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101-jährige Oberösterreicherin übersiedelte vor dem Krieg nach Wien © APA (Pfarrhofer)
101-jährige Oberösterreicherin übersiedelte vor dem Krieg nach Wien © APA (Pfarrhofer)

Kooperationsmeldung

1918/2018 - Älter als die Republik: Maria Simacek erinnert sich

26.06.2018

Frau Maria Simacek ist Rekordhalterin im Pensionistenwohnhaus Jedlersdorf in Wien: Sie lebt dort seit 25 Jahren. In die Hauptstadt ist die gebürtige Oberösterreicherin Anfang der 1930er-Jahre gekommen - nachdem sie ein Urlaubsgast, der in ihrem Heimatort weilte, als Hausgehilfin empfohlen hatte. Maria Simacek ist älter als die Republik: Sie erblickte am 10. April 1917 das Licht der Welt.

"Ich wurde zu einer Familie rekommandiert", berichtete die Zeitzeugin im Gespräch mit der APA. Was bedeutet: Sie durfte auf Empfehlung des Bekannten bei einer jüdischen Familie im 20. Bezirk zu arbeiten beginnen. "Ich war dort Mädchen für alles." Das Dienstverhältnis wurde aber relativ rasch wieder beendet - aus einem einfachen Grund: "Ich konnte nicht koscher kochen. Darum bin ich weggegangen und habe einen anderen Arbeitsplatz gesucht." Was "furchtbar schwer" gewesen sei in der damaligen Zeit.

Von der Hauswirtschaft in die Elektrobranche

Sie übersiedelte in ein Hausgehilfinnenheim: "Dort wurde man wieder vermittelt." Es folgten zahlreiche Wechsel, zu insgesamt vier Familien. 1938 unternahm sie dann den Schritt in eine beruflich bisher völlig fremde Welt. Maria Simacek ging als Hilfsarbeiterin in die Elektrobranche - eine pragmatische Entscheidung, kein Traumberuf: "Man war froh, irgendeine Arbeit zu haben." Allerdings blieb sie der Branche bis zu ihrer Pensionierung 1972 erhalten.

Tätig war sie bei namhaften Firmen wie Minerva, Ingelen, Radione oder Kapsch. Der Beruf führte auch dazu, dass sie so manche Errungenschaften der Technik sehr früh kennenlernte. So half sie unmittelbar nach dem Krieg beim Zusammenbau der ersten Fernsehgeräte. Und bis heute ist sie diesbezüglich auf der Höhe der Zeit: Den großen Flatscreen-TV für ihr Zimmer hat sie erst kürzlich selbst bestellt.

"Meine Zeit kann man mit der Zeit, die heute ist, überhaupt nicht mehr vergleichen. Das Arbeitswesen hat sich sehr verändert. Ich war Akkordarbeiterin. Da gibt es Einzelakkord. Da hat man seinen Arbeitsplatz und ein Muster, und nach diesem Muster musste man das nachmachen", schilderte sie ihren Alltag - der sich auch durch wenig Freizeit auszeichnete. Zuletzt habe sie 42 Stunden pro Woche gearbeitet: "Angefangen hab ich mit 52 Stunden. Urlaub hat es am Anfang nur eine Woche gegeben. Wenn man drei Jahre beschäftigt war, hat man 14 Tage bekommen. Das war schon das meiste. Ich bin in Pension gegangen mit 14 Tagen Urlaub."

Krieg hautnah miterlebt

Den Krieg erlebte Maria Simacek in Wien mit - und das durchaus unmittelbar. Die letzten Kämpfe spielten sich in ihrer nächsten Umgebung ab: "Am Franz Josefs Bahnhof sind die Russen gesessen am Dach von den Waggons. Und auf dem (neben ihrer Wohnung gelegenen, Anm.) Hannovermarkt war ein SS-Stützpunkt. Und die haben sich gegenseitig bekämpft. Das hat zehn Tage gedauert, bis die Russen über den Donaukanal herübergekommen sind."

Neun Tage davon war sie im Luftschutzkeller - in diesem Fall ein Kohlenbunker im Wohnhaus: "Den haben wir als Luftschutzkeller benützt. Das waren die härtesten Tage im Leben." Als sie nach Tagen im Untergrund ihren Nachttopf ausleeren wollte und den Weg nach draußen wagte, wurde sie schon von einer Nachbarin begrüßt: "Jö, Frau Simacek, wo waren's? Die Russen sind schon da!"

Anfangs habe es so gut wie nichts zu kaufen gegeben: "Alles war stillgelegt." Es habe eine Zeit lang gedauert, bis sie wieder durch die Stadt gehen und schauen konnte, ob die Verwandten noch leben. Großes Glück hatte ihr Mann. Er konnte sich in den letzten Kriegstagen erfolgreich verbergen: "Er war beim Militär. Da war die ganze Kompanie im zweiten Bezirk in der Kaserne. Die haben sich abgesetzt, die ganze Truppe, da war er dann weg. Da wussten wir alle von den Männern nichts. Er ist stiften gegangen, hat sich versteckt." Der geflohene Soldat wurde von Bauern in der Umgebung aufgenommen: "Nach einigen Monaten ist mein Mann dann zu Fuß nach Wien gegangen."

Lebensmittelmarken für Mithilfe

Maria Simacek half unterdessen, Wien vom Schutt zu befreien: "Ich war eine sogenannte Trümmerfrau. Da war ein Haus bombenbeschädigt, ich habe die Ziegel herausgenommen und zusammengestellt. Sie wurden für den Wiederaufbau verwendet." Warum sie bei der anstrengenden Arbeit geholfen hat? "Man hat Zusatzlebensmittelmarken bekommen." Das Bild, das die zerstörte Stadt bot, unterschied sich nicht nur durch die Schäden von den Jahren davor. Auch die Fortbewegung war schwierig: "Es ist ja keine Straßenbahn gegangen, weil ja alles kaputt war." Güter seien wieder häufig mit Pferdefuhrwerken transportiert worden.

Auch die Reise ins heimatliche Oberösterreich war in dieser Zeit alles andere als einfach, wie sie versichert. An der Grenze zu Niederösterreich befand sich die Zonengrenze - die Maria Simacek versteckt in einem Zug wiederholt passierte. Erst als ihr ein Bekannter, ein Kommunist mit Kontakt zu den Besatzungsmächten, einen Passierschein verschaffte, konnte sie legal die Enns überqueren.

Erst langsam kehrte wieder so etwas wie Normalität ein. Den ersten Urlaub gönnte man sich erst 1967: "Wir sind nach Jugoslawien ans Meer. Da war noch der Tito. Wir sind mit der Eisenbahn gefahren." Ein Auto besaßen sie und ihr Mann nie: "Wir hätten dazu auch gar nicht die Mittel gehabt. Wenn ich an einem Sonntag mit meinem Mann spazieren gegangen bin, am Donaukanal, hat er gesagt: 'Ein Vermögen liegt auf der Straße.' Er würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen würde, wie viele Autos es jetzt gibt."

Nicht leicht zu ängstigen

In ein Flugzeug stieg Maria Simacek nur einmal - in den 1980er-Jahren, als ihr Mann bereits verstorben war. Die Gruppenreise nach Polen entpuppte sich mangels fehlerhaftem Visum durchaus als Abenteuer, wie sie sich erinnerte. Doch weder die Schwierigkeiten bei der Einreise noch der Flug selbst konnten sie groß beeindrucken: "Ich bin ein Mensch, der nicht leicht a Angst hat. Für mich war das ein großes Erlebnis."

"Ich sage immer, meine Erinnerungen greifen in eine total andere Zeit zurück." Ob sie Jüngeren einen Rat geben könne? "Der Jugend, der kann ich keinen Ratschlag geben, außer vielleicht einen: Sie soll alles, was sie machen kann zu ihrem Wohlbefinden, machen. Weil es kommt eine Zeit, man sieht's am besten bei mir, wo man nicht mehr kann." Ein Geheimnis, wie man ein hohes Alter erreiche, kenne sie nicht. Sport etwa habe sie nie betrieben ("Bei uns war Arbeit Sport"). Empfehlen kann Maria Simacek aber den Verzicht auf allzu viel materielle Güter: "Ich habe immer bescheiden gelebt."

(Das Gespräch führte Gerald Mackinger/APA)

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