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1918/2018: Kaiser Karl im Zentrum des Untergangs der Monarchie

22.12.2017

Mit dem Jubiläum der Republiksgründung jährt sich auch das Ende der 640-jährigen Herrschaft der Habsburger zum hundertsten Mal. Die Historikerin Karin Unterreiner nimmt dies in ihrem Buch "'Meinetwegen kann er gehen'. Kaiser Karl und das Ende der Habsburgermonarchie" zum Anlass, zwischen Fakten und Mythen um den Zusammenbruch der Monarchie zu unterscheiden.

Dabei bearbeitet sie unter Zuhilfenahme bisher unpublizierter Quellen pro Kapitel jeweils eine Annahme. "Erzherzog Karl, der hoffnungsvolle Thronerbe?" lautet die erste, die Unterreiner mit einer Darstellung der Erziehung des Heranwachsenden beantwortet: Karl wurde auf die Rolle, die ihm durch die Ermordung seines Onkels, des Thronfolgers Franz Ferdinand, plötzlich zufiel, nicht vorbereitet.

Dass er nur eine mittelmäßige Ausbildung genoss, habe am Interesse seines Onkels gelegen, ihm am Hof nur eine unbedeutende Stellung zukommen zu lassen, erfährt man bei Unterreiner. Franz Ferdinand habe verständlicherweise seine eigenen von der Thronfolge ausgeschlossenen Söhne aus der morganatischen Ehe mit Sophie Chotek favorisiert, die er an die erste Stelle zu rücken trachtete, wenn er einst Kaiser sein sollte.

"Leichte Beute seiner Umgebung"

Karl sei daher "vom besten Willen beseelt, aber selbst anlehnungsbedürftig" gewesen, zitiert Unterreiner eine anonyme Quelle, die ihm prophezeite, "ohne Vorbildung und zielbewußte Anleitung eine leichte Beute seiner Umgebung" zu werden. Nachdem er im November 1916 Kaiser geworden war, habe sich Karl durch seine unberechenbaren Personalentscheidungen unbeliebt gemacht, sein politisches Fehlkalkül habe für zigtausende Soldaten Kriegsgefangenschaft oder den Tod bedeutet. Das Sachbuch bietet hierzu Einblicke in die Affäre rund um die "Sixtus-Briefe" und den missglückten Waffenstillstand mit Italien.

Die Öffentlichkeit hätte Karl und seine Frau Zita von Bourbon-Parma zunächst als modernes junges Kaiserpaar begrüßt, berichtet die Historikerin. Jedoch sei Karl bald zur Last gelegt worden, dass die als selbstbewusst und willensstark beschriebene Zita, deren Familie der Entente freundlich gesinnt war, Einfluss auf die Regierungsgeschäft nahm, erfährt man im dritten Kapitel "Zita die heimliche Kaiserin?".

Chronologie der letzten Tage

Das vierte Kapitel beinhaltet eine Chronologie der letzten Tage der Habsburgermonarchie, die mit dem Abschied der kaiserlichen Familie von Schloss Schönbrunn und dem Umzug nach Schloss Eckartsau in den Donauauen östlich von Wien endet. Im Folgenden widmet sich Unterreiner unter anderem Fragen nach der Übergabe der Residenzen, der Absetzung der Habsburger sowie ihren Vermögenswerten, dem Kampf um die Krone Ungarns, dem Tod Karls und den Lebensumständen seiner Verbliebenen. Wo und wovon die Habsburger heute leben, wird im letzten Kapitel - soweit möglich - geklärt.

Mit Unterstützung der Mitarbeiter des Staatsarchivs bei den Recherchen ist es Unterreiner mit "Meinetwegen kann er gehen" gelungen, auf verständliche Weise die Hintergründe für den Zusammenbruch der Donaumonarchie im Herbst 1918 und den Folgen für die habsburgische Familie zu erklären. Ein mit zahlreichen Abbildungen ausgestattetes Sachbuch, mit dem sich eine vergangene Zeit lebendig nachvollziehen lässt.

Service: Katrin Unterreiner: "'Meinetwegen kann er gehen.' Kaiser Karl und das Ende der Habsburgermonarchie", Molden Verlag, 192 S., 22,90 Euro). Weitere Meldungen zum Gedenkjahr 1918/2018 unter: http://science.apa.at/Gedenkjahr2018.

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