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Rosina Friedrich (107 Jahre) während eines Interviews © APA (Kolb)
Rosina Friedrich (107 Jahre) während eines Interviews © APA (Kolb)

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1918/2018 - Älter als die Republik: Rosina Friedrich erinnert sich

28.05.2018

107 Jahre bäuerlich geprägtes Leben und in einer Zeit aufgewachsen, als knapp die Hälfte der Österreicher im Agrarbereich arbeitete. Das Leben der Oststeirerin Rosina Friedrich - die heute im Pöllauer Seniorenheim wohnt - steht für viele Familien des über weite Teile landwirtschaftlich geprägten Landes, egal ob unter dem Kaiser oder als Republik.

In Friedrichs Geburtsjahr - sie ist am 21. Februar 1911 als Rosina Tobisch in Waldbach im steirischen Wechselgebiet zur Welt gekommen - kündigt sich der nahende Weltkrieg an. Das Deutsche Reich löst mit seiner gegen Frankreich und Großbritannien gerichteten "Kanonenbootpolitik" die zweite Marokko-Krise aus. Italien nimmt dem Osmanischen Reich Libyen und den Dodekanes ab und bombardiert erstmals in der Geschichte den Gegner und Zivilisten von Luftschiffen aus. Im Herbst kommt es in Wien zu Toten und Verletzten, als das Militär im Zuge der Niederschlagung der gegen hohe Lebensmittelpreise gerichteten Teuerungsrevolution auf Demonstranten schießt. Der Österreicher Alfred Hermann Fried, Gründer der pazifistischen Zeitschrift "Die Waffen nieder" erhält den Friedensnobelpreis. Und im selben Jahr beginnt die 1. österreichische Fußballmeisterschaft - zu der aber nur Wiener Vereine zugelassen sind.

Rosina Friedrich hat zehn Geschwister, sechs Brüder und vier Schwestern, sie selbst war das zweit-jüngste Kind. Ihre bäuerliche Kindheit und Jugend fällt in eine Zeit, da rund 45 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist, zum Zeitpunkt ihrer Geburt leben auf dem Gebiet des heutigen Österreich 6,64 Millionen Menschen. Heute liegt der Anteil bei rund 4,7 Prozent, bei einer Bevölkerung von 8,77 Millionen. Ihre Mutter ist eine Magd, sie arbeitet auf mehreren Höfen - für viele Frauen in der Landwirtschaft die einzige Möglichkeit, ausreichend Geld zu verdienen. Ihr Vater ist Maurer und oft monatelang fort - auch eine Realität für viele Familien. "Oft war er ganz lang weg, in Mariazell, in Mönichwald. Aber das ist auch gut gewesen, dass er vieles konnte, zimmern zum Beispiel. Man hat sich ja die Häuser selbst gebaut", sagt Friedrich im Gespräch mit der APA.

Mitten im Ersten Weltkrieg pachtet die Mutter einen kleinen Hof in Pöllauberg, in der Nähe der bekannten Wallfahrtskirche. Diesen müssen sie wegen finanzieller Probleme bald wieder verlassen und eine kleine Landwirtschaft im nahen Leitersdorf pachten - auch dies eine Realität im agrarisch geprägten Österreich. Der Vater kommt aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zurück, ihre Mutter muss die Kinder alleine durchbringen. "Zwei Kühe hatten wir, auf die hab' ich aufgepasst, und a G'stettn, mit einem Graben mit Bach, ein bissl Wald. Einmal ist eine Kuh in den Graben gefallen", sagt Rosina Friedrich. Es muss mühsam gewesen sein, das brüllende Tier wieder herauszuholen.

Arbeit in der Schweiz

1925 geht sie in die Schweiz, wo österreichische Arbeitskräfte als fleißig und genügsam gesucht und geschätzt werden. Sie macht auf einem landwirtschaftlichen Gut im Kanton Zürich, was sie gelernt hat: das Vieh hüten, Feldwirtschaft, mit der Sense mähen und auf die Kinder der Hofbesitzer schauen. "Ich hab' gerne und gut gemäht mit der Sense. Besser wia a Mann", sagt sie mit einem leichten Lächeln und blickt ein wenig abschätzig auf den Rasen vor dem Seniorenheim: "Des da is ka Wiesn."

Zurück in Österreich lernt sie ihren späteren Mann Georg Friedrich kennen, einen Mann, der als Volksdeutscher aus dem nachmaligen Jugoslawien flüchten musste. Sie heiraten und erwerben mit ihren Ersparnissen später ein Haus im heutigen Bad Waltersdorf. Die Landwirtschaft bleibt ihr Leben lang ihr Broterwerb und ihre Sehnsucht, selbst heute noch, im hohen Alter. "Das Gras haben wir gemäht und mit der Kraxen nach Hause getragen. Das war schwer, aber man muss einen Willen haben und man muss Freude haben bei der Arbeit." Vielleicht ist dies das Geheimnis des Altwerdens.

Von den Festen im Jahreslauf war ihr Weihnachten am liebsten. "Der schöne Christbaum. Und das Schlittenfahren. Geschenke hat's nicht gegeben, weil nicht viel Geld da war." Manchmal gibt es selbst gemachtes Spielzeug aus Holz: "Aber i hab's eh net braucht", erinnert sich Rosina Friedrich an karge Zeiten.

Kleine Landwirtschaft bis 2015 geführt

Ihr Ehemann stirbt 1971, bis dahin hatten sie eine kleine Landwirtschaft geführt, mit Rösser, Ochsen, Kühen und ein paar Schafen und Schweinen. "Roggentroad haben wir angebaut, Kukuruz, Erdäpfel", zum Eigenbedarf und zum Verkauf. Maschinen gab es nicht. Bis 2015 führt sie die kleine Landwirtschaft weiter, betreut von zwei Nachbarsfamilien und der mobilen Pflege. Dann muss sie aufgrund eines Sturzes und einer Beinverletzung ins Seniorenheim der Volkshilfe in Pöllau. Ihr altes Haus ist ihr ständig präsent: "I möcht' gern hamgehen, über'n Berg", seufzt sie mehrmals.

"Du bist aber neugierig. I bin net so neugierig", sagt sie mit einem Lächeln und einem freundlichem Blick während des Gesprächs. Neugierig auf Rosina Friedrich sind allerdings auch die Spitzen des Landes: Auf ihre alten Tage bekommt sie wahrscheinlich öfter Besuch vom Landeshauptmann als manche in ihrem ganzen Leben. Seit ihrem 105. Geburtstag war Hermann Schützenhöfer (ÖVP) - mit Volkshilfe-Präsidentin Barbara Gross - mehrmals zum Gratulieren da.

Als die Mittagssonne immer heißer vom nur leicht bewölkten Himmel auf Pöllau herunterbrennt, wird es der alten Dame selbst im Schatten zu viel. "Es kummt a Wetter. Aber i hab den Regen eh gern", sagt sie, bevor sie energisch aus ihrem Rollstuhl aufzustehen versucht und damit klarmacht, dass das Gespräch aus ihrer Sicht beendet ist. Man ist skeptisch bezüglich des "Wetters". Doch nur einige Minuten später und wenige Kilometer vom Heim entfernt türmen sich die Wolken von Norden her über dem Pöllauberg und die ersten Tropfen klatschen gegen die Windschutzscheibe. Das über hundert Jahre ausgeprägte Gespür eines Bauernkindes fürs Wetter trügt eben nicht.

(Das Gespräch führte Peter Kolb/APA)

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