker Verlag, 132 S., 14,80 Euro

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