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1968/2018 - Die Aktion "Kunst und Revolution" an der Uni Wien

04.05.2018

Unter dem Titel "Kunst und Revolution" fand am 7. Juni 1968 im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes (NIG) der Universität Wien eine Veranstaltung statt, die in Folge als "Uni-Ferkelei" in die Geschichte einging. Am Bekanntesten ist der Auftritt der Wiener Aktionisten Otto Mühl und Günter Brus. Letzterer beschmierte sich mit seinem eigenen Kot, während er die Bundeshymne sang.

Veranstaltet wurde der Abend gemeinsam vom Sozialistischen Österreichischen Studentenbund (SÖS), dem späteren Medienkünstler und -theoretiker Peter Weibel und dem Schriftsteller Oswald Wiener. Zu Beginn lief noch alles nach Plan: Die Veranstalter Peter Jirak, Christoph Subik und Christian Beierer hielten einen einführenden Vortrag über "Die Stellung, Möglichkeiten und Funktionen der Kunst in der spätkapitalistischen Gesellschaft". Die Stimmung heizte sich schnell auf, als der mit einer Schutzbrille ausgestattete Weibel in einer aktionistischen "Brandrede" den damaligen Finanzminister Stephan Koren massiv angriff, während er einen mit Benzin übergossenen Asbesthandschuh anzündete und sich beinahe die Haut verbrannte. Die Lautstärke des Vortrags wurde dabei durch Zurufe des Publikums reguliert.

"Ein Scheinwerfer, bedient von VALIE EXPORT, schaltete über einen lichtabhängigen Widerstand den Verstärker des Mikrofons an und ab (...) Ein Paradoxon der Kommunikation als Demonstration der Antinomien des Parlamentarismus und der pluralistischen Demokratie. Selbstverständlich wurde ununterbrochen 'ein' oder 'aus' geschrien, sodass die Rede nur verstümmelt, wenn überhaupt zu hören war", fassten Weibel und Export die Geschehnisse in einer späteren Publikation zusammen. Wie Weibel im APA-Interview erzählt, stürmten danach alle Künstler gleichzeitig nach vorne, um ihr Programm zu zeigen. Während Günter Brus sich ritzte, onanierte, seinen Harn trank, sich mit seinen Exkrementen beschmierte und die Bundeshymne sang, hielt Oswald Wiener einen "Vortrag über Sprache und Bewusstsein unter Bezug auf kybernetische Modelle, die er auf die Tafel zeichnete".

Auspeitschungen und Wett-Urinieren

Der Aktionskünstler Otto Mühl (auch: Muehl) peitschte den auf dem Pult sitzenden Journalisten Malte Olschewski aus, dessen Gesicht jedoch zwecks Anonymität vermummt war. Im Programm war er lediglich unter dem Namen "Laurids" angekündigt worden. Drei nackte Männer veranstalteten ein Weit-Wett-Urinieren und simulierten mit geöffneten Bierflaschen Onanie-Bewegungen. Robert Schindel, der als Mitveranstalter auftrat, war während der Aktion nicht vor Ort, da er zeitgleich bei einem Teach-In als Teilnehmer der Kommune Wien verpflichtet war. In einem Interview mit dem Historiker Kazuo Kandutsch, der im Jahr 2007 die Diplomarbeit "Das Jahr 1968 am Beispiel der Veranstaltung 'Kunst und Revolution' in der (gesellschafts-)politischen Diskussion in Österreich" an der Universität Wien vorlegte, erinnerte er sich an die Situation: "Ich bin dann mit anderen zur Veranstaltung gegangen, durch Urinlachen gewatet und habe das Wort ergriffen und ein Statement abgegeben, dass ich nicht für diese Art von Kunst bin, aber dafür bin, dass sie durchgeführt werden kann."

Dass die Veranstaltung in weiterer Folge für mediale Aufregung und strafrechtliche Konsequenzen sorgte, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Journalist Michael Jeannee, der damals für das Boulevardblatt "Express" schrieb, im Hörsaal anwesend war und die Ereignisse zwei Tage später unter der Schlagzeile "Beispielloser Skandal vor 500 Personen Freitagabend an Wiener Uni" auf die Titelseite brachte. Es folgte eine mediale Skandalisierung und schließlich auch die gerichtliche Verfolgung der Beteiligten.

Günter Brus wurde wegen des "Vergehens der Herabwürdigung österreichischer Symbole" sowie der "Übertretung der gröbliches und öffentliches Ärgernis verursachenden Verletzungen der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit" verurteilt, Otto Mühl wegen der "Übertretung der vorsätzlichen körperlichen Beschädigung". Während Oswald Wiener freigesprochen wurde, erhielt Günter Brus sechs Monate strengen Arrest, Mühl vier Wochen Arrest. Sowohl Brus als auch Mühl flüchteten nach Berlin. Erst 1976 erhielt Brus eine Amnestie durch den damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger, wodurch die Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde.

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