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Alice Malcolm flüchtete 1938 als Jugendliche nach Großbritannien © APA (Neubauer)
Alice Malcolm flüchtete 1938 als Jugendliche nach Großbritannien © APA (Neubauer)

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1938/2018 - Judenhass "war immer spürbar": Zeitzeugin erinnert sich

27.04.2018

Alice Malcolm war 14 Jahre alt, als sie aus Wien vor den Nazis flüchtete. 80 Jahre lang kehrte sie nicht zurück. Auf Einladung des Jewish Welcome Service Vienna besuchte sie diese Woche zum ersten Mal die Stadt ihrer Kindheit. Im Interview mit der APA erinnert sie sich an ihre Jugend in Wien, die zunehmende Judenfeindlichkeit und an ihre Flucht.

Malcolm wurde 1924 als Alice Levi in Wien geboren. Sie wohnte in der Ferdinandstraße im zweiten Bezirk und verbrachte eigentlich eine "normale" Kindheit in Wien, sagt sie. Da ihr Vater früh gestorben war und ihre Mutter arbeitete, wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. "Wir gingen zur Schule und kamen danach nach Hause, um unsere Hausaufgaben zu machen."

Bereits während ihrer Schulzeit war der Antisemitismus präsent. "Ich war in einer Mädchenschule, es waren 40 Schülerinnen in der Klasse", erinnert sich die 93-Jährige: "20 waren jüdisch und 20 waren nicht jüdisch. Wir wurden getrennt. Die jüdischen Kinder sind auf der einen Seite und die nicht jüdischen Kinder sind auf der anderen Seite gesessen."

Auch außerhalb der Schule sei die Judenfeindlichkeit allgegenwärtig gewesen. "Es war immer spürbar", sagt Malcolm. "Es ist wie eine Welle, es steigt und erreicht den Höhepunkt, es sinkt und es passiert wieder. Und so war es. Es war immer da."

"Das ist kein Ort für mich"

"Ich habe Juden mit einer Zahnbürste auf Denkmäler klettern gesehen, wie sie die Denkmäler und die Gehwege schrubbten und vieles andere mehr, Schlimmeres", sagt sie. Gegenüber ihrer Wohnung sei ein Ledergeschäft gewesen. Eines Tages habe sie aus dem Fenster geschaut und gesehen, dass sich der Besitzer erhängt hatte. "Im Eingang, mit seinen Lederschlingen", schildert Malcolm. "Er wollte nicht darauf warten, dass sie ihn quälen. Als ich das gesehen habe, stand mein Entschluss fest: Ich bleibe nicht hier, das ist kein Ort für mich", sagt Malcolm.

Im Herbst 1938 verließ die damals 14-Jährige Österreich mit dem Zug. Ihre Mutter musste bereits zwei Jahre vor ihr flüchten. "Mein Onkel hat mich zur Bahnstation gebracht. Ich habe den Zug genommen, mit dem auch die Nazis gereist sind", erzählt sie. "Bei meinem letzten Blick auf meinen Onkel war er von uniformierten Nazis flankiert Er kam nie zurück in seine Wohnung."

Im Gepäck hatte die junge Alice eine Flasche mit Wiener Wasser und ein Barett, dass ihr ihre Großmutter für ihre Mutter mitgegeben hatte. Der Zug sollte sie nach London bringen. In Aachen wurde er jedoch aufgehalten und allen Juden wurde befohlen auszusteigen. "Ich bin nicht ausgestiegen. Ich habe mich nicht vom Fleck gerührt", erzählt Malcolm. Auf Umwegen erreichte sie schließlich mit dem Schiff Dover, wo ihre Mutter auf sie wartete.

"Ich bin die Überlebende"

In England und später in Schottland, wo sie heute lebt, machte sie eine Ausbildung zur Köchin und zur Krankenschwester und arbeitete als Hebamme und in der Leukämieforschung. "Ich bin die Überlebende. Niemand sonst ist mehr am Leben", sagt Malcolm. Ihren Onkel sah sie nach rund 30 Jahren wieder, er hatte die Lager überlebt. "Er hat nie darüber gesprochen. Und er ist nie wieder in eine Synagoge gegangen, er hatte den Glauben verloren", erzählt Malcolm.

Auf Einladung des Jewish Welcome Service Vienna reiste Malcolm diese Woche, gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn, zum ersten Mal nach acht Jahrzehnten in die Stadt ihrer Kindheit zurück. "Ich hatte anfangs nicht das Gefühl, in Wien zu sein. Alles hatte sich verändert. Es ist heute sehr modern hier und sehr sauber. Ich hätte auch in New York oder in irgendeiner anderen Stadt sein können."

Vor wenigen Tagen suchte sie die Wohnung in der Ferdinandstraße auf, in der sie mit ihrer Großmutter gelebt hatte. Dort öffnete zwar niemand die Tür, aber die Nachbarin ließ sie ein. "Sie hat die Tür geöffnet und mich willkommen geheißen. Eine komplett Fremde." Die Violinistin habe ihren Gästen etwas vorgespielt und Kaffee gekocht. "Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, in Wien zu sein", sagte Malcolm. "Ich habe nur Schönes erlebt, in den Tagen, in denen ich hier war. Ich würde gerne wieder kommen. Ich war noch nie in Schönbrunn."

(Das Gespräch führte Vera Bandion/APA)

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