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Unterschiedlichste Verbindungslinien und Literaturbezüge werden gezeigt © ONB/Literaturmuseum
Unterschiedlichste Verbindungslinien und Literaturbezüge werden gezeigt © ONB/Literaturmuseum

Kooperationsmeldung

1918/2018 - Aufbruch, Umbruch, Abbruch im Literaturmuseum

21.03.2018

Eingefahrene Traditionen und gewagte Neuentwürfe: Eine Zeit des Auf- und Umbruchs veranschaulicht das Literaturmuseum im Wiener Grillparzerhaus im Rahmen einer neuen Sonderausstellung. Anhand von "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl" werden nicht nur drei Protagonisten der Wiener Moderne, sondern die Bewegung selbst ins Zentrum gerückt. So entsteht ein Netzwerk aus Bezügen und Verweisen.

Wie es sich für ein auf Geschriebenes spezialisiertes Haus gehört, sind es dabei zahlreiche Manuskripte, Briefe, Notenblätter oder Tagebücher, die jene Zeit vor gut 100 Jahren veranschaulichen sollen. Damit steigt das Literaturmuseum natürlich auch in den allseits gefeierten Jubiläumsreigen zu 100 Jahre Wiener Moderne ein. Wo ihm Kunsthistorischen Museum, dem Leopold Museum oder Belvedere Jahresregenten wie Klimt, Schiele oder Moser im Mittelpunkt stehen, hat man in der Johannesgasse in der Wiener Innenstadt aber einen anderen Zugang gewählt.

Der Komponist Alban Berg, die Publizistin und Salonniere Berta Zuckerkandl sowie Philosoph Ludwig Wittgenstein sind es, die hier anhand von mehr als 250 Objekten - der Großteil stammt aus den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek, zu der das Literaturmuseum bekanntermaßen gehört - genauer unter die Lupe genommen werden. Während man auf diese Weise mehr über Bergs damals skandalerregende Kompositionen oder seine Zeit als Schüler von Schönberg erfährt, Wittgensteins Frühwerk "Tractatus" bei Vollendung und Veröffentlichung begleitet oder anhand Zuckerkandls wortreichem Eifer einem künstlerischen Aufbruch beiwohnt, bleibt der Blick aber nicht nur an diesen Personen haften.

Internationale Komponenten

Vielmehr wird in detaillierter Weise ein Netz gespannt, das etliche internationale Komponenten offenbart. Sei es Bergs "Wozzeck"-Uraufführung 1925 in Berlin, Wittgensteins zweisprachige "Tractatus"-Veröffentlichung, die erst vier Jahre nach Fertigstellung in England erstmals in Buchform erscheint, oder die Beziehung von Zuckerkandl zum späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau und ihre Bemühungen um die politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

Nicht fehlen darf außerdem das legendäre "Watschenkonzert" 1913 im Musikverein, bei dem unter Schönbergs Leitung Bergs "Orchesterlieder" für handfeste Tumulte unter den Besuchern sorgten und den Abbruch des Konzert evozierten. In der Schau erinnert ein Plakat an diese denkwürdige Aufführung. Der Brückenschlag zur Literatur gelingt damit auch insofern, als Berg nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg komponierte. Aber natürlich hat der Komponist auch mit "Wozzeck" (nach Büchner) sowie "Lulu" (nach Wedekind) seine Inspiration beim geschriebenen Wort gefunden.

Erstmals zu sehen sind in der Ausstellung zudem ausgewählte Objekte aus Wittgensteins Nachlass, der mehr als 20.000 Seiten umfasst und im Vorjahr von der UNESCO in die Weltdokumentenerbe-Liste aufgenommen wurde. Die hier versammelten Blätter, Notizen und Schriften sind insofern von Bedeutung, als außer dem "Tractatus" zu Lebzeiten Wittgensteins nichts von ihm publiziert wurde. Anders der Fall bei Zuckerkandl, die in ihrem Salon nicht nur Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler oder Stefan Zweig begrüßte, sondern selbst zahlreiche Texte verfasste - beispielsweise mehr als 400 Artikel über Kunst im Zeitraum von 1893 bis 1918.

Überbordend also nicht nur ihr Veröffentlichungsdrang, sondern naturgemäß die damalige Zeit - der in ebenso detailreichen Bildern, Fotos und Dokumenten im Rahmen von "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl" ab dem morgigen Donnerstag bis 17. Februar kommenden Jahres nachgespürt werden kann. Zur Ausstellung erscheint auch ein umfangreicher, von Literaturmuseumsdirektor Bernhard Fetz herausgegebener Katalog. Zeit und Gelegenheit genug, um in die Wiener Moderne und die Schicksale dieser drei herausragenden Figuren jener Epoche einzutauchen.

Service: Ausstellung "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl" von 22. März 2018 bis 17. Februar 2019 im Literaturmuseum, Johannesgasse 6, 1010 Wien; Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr, von Juni bis September auch montags von 10 bis 18 Uhr; www.onb.ac.at/museen/literaturmuseum; Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Bernhard Fetz, Paul Zsolnay Verlag, 335 Seiten, 27,80 Euro

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