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Gliera wünscht sich, "dass die Politiker keinen Krieg mehr anfangen" © APA (D. Stiplovsek)
Gliera wünscht sich, "dass die Politiker keinen Krieg mehr anfangen" © APA (D. Stiplovsek)

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1918/2018 - Älter als die Republik: Adele Gliera erinnert sich

06.02.2018

"Es kommt mir gar nicht vor, als wär ich so alt", sagt Adele Gliera. Geboren wurde die rüstige Seniorin am 8. Oktober 1917 in einem kleinen Dorf bei Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet, wuchs im schwäbischen Sigmaringen auf und lebt seit 1939 in Vorarlberg. Die Wirren des 20. Jahrhunderts haben ihr Leben deutlich beeinflusst, auch wenn sie sich, wie sie beteuerte, nie für Politik interessierte.

Glieras erste Erinnerungen an die politischen Gegebenheiten gehen zurück auf die französische Besatzung in den 1920er-Jahren im Ruhrgebiet. "Die haben da ganz schön gehaust", das habe sie aus den Gesprächen der Eltern mitbekommen. "Viele Leute sind erschossen worden", gesehen habe sie so etwas aber nie. Ab 18 Uhr herrschte Ausgangssperre, "und wehe, wenn sich danach ein Vorhang bewegt hat. Die sind alle aus dem Haus geholt worden." Aus der französischen Besatzungszeit zog die damals etwa Fünfjährige aber auch Positives: "Ich hab Französisch fast besser gekonnt als Deutsch", lacht Gliera im Gespräch mit der APA. Auf der Straße hätte sie oft mit den Kindern der Franzosen gespielt: "Meine Eltern hatten da nichts dagegen."

Nationalsozialismus zunächst kein Thema

Mit etwa sieben Jahren zog die Familie nach Lauchatal, einem kleinen Ort bei Sigmaringen im heutigen Baden-Württemberg, der Vater hatte eine Anstellung bei einem Stahlunternehmen bekommen. Als Erste im Dorf besuchte sie ein katholisches Mädchengymnasium, "der Schulleiter hat meinen Vater überredet". Vom Erstarken der Nationalsozialisten bekam sie kaum etwas mit. In der Schule sei das gar kein Thema gewesen und die Eltern hätten sich als gläubige Katholiken überhaupt nicht für Politik interessiert. "Der Nationalsozialismus ist bei uns nicht so in Erscheinung getreten, weil es ja kleine Orte waren", gibt Gliera zu bedenken.

Auch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland - damals hatte sie die Schule "wegen einer Klosterschwester" bereits geschmissen, was sie heute noch bereue - hatte auf ihr Leben keinen Einfluss, beteuert die Seniorin. Sigmaringen hatte nach 1933 eine eigene Gestapodienststelle. Es gab zwar kaum jüdische Bevölkerung, doch aus der Psychiatrie der Stadt wurden 90 von 213 behinderten und psychisch kranken Menschen in die Tötungsanstalten Schloss Grafeneck und Hadamar deportiert und dort ermordet.

"Die Politik ist eine Hur"

Ihren Mann Anton hätte Gliera allerdings ohne die Nazis 1937 wohl nicht kennengelernt, denn der damals 24-Jährige absolvierte als österreichischer Zollbeamter in Sigmaringen einen Umschulungskurs auf reichsdeutsches Zollrecht. Nach der Hochzeit, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zog Gliera mit ihrem Mann in seine Heimat Vorarlberg. In Brugg, einem Ortsteil der Gemeinde Höchst, bekam die junge Familie eine Wohnung in den neu gebauten Zollhäusern. Von seiner Arbeit beim Zoll in den ersten beiden Kriegsjahren habe er wenig erzählt. "Wir haben uns nie für Politik interessiert. Im Gegenteil, mein Mann hat immer gesagt, die Politik ist eine Hur'", berichtet Gliera.

Lang währte das junge Glück nicht, denn bereits 1941 wurde Anton, der noch versucht hatte als Hundeführer dem Kriegsdienst zu entkommen, eingezogen. "Genau am Tag, als unsere Tochter Renate auf die Welt kam, hat er fort müssen", erzählt Gliera. Das Kind habe er gar nicht mehr gesehen. "Ich bin im Spital gelegen, der Zug ist vorbeigefahren." An die Zeit danach erinnert sich die 100-Jährige nicht gerne. "Plötzlich war ich wieder die Deutsche." Das habe man sie deutlich spüren lassen. "Mehr als nötig hat keiner mehr mit mir geredet", berichtet sie von ihrer Isolation. Den plötzlichen Sinneswandel der Bevölkerung führt Gliera auf Neid zurück. "Ich hatte ja eine neue Wohnung und wir waren die ersten, die ein Bad hatten", das hätten ihnen einige nicht gegönnt.

Ein besonders eifriger Nachbar zeigte die junge Mutter bei den Behörden an. "Es hieß, ich würde vor dem Haus sitzen und nichts tun", erzählt Gliera. "Das sind genau die, die einem nachher wieder in den Hintern kriechen", ist sie noch nach vielen Jahren verärgert. Wer genau sie anschwärzte, weiß die Seniorin nicht, eine Vermutung habe sie aber. Die Anzeige führte dazu, dass die damals Mitzwanzigerin in Heimarbeit Fischernetze knüpfen musste, 30 Meter pro Monat.

Brief an Goebbels

Einschüchtern ließ sich die gewitzte Frau aber nicht. Nach einer Rede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels im Radio, in der er darauf hinwies, dass Frauen mit kleinen Kindern nicht zum Arbeitsdienst gezwungen werden dürften, schrieb Gliera kurzerhand persönlich an die Nazigröße. "Alle haben mich ausgelacht. Es hieß, jetzt spinnt sie", amüsiert sich die 100-Jährige noch heute. Doch nach einem Monat kam eine Antwort, die die Aussage Goebbels sogar bestätigte. Gliera ging damit aufs Amt nach Bregenz und hatte vorerst ihre Ruhe. "Den Brief hatte ich noch lange, doch beim Umzug muss er verloren gegangen sein", bedauert sie.

Kampfhandlungen hat sie in Vorarlberg nicht erlebt. Als Feldkirch als erstes Ziel im Ländle im Herbst 1943 bombardiert wurde, fuhr die junge Mutter mit ihrem Kind mit dem Zug dorthin. "Man hat aber nicht viel gesehen", es sei alles abgesperrt gewesen. Richtig schwierig wurde ihr Leben erst, als ihr Mann in russische Gefangenschaft kam.

"Er wurde in der Festung Breslau (Polen, Anm.) von den Russen gefangen genommen", erzählt Gliera. Dabei kam es zu einem Übersetzungsfehler. "Der Dolmetscher übersetzte statt Zollbeamter Gestapobeamter. Sie können sich vorstellen, was er dann mitgemacht hat". Lange habe sie nicht gewusst, ob ihr Mann überhaupt noch lebe. Von den Franzosen, die Vorarlberg nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt hatten, sei ihr Mann als "alter Kämpfer", also überzeugter Nationalsozialist, geführt worden. Als Staatsbeamter war er automatisch NSDAP-Mitglied. "Obwohl er sich ja nie auch nur ein bisschen um Politik geschert hat", ist die Hochbetagte noch immer verbittert.

Überleben wichtiger als Wahlen

Als Konsequenz wurde Anton Gliera in seiner Abwesenheit außer Dienst gesetzt, "und ich bin da gestanden und hab kein Geld mehr gekriegt". Um die ersten freien Wahlen in Österreich und die Besatzungszeit habe sie sich dann gar nicht mehr geschert. "Ich bin zwar wählen gegangen, aber wenn der Mann weg ist und man weiß nicht, ob er noch lebt, ist dir das egal", räumte Gliera ein. Ihre einzige Sorge galt fortan ihrem Überleben und dem ihrer Tochter. "Ich hatte ja niemanden für das Kind, zum Arbeiten musste ich sie überall mitnehmen", erzählt sie. "Wer an der Macht war, war mir egal. Ich hab ja von keinem was bekommen", erklärt sie ihr Desinteresse an der politischen Lage.

Kein gutes Haar lässt Gliera an der Gemeinde, die die Namen von überzeugten Nationalsozialisten an die französischen Besatzer weitergab. "Plötzlich war keiner mehr in Höchst ein alter Kämpfer", spottet die Seniorin. Draufgezahlt hätten einige, die gar keine Nazis waren. "Die echten Nazis sind alle da geblieben, die haben einander auch nach dem Krieg nicht wehgetan", berichtet sie. Von den Franzosen selbst weiß Gliera nichts wirklich Negatives zu berichten. Sie habe sich nie bedroht gefühlt, selbst als ihre Nachbarn, deutsche Zöllner, von heute auf morgen aus ihrem Haus vertrieben wurden - "Sie mussten alles da lassen, Kleidung und Hausrat" - und marokkanische Soldaten in den leeren Wohnungen einquartiert wurden.

"Eine Karte mit sieben Worten"

Ein erstes Lebenszeichen von ihrem Mann erhielt die damals 30-Jährige im Jahr 1948 oder 1949. "Eine Karte mit sieben Worten", danach jeden Monat eine weitere. Als die ersten Transporte mit Gefangenen kamen, hoffte sie immer, er wäre dabei. Doch erst 1950 mit einem der letzten Transporte kam Anton Gliera in Feldkirch an. Als sie ihn am Bahnsteig sah, war das Entsetzen groß. "Das war kein Mensch mehr", beschrieb Gliera den abgemagerten 34-Jährigen, ohne Zähne und krank. "Von Gefühlen gar nicht zu reden. Er hatte einfach keine mehr", berichtet die 100-Jährige von einer schweren Zeit. Die damals neunjährige Tochter, die ihren Vater zum ersten Mal sah, hatte Angst vor dem Mann. "Es hat zwei Jahre gebraucht, bis man mit ihm wieder hat normal leben können."

Einige Zeit später fing Anton Gliera wieder beim Zoll zu arbeiten an, musste allerdings unterschreiben, keine Nachforderungen zu stellen. Für Politik interessierte sich die Familie auch danach nicht. Von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und ihren Gräueltaten hörte Gliera im Radio, geredet wurde darüber aber nicht. 1955 kam ihr Sohn zur Welt, nach seiner Geburt arbeitete die damals beinahe 40-Jährige auf Wunsch ihres Mannes nicht mehr.

Seit mittlerweile 42 Jahren - ihr Mann starb 1975 - ist Adele Gliera Witwe, "bereits eine so lange Zeit", sagt sie selbst. In ihren eigenen vier Wänden bewegt sich die 100-Jährige noch ohne Rollator oder Stock, "insgesamt bin ich aber nicht mehr so gut zu Fuß", räumt sie ein. Stricken ist eine Leidenschaft der alten Dame. Seit etwa 30 Jahren strickt Gliera für Basare der Frauenbewegung in Höchst. Zur heutigen Politik hat sie nicht viel zu sagen, nur soviel: "Ich wünsche mir, dass die Politiker keinen Krieg mehr anfangen." Für Essen und Zuwendung sorgt nach wie vor Glieras Tochter Renate. Die 76-Jährige wohnt mit ihrem Mann in einem Haus, das direkt an das von Gliera angebaut ist. Angesprochen auf die guten Gene der Mutter, wehrt sie ab: "Das brauch ich dann doch nicht", meint sie lachend.

(Das Gespräch führte Alexandra Stockmeyer/APA)

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