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1938/2018 - Nationalsozialismus und die Folgen für die Wiener Medizin

13.03.2018

Der 12. März 1938 markierte das Ende der Ersten Republik. Der Triumph des Nationalsozialismus über die Demokratie bedeutete auch das Ende der weltbekannten Wiener Medizinischen Schule. Dessen gedenken MedUni Wien und Wiener Universität mit einer zweitägigen Veranstaltung zu den Themen "Wehrhafte Demokratie - 1938/2018" und "'Anschluss' im März 1938 - Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft".

"Der 12. März ist ein gespenstisches Datum", betonte der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller, zum Auftakt der Veranstaltungen. Im Jahr 1365 sei mit diesem Datum die Gründungsurkunde der Universität Wien ausgestellt worden. Der sogenannte "Anschluss" hätte 1938 die "wahrscheinlich größte Zäsur" für die Universität bedeutet. "It is not intellect which makes a good scientist. It is character", zitierte Müller Albert Einstein zu den zeitgeschichtlichen Ereignissen, die ihre Fortsetzung in der Vertreibung eines großen Teils der Wissenschafter, in Krieg und Holocaust fanden.

Zunehmende Hinwendung zu Diktaturen

In seinem Eröffnungsvortrag ("Revolutionäre 'Heimholung' wider Willen und der politische Chamäleon-Effekt") verwies der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, Oliver Rathkolb, auf ein Bündel von Vorbedingungen und Begleitumständen des März 1938. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hätten es die Parteien mit fortschrittlicher Sozialgesetzgebung und vor allem mit der Bundesverfassung von Hans Kelsen (1920/1929) geschafft, die Basis für eine parlamentarische Demokratie aufzubauen. Dieses Kapital sei aber durch zunehmende Hinwendung zu Diktaturen verspielt worden. Erst wenige Tage vor dem "Anschluss" hätte der damalige Bundeskanzler des Austrofaschismus, Kurt Schuschnigg, noch eine Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus bilden wollen, aber zu spät und zu zögerlich.

Zunächst sei es ein schwerer Fehler der österreichischen Sozialdemokratie gewesen, sich nicht bereits im Jahr 1933 frühzeitig und friedlich gegen die Aufrichtung des austrofaschistischen Regimes durch Engelbert Dollfuß gewehrt zu haben. "Tief sitzender Deutsch-Nationalismus" und ein "rückwärtsgewandter Blick auf die Monarchie" hätten Dollfuß-Nachfolger Schuschnigg daran gehindert, effektive Maßnahmen zur Abwehr Adolf Hitlers zu ergreifen. Statt Verbindungen zu den europäischen Demokratien aufzubauen, hätte man sich auf Allianzen mit den Diktaturen in Italien, Deutschland und Ungarn verlassen. Ein Schulterschluss mit der ebenfalls von Nazi-Deutschland bedrohten Tschechoslowakei sei unterblieben.

Autoritäre Regimes führen niemals aus der Krise

Für Hitler wären bei der Besetzung Österreichs und der Tschechoslowakei Anliegen des Deutsch-Nationalismus zweitrangig gewesen. "Die wahren Ziele waren Gold, Devisen, Rohstoffe, Soldaten und Rüstungsindustrie", sagte Rathkolb. Die Lehre aus den Ereignissen von 1938 und danach könne nur sein: "Diktaturen und autoritäre Regimes führen nicht aus der Krise, sie führen in die Katastrophe." Am 13. März begann am Vormittag an der MedUni Wien das wissenschaftliche Symposium zu den Folgen des Nationalsozialismus für die Wiener Medizin.

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