Kultur & Gesellschaft

Karte mit Gebietsabtretungen der ehemaligen Donaumonarchie © APA (Margret Schmitt)
Karte mit Gebietsabtretungen der ehemaligen Donaumonarchie © APA (Margret Schmitt)

Kooperationsmeldung

1918/2018 - Stichwort: Das Nationalitätenproblem in Österreich-Ungarn

31.10.2018

Legt man heutige Maßstäbe an Österreich-Ungarn an, scheint die Sache klar: Ein Staat, der von einer Bevölkerungsminderheit regiert wird, kann nicht Bestand haben. Deutsche und Ungarn, die zusammen nur 43 Prozent der Einwohner der Donaumonarchie repräsentierten, verwehrten der slawischen Bevölkerungsmehrheit die geforderten Autonomie- und Mitbestimmungsrechte.

Während die Donaumonarchie als Wirtschaftsraum gut funktionierte, krachte es seit dem "Völkerfrühling" Mitte des 19. Jahrhunderts gehörig im politischen Gebälk des Vielvölkerstaates. So war der junge Kaiser Franz Joseph nach der Revolution 1848 zum Ausgleich mit Ungarn gezwungen.

Dieser Schritt, der faktisch zu einer Unabhängigkeit der ungarischen Reichshälfte führte, schuf aber mehr Probleme als er löste. Abgesehen davon, dass der im Jahr 1867 paktierte Ausgleich alle zehn Jahre neu verhandelt werden musste, öffnete er die Tür für eine aggressive Magyarisierungspolitik. Lediglich Kroatien und Slawonien erhielten im Jahr 1868 eine begrenzte Autonomie, die anderen Minderheiten wurden durch ein ungerechtes Wahlrecht politisch marginalisiert.

Böhmen und Mähren als Brennpunkte des Konflikts

Gleichzeitig weckte der österreichisch-ungarische Ausgleich Begehrlichkeiten unter den slawischen Volksgruppen, die eine ähnliche Autonomie für sich forderten. Die wichtigsten Brennpunkte im Nationalitätenkonflikt waren Böhmen und Mähren, wo Tschechen und Deutsche zusammenlebten. 1897 erließ der damalige Ministerpräsident Kasimir Felix Badeni eine Nationalitätenverordnung für die beiden Länder, die eine zweisprachige Verwaltung für alle Gemeinden vorsah. Dies löste Krawalle und einen Parlamentsboykott aus, was zum Sturz Badenis führte.

Im Jahr 1905 konnte der Konflikt immerhin in Mähren befriedet werden. Der Mährische Ausgleich schuf tschechische und deutsche Schulen sowie einen ethnischen Proporz in der Landesverwaltung. Dieser Ausgleich sollte Vorbildwirkung für andere ethnische Konflikte in der Donaumonarchie haben, doch erfüllte sich diese Hoffnung nicht.

Weitere Nationalitätenkonflikte entstanden

Somit kam es nicht zum großen österreichisch-tschechischen Ausgleich, der das politische Fundament der Donaumonarchie entscheidend gestärkt hätte. Die Tschechen waren nämlich die drittgrößte Volksgruppe der Monarchie (12,5 Prozent der Einwohner). Während sich die Donaumonarchie mit der Annexion Bosnien-Herzegowinas im Jahr 1908 weitere Nationalitätenkonflikte - zwischen Muslimen, Kroaten und Serben - einhandelte, wurde nur im Nordosten des Reiches eine ethnische Befriedung erzielt. Der Galizische Ausgleich im Februar 1914 sah unter anderem eine gesicherte Vertretung für die Ruthenen (Ukrainer) im Landtag vor.

Der Wiener Historiker Arnold Suppan ist überzeugt, dass die Monarchie ihre Nationalitätenkonflikte in den Griff hätte bekommen können. "Das wäre schon weitergegangen", sagt er im APA-Gespräch. Tatsächlich sei das Problem vor einer Lösung gestanden, als der Krieg ausgebrochen sei. Dieser verstärkte freilich die zentrifugalen Tendenzen im Reich nur noch, auch durch die kontraproduktive Politik der Armee, die Angehörige nicht-deutscher Volksgruppen oft pauschal des Einverständnisses mit dem Feind verdächtigte.

STICHWÖRTER
Geschichte  | Krieg  | Wien  | Europa  | Europaweit  | Wissenschaft  | Sozialwissenschaften  | Konflikte  | Kämpfe  | Erster Weltkrieg  | Gedenkjahr 2018  |
Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung