Kultur & Gesellschaft

Herbert Lackner: "Die Flucht der Dichter und Denker" © Ueberreuter Verlag
Herbert Lackner: "Die Flucht der Dichter und Denker" © Ueberreuter Verlag

Kooperationsmeldung

1938/2018 - Auf der Flucht vor den Nazis

07.05.2018

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 setzte eine Massenflucht ein. Die Schicksale damaliger Flüchtlinge hat der Journalist und Autor Herbert Lackner nacherzählt. Sein Buch "Die Flucht der Dichter und Denker" geht aber weit über die Erlebnisse Einzelner hinaus, es schildert eine große, verzweifelte Fluchtbewegung.

Die großteils jüdischen Flüchtlinge wussten genau, wovor sie weglaufen mussten. Einige waren schon in Gestapo-Haft oder KZs gewesen, viele hatten von den furchtbaren Erlebnissen der Gefangenen in Nazi-Haft gehört. Sie flohen vor Antisemitismus und Rassenwahn, vor einer Diktatur in allen Lebensbereichen, vor Totalitarismus, vor der Menschenverachtung der Nazis. Die Nationalsozialisten wollten sie ermorden. Die Flüchtlinge rannten um ihr Leben.

Die Fluchtwege von Prominenten wie Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth, Sigmund Freud, Stefan Zweig, Hannah Arendt, Friedrich Torberg, Robert und Einzi Stolz, Marc Chagall, Ödön von Horvath, Karl Farkas, Billy Wilder und vielen anderen werden im Buch geschildert. Alle verloren ihre Heimat, viele verloren Verwandte und Freunde, die in Unsicherheit zurückbleiben mussten und die sie oft nie mehr wiedersahen. Für viele vollzog sich die Flucht in mehreren Etappen: Zunächst entkamen sie vor der Verfolgung in vermeintlich sichere Nachbarländer von Deutschland und Österreich, doch mit dem Vormarsch der Nazi-Truppen mussten sie weiter fliehen.

Die Fluchtrouten gingen oft nach Paris, von dort - spätestens mit dem Fall der Stadt in die Hände der deutschen Truppen - nach Südfrankreich, über die Pyrenäen nach Spanien und weiter nach Portugal. Lissabon war für viele die Endstation in Europa, dort versuchten sie sich Papiere zu besorgen, die lebensrettenden Visa, und eine Fahrkarte für ein Schiff. Es gab auch Hilfsaktionen, über die wenig bekannt ist - die großen Leistungen einiger engagierter Helfer und Lebensretter sind ebenfalls in Lackners Buch nachzulesen.

Amerika als großes Ziel

Ein großes Ziel für viele Flüchtlinge war Amerika: Die USA, so wie fast alle Länder, ließen jedoch ohne Papiere und Visum niemanden einreisen. Die Mehrheit der US-Bürger war laut Umfragen gegen die weitere Aufnahme von Juden und anderen Geflüchteten. Dieser harte Kurs traf auch die Passagiere am Flüchtlingsschiff "St. Louis", das am 13. Mai 1939 von Hamburg aus nach Kuba fuhr. In Kuba durften aber nur ganz wenige von Bord gehen, ihre Papiere und Visa wurden nicht akzeptiert. Auch die USA und Kanada nahmen die großteils deutschen Juden nicht auf. Die "St. Louis" musste zurück über den Atlantik, die Passagiere kündigten im Fall einer erzwungenen Rückkehr nach Deutschland einen Massenselbstmord an. Der Kapitän drohte, das Schiff auf Grund zu setzen. Schließlich wurden die etwa 900 Menschen von den Niederlanden, Belgien und Frankreich aufgenommen. Als die deutsche Wehrmacht Westeuropa überrannte, wurden 254 ehemalige St. Louis-Passagiere festgenommen. Fast alle starben in Vernichtungslagern.

Ein andere Möglichkeit, in die USA zu kommen, war auf dem Schiff "Nea Hellas": Von Portugal aus brachte der Dampfer tausende Flüchtlinge über den Atlantik. Das unter griechischer Flagge fahrende Schiff fuhr einmal im Monat von Lissabon nach New York. Am 4. Oktober 1940 legte das Schiff wieder in Lissabon ab. An Bord waren zahlreiche Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Intellektuelle, die sich auf beschwerlichem Weg bis Lissabon durchgeschlagen hatten, darunter Heinrich, Nelly und Golo Mann, Franz und Alma Werfel, die Familie Döblin, Alfred und Lisl Polgar. "Literatur zur Genüge", notierte Polgar anlässlich der Passagierliste in einem Brief an seinen Verleger.

Zerrissene Familien

Zahlreiche Familien wurden zerrissen, trotz Helfern und der Fürsprache von einflussreichen Personen konnten viele nicht gerettet werden. Auch der sozialdemokratische Politiker und Journalist Otto Leichter und seine beiden Söhne fuhren im Oktober 1940 auf der "Nea Hellas" in die USA. Otto Leichter hatte 1938 mit einem gefälschten Pass aus Österreich in die Schweiz flüchten können. Seine Frau Käthe Leichter, Pionierin der Sozialwissenschaften und Frauenforschung, war 1938 von der Gestapo verhaftet worden, kam ins KZ Ravensbrück und wurde 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

Im Exil angekommen war das Leben für die meisten sehr schwierig. "Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle", schrieb Hannah Arendt nach einem Jahrzehnt auf der Flucht. Aber die meisten Geflüchteten haben überlebt. Trotz der Gefahren und Strapazen waren die Überlebenschancen bei einer Flucht immer noch viel größer. Aus Frankreich wurden 75.500 Juden, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, in die nationalsozialistischen Konzentrationslager gebracht. Nur 2.500 von ihnen überlebten.

Herbert Lackner hat sein Buch allen Vertriebenen gewidmet. Das im September des Vorjahres erschienene Buch erhielt den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2017.

Service: Herbert Lackner, "Die Flucht der Dichter und Denker". Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen. 208 Seiten, 22,95 Euro, Ueberreuter Verlag, ISBN: 978-3-8000-7680-2

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