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1914/2014 - Buch über "schmutzigen Krieg" Wiens

02.12.2014

Noch eine Neuerscheinung zum Gedenkjahr 2014. Brauchen wir das? Und ob, denn der einzige Makel des von einem jungen österreichischen Historikerteam verfassten Buches "Habsburgs schmutziger Krieg" besteht darin, dass es erst zum Abschluss des großen Jubiläumsjahres zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs auf den Markt kommt.

Die Historiker Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser und Wolfram Dornik setzen mit ihrem Buch nämlich einen Kontrapunkt zum vorherrschenden Diskurs über den Weltkriegsausbruch, der sich zentral um das diplomatische Versagen und die Kriegsschuldfrage drehte, aufbauend auf einem Grundton des Bedauerns ob des kriegsbedingten Zerfalls der Habsburgermonarchie.

Der nostalgischen Verklärung stellen die Autoren eine Fülle an erschütternden Tatsachen zur verbrecherischen Kriegsführung Österreich-Ungarns entgegen. Ihre Gewährsleute sind dabei keineswegs Kriegsgegner, sondern stützen sich auf offizielle Armeequellen. "Jeden Verdächtigen niederschießen, aber nicht verhaften!", lautete ein Befehl im Festungskommando des galizischen Przemysl.

Nichts für schwache Nerven

Die detaillierten Schilderungen von der Kriegsgräuel sind nichts für schwache Nerven. So zitieren die Autoren einen k.u.k. Offizier, der berichtete, wie im galizischen Bezirk Dobromil angebliche Russenfreunde "buchstäblich zerhackt" worden seien. Sie "wurden zerfleischt, dass Hirnmasse und Blut die Zuschauer und die Mauer bespritzten. Es blieben nur Klumpen zuckenden, dampfenden Fleisches übrig. Draußen sind Schüsse zu hören."

Besonders schlimm wütete die österreichisch-ungarische Armee auf dem Balkan. Allein in den ersten Augustwochen 1914 wurden dort 3.500 bis 4.000 Zivilisten "niedergemacht", wie es im Armeejargon hieß. "Ich ging auf die Knie vor einem Opfer, einer Frau, deren Kind im Bauch umgebracht worden war", berichtete ein serbischer Freischärler damals vom Anblick einer Frau mit aufgeschlitztem Bauch. Sie war eines der "Opfer, die in Vergessenheit geraten sind", denen die Autoren ihr Buch widmen.

Dabei waren die Kriegsverbrechen bereits während des Ersten Weltkriegs Gegenstand der öffentlichen, auch internationalen Debatte. Im Jahr 1917 berichteten ruthenische Abgeordnete im Wiener Reichsrat von den Kriegsverbrechen, und auch die Entente-Mächte versuchten die Angelegenheit propagandistisch auszuschlachten. Die Donaumonarchie verantwortete sich damals unter anderem mit dem Argument, dass die lokale Bevölkerung auf einer "niedrigeren Kulturstufe" stehe. Im Juni 1916 gab das Wiener Außenministerium eine eigene Anklageschrift mit insgesamt 360 Völkerrechtsverletzungen durch die Kriegsgegner heraus, davon bezogen sich 49 auf die "unkorrekte Behandlung des diplomatischen Personals der Habsburgermonarchie".

Kriegspropaganda unter der Lupe

Die Autoren gehen in ihrem Buch noch weitere heiße Eisen an, etwa die unmenschlichen Zustände in den Kriegsgefangenenlagern, das Besatzungsregime der Armee sowie die Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. In einem einführenden Kapitel zur "Kriegsschuld" äußern sie sich in Anspielung an "Schlafwandler"-Autor Christopher Clark kritisch zu Tendenzen, "eine gesamteuropäische Proporzlösung der geteilten Schuld in den Dienst eines noblen Versöhnungswerkes" zu stellen.

Um die richtigen Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen, ist es in der Tat wichtig, die Verantwortlichkeiten klar zu benennen. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang den Journalisten Heinrich Kanner, der schon 1922 konstatierte, dass Wien von Anfang an "nur auf die Vernichtung Serbiens" abzielte. "Dies aber um jeden Preis, ohne Rücksicht auf den europäischen Frieden." Resistent gegen internationale Warnungen und Vermittlungsversuche, habe Österreich-Ungarn in diesem Konflikt aus Angst vor dem Tode "erweiterten Selbstmord" begangen. Man könnte hinzufügen, dass dieser nicht so sehr in der Entfesselung des Krieges bestand als in der verbrecherischen Kriegsführung, die dem Kaiserreich die Existenzberechtigung entzog, indem sie allen seinen hehren Werten wie Anstand, Christlichkeit und ethnischem Respekt Hohn sprach.

Service: Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser, Wolfram Dornik: Habsburgs schmutziger Krieg. Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914-1918, Residenz Verlag, St. Pölten, 328 Seiten, EUR-A 24,90, ISBN 978-3-7017-3200-5

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