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Volksschullehrer-Ausbildung dauert nun etwa doppelt so lange © APA (dpa)
Volksschullehrer-Ausbildung dauert nun etwa doppelt so lange © APA (dpa)

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PH-Rektoren befürchten Lehrermangel an NMS durch längere Ausbildung

10.10.2018

Wer Lehrer werden will, muss seit der Reform der Pädagogenausbildung deutlich länger studieren. Im Volksschulbereich ging seither die Zahl der Studienanfänger merklich zurück. Experten erwarten dennoch keinen Personalmangel. An den Neuen Mittelschulen dürfte es jedoch eng werden, fürchtet Christoph Berger, Rektorensprecher der Pädagogischen Hochschulen (PH).

Seit der Umstellung auf die "PädagogInnenbildung Neu" 2015/16 stehen angehende Volksschullehrer nicht mehr nach drei Jahren Bachelorstudium in der Klasse. Die Grundausbildung an den PH dauert nun vier Jahre. Für eine Fixanstellung muss außerdem ein Masterstudium (ein Jahr bzw. an manchen PH bei Schwerpunkten wie Inklusion 1,5 Jahre) draufgesetzt werden, dazu kommt noch ein Jahr Berufseinführung an der Seite eines erfahrenen Lehrers ("Induktionsphase"). Die Ausbildungsphase dauert damit etwa doppelt so lange.

Die Folge: Im ersten Jahr nach der Umstellung auf die neue Ausbildung ging die Zahl der Studienanfänger um zwölf Prozent auf rund 1.800 zurück und hat sich seither auf diesem Niveau eingependelt, zeigen Daten der Statistik Austria. Allerdings haben damit trotz Minus immer noch doppelt so viele die Volksschullehrer-Ausbildung begonnen wie 2007/08. Aus Sicht des Bildungsministeriums sollte mit der aktuellen Zahl an Studienanfängern der Personalbedarf daher zu decken sein - vorausgesetzt die Dropout-Quoten fallen künftig nicht höher aus als die bisherigen fünf bis zehn Prozent, heißt es gegenüber der APA. Auch PH-Rektorensprecher Berger sieht die Entwicklung im Volksschulbereich "ganz entspannt": "Ich habe nicht das Gefühl, dass dadurch wirklich viele abgeschreckt werden."

Ausbildung für die Sekundarbildung dauert künftig sechs Jahre

Sorgen macht Berger allerdings die Entwicklung im Bereich Sekundarbildung, wo die Ausbildung in den allgemeinbildenden Fächern (etwa Deutsch, Geografie, Turnen) künftig sechs Jahre plus ein Jahr "Induktionsphase" dauert. Im Vergleich zur bisherigen AHS-/BMHS-Lehrerausbildung an den Unis sind das eineinhalb Jahre mehr, im Vergleich zur Ausbildung der NMS-Lehrer an den Pädagogischen Hochschulen sogar vier Jahre. Außerdem wurde hier die Ausbildungsstruktur komplett umgekrempelt: Künftig werden alle Lehrer für den Altersbereich zehn bis 19 Jahre von Unis und PH gemeinsam ausgebildet und studieren damit an mehreren Institutionen gleichzeitig.

Die Daten sind wegen dieser Systemumstellung nur schwer vergleichbar. Grob lässt sich allerdings sagen, dass es im ersten Jahr nach der Umstellung 2016/17 einen deutlichen Dämpfer bei den Anfängerzahlen gab. Demnach ist mit der flächendeckenden Einführung der neuen Studienarchitektur 2016/17 jeder sechste Studienanfänger für das Lehramt an AHS/BMHS und NMS abhandengekommen. Im zweiten Jahr war das Minus mit rund sieben Prozent relativ moderat. Auch hier waren allerdings in beiden Jahren nach der Umstellung die Zahlen immer noch höher als jene der Lehramtsstudienanfänger für die Sekundarstufe an PHs und Unis vor 2009/10. Und: Auch im Sekundarbereich gab es schon vor der Umstellung auf die längere Ausbildung einen Rückgang bei den Studienanfängern, vor allem an den Universitäten. Dort existierten - abgesehen von Sport oder in künstlerischen Fächern - keine Aufnahmeverfahren, ehe 2014/15 fünf der acht Unis mit Lehramtsstudium erstmals Tests einführten - und die Anfängerzahlen in der Folge um mehr als ein Viertel zurückgingen.

Im Bildungsministerium macht man sich auch im Sekundarbereich vorerst keine großen Sorgen: An den Unis seien Lehramtsstudien traditionell auch von jenen als Zweitstudium inskribiert, die gar nicht wirklich Lehrer werden wollten. Diese Gruppe habe in der Regel das Studium auch gar nicht abschlossen, in einigen Fächern würden Drop-outs von bis zu 50 Prozent kolportiert. Die entscheidende Frage sei daher nun, wie viele Studienanfänger unter diesen neuen Voraussetzungen, von denen das Ministerium sich auch mehr Verbindlichkeit erhofft, die Lehrerausbildung schlussendlich abschließen.

Sorge um NMS

Düsterer bewertet PH-Rektorensprecher Berger die Lage. Unterm Strich würden künftig auf jeden Fall weniger Personen die Lehrerausbildung für die Sekundarstufe beginnen, dazu komme die an den Unis traditionell höhere Abbruchquote. "Ich mache mir Sorgen, ob wir in Zukunft genug Lehrerinnen und Lehrer für die NMS bekommen werden." Das neue Studium für die Sekundarstufe sei zwar durch die Kooperation mit den Unis fachwissenschaftlich aufgewertet worden, als Lehrer an einer NMS in Simmering brauche man aber nicht unbedingt höchste akademische Weihen in Mathematik. Berger fürchtet, dass man mit der neuen Ausbildung jene Personen nicht mehr anspreche, die Pädagoge werden wollten um "den Menschen zu bilden und die Freude am Lernen weiterzugeben". Zusätzlich würden außerdem auch die Quereinsteiger wegfallen: Eine dreijährige Ausbildung sei für diese Gruppe eine überschaubare Dauer. "Aber nach 15 Jahren im Beruf startet niemand mehr eine sechsjährige Ausbildung."

Auch wenn die neue Lehrerausbildung grundsätzlich einen gewissen Qualitätsschub gebracht habe und auch die Zusammenarbeit mit den Unis gut funktioniere, ist Berger nicht glücklich mit der Konstruktion. Die pädagogischen Herausforderungen an den NMS seien zu wenig abgebildet, es gibt keine eigene Ausbildung mehr für Sonderschul- und Religionslehrer. An den Volksschulen sei die Verlängerung von drei auf fünf bzw. sechs Jahre "auch aus volkswirtschaftlicher Sicht zu hinterfragen".

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