Kultur & Gesellschaft

Kooperationsmeldung

1918/2018 - Neue Bücher: Vier Neuerscheinungen zu vergangenen Zeiten

22.12.2017

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Erinnerungen ans Hamstern und Hungern

"Wir essen Brennnessel, Katzen, Rüben, aber es ist auch daran schon Mangel", hört Karolina Weiss (1893-1982) von ihrer Mutter, als sie im Frühjahr 1918 ihre Familie im obersteirischen Ennstal besucht. Weiss hatte mehrere Jahre auf verschiedenen Dienstposten, großteils im Ausland, verbracht und dabei ab ihrem 14. Lebensjahr ein Tagebuch geführt, nach dem sie später ihre Lebenserinnerungen in Romanform abfasste. Ihre Aufzeichnungen finden sich unter den Dokumenten, die Peter Eigner und Günter Müller für ihren Band "Hungern - Hamstern - Heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921" ausgewählt haben. Die beiden Herausgeber präsentieren darin aus dem Manuskriptbestand des Vereins "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien schriftliche Erzählungen, in denen Krisenerfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs biografisch reflektierend verarbeitet werden. Die Berichte stammen von Männern und Frauen, von Heimkehrern und Daheimgebliebenen, von Menschen unterschiedlichen Alters aus unterschiedlichen Regionen und sozialen Milieus, um eine möglichst breites Spektrum von Perspektiven abzudecken: "Damit es nicht verloren geht...", wie der Titel der Reihe lautet.

(Peter Eigner und Günter Müller (Hg.): "Hungern - Hamstern - Heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921", Böhlau Verlag, 323 S., 26 Euro, ISBN 978-3-205-20656-9)

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Die ersten hundert Jahre im Leben der Elise Slonim

"Wirf dein Brot auf die Wasseroberfläche, denn in vielen Tagen wirst du es finden", lautet ein Spruch aus dem Buch Koheleth, einer Sammlung von Weisheiten. Er fordert zur Bereitschaft auf, Gutes zu tun, auch wenn noch kein Lohn in Aussicht steht - eines Tages werde man ihn erhalten. Von diesem Spruch hat die Zeitzeugin Elsie Slonim den Titel ihres Lebensberichtes abgeleitet: In "Vom Brot im Meer. Die ersten hundert Jahre der Elise Slonim" erzählt die 1917 in den Vereinigten Staaten geborene Tochter österreichisch-ungarischer Juden, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Europa zurückkehrten, von den Wirtschaftskrisen, den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und dem trotz aller Unsicherheit stattfindenden Gesellschaftsleben in den vergangenen hundert Jahren. Slonim, die seit 1974 in einer militärischen Sperrzone im türkischen Nordteil von Zypern lebt, lässt den Leser auch an ihren Erinnerungen an ihre Eltern und Großeltern und deren Leben in der vielsprachigen Habsburgermonarchie teilhaben. "Vom Brot im Meer" ist ein berührendes Buch, das exemplarisch einen Einblick in die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse einer jüdischen Familie und ihres Umfelds bietet. Der Bedeutung dieses Zeitdokuments angemessen wäre ein aufmerksameres Lektorat gewesen, das auf inhaltliche und stilistische Wiederholungen hinweist.

(Elsie Slonim: "Vom Brot im Meer. Die ersten hundert Jahre der Elsie Slonim", Verlagshaus Hernals, 204 S., 23,90 Euro, ISBN 978-3-902975-57-7)

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Reigen des Untergangs als Gesellschaftsroman

Die Jahre vor dem Ende der Habsburgermonarchie verarbeitet Franz Winter in Romanform: "Die Schwierigen" ist ein Abgesang auf eine untergegangene Welt. Selbstverliebt, rücksichtslos und blind für die Veränderungen der Zeit stellt der Autor die aristokratische und bürgerliche Gesellschaft dar, er beschreibt das Ränkespiel, die Fehden und Heiratspolitik der Hofmannsthals "Der Schwierige" entnommenen Familien Bühl, Freudenberg, Altenwyl, Hechingen, Neuhoff, die Geschichten ihrer Diener und Zofen, Sekretäre und Verwalter sowie die Schicksale von Offizieren und Soldaten. Der Roman, der den Zeitraum von 1839 bis 1919 umspannt, endet mit einer Chronologie, einem Abdruck des Habsburger-, des Adelsaufhebungsgesetzes sowie einer Erklärung der sprachlichen Hierarchien der damaligen Zeit. Auch im Text hat Winter darauf geachtet, die unterschiedlichen Sprechweisen und situationsbedingten Register von Adel, Dienerschaft und bürgerlicher und ländlicher Gesellschaft mit ihren regionalen Färbungen nachzuahmen. Ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman.

(Franz Winter: "Die Schwierigen", Braumüller Verlag, 272 S., 24 Euro, ISBN 978-3-99200-187-3)

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Die Geschichte des 21. Bezirks in Bildern

Anhand alter Fotografien verfolgt Uwe Mauch in "Das alte Floridsdorf" die Entwicklung des 21. Wiener Gemeindebezirks, dessen Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt: 1894 entstand durch die Vereinigung der Ortschaften Floridsdorf, Donaufeld, Jedlesee und Neu-Jedlersdorf die Großgemeinde Floridsdorf auf einem Gebiet, das seit der Steinzeit besiedelt war. Ein ehrgeiziger k.u.k. Statthalter wollte die neu geschaffene Großgemeinde zur Landeshauptstadt von Niederösterreich machen, die Pläne scheiterten und am 28. Dezember 1904 wurde Floridsdorf in die Stadt Wien eingemeindet. Obwohl an die städtische Infrastruktur angeschlossen, behielt Floridsdorf seinen besonderen Charakter und wird bis heute als "Transdanubien" betitelt. "Straßen. Züge", "Sozial. Demokratie", "Diktatur. Krieg" oder "Fußball. Plätze" heißen vier der dreizehn thematischen Abschnitte, in die Mauch das Bildmaterial aus mehr als hundert Jahren Geschichte des besonderen Bezirks gliedert. Jedem ist eine kurze Einführung vorangestellt, die auf Gesprächen mit Ortskundigen und Fachleuten wie Karin Fischer Ausserer, der Leiterin der Wiener Stadtarchäologie, basieren. Die Fotos stammen aus privaten und öffentlichen Sammlungen - was leider fehlt, ist eine genaue Datierung.

(Uwe Mauch: "Das alte Floridsdorf. Der 21. Wiener Gemeindebezirk - seine Geschichte in Bildern", Edition Winkler-Hermaden, 96 S., 14,95 Euro, ISBN 978-3-9504383-3-8)

Service: Dieser Artikel ist Teil eines umfangreichen Meldungspakets zum Gedenkjahr 2018. Sämtliche Hintergründe finden Sie unter http://science.apa.at/Gedenkjahr2018.

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