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1968/2018 - Historiker Paulus Ebner: Aktionismus und Aufbruch

04.05.2018

1968 und Österreich, da denkt man unweigerlich an "Kunst und Revolution": Im Jahr des kulturellen wie gesellschaftlichen Aufbruchs war es diese Aktion, auch geläufig als "Uni-Ferkelei", die hierzulande für die meisten Schlagzeilen sorgte. Doch dürfe man daneben "nicht unterschätzen, welche enormen gesellschaftlichen Veränderungen in diesen Jahren subkutan ablaufen", so Historiker Paulus Ebner.

"Das Bild einer reaktionären Öffentlichkeit, die völlig fassungslos vor neuen Entwicklungen steht, stimmt zwar in diesem Einzelfall, passt sonst aber nicht mehr in diese Epoche", erklärt der Leiter des Universitätsarchivs der TU Wien, der sich intensiv mit 1968 beschäftigt hat, im APA-Gespräch. "Gerade wenn man sich die Tageszeitungen anschaut, ist ein oft durchsexualisierter Tonfall, auch in der Gesellschaftsberichterstattung und in Richtung Kunst, zu beobachten. Weniger ein Erschrecken, sondern eine lustvoll-verschwitzte Präsentation."

Die Berichterstattung aus jenem Jahr kennt Ebner gut. Für die 1998 gemeinsam mit Karl Vocelka verfasste Publikation "Die zahme Revolution. '68 und was davon blieb" hat er sechs Tageszeitungen "jeden Tag, jede Seite" durchgesehen. Die Kunstaktion von Günter Brus, Peter Weibel, Otto Mühl und Oswald Wiener, die im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes stattgefunden hat, und der Wiener Aktionismus sind aus seiner Sicht zwar "die entscheidenden und, global betrachtet, wohl auch die einzigen prägenden kulturellen Phänomene, die in den 60ern aus Österreich gekommen sind und bis heute nachwirken".

Viel angelegt

Allerdings sei zu jener Zeit viel angelegt worden. Die kommerzielle Filmszene in Österreich lag komplett brach, im Avantgarde-Bereich aber gab es "eine erste kleine Blüte". In der Architektur wiederum regte sich um Günther Feuerstein an der Technischen Hochschule Wien eine sehr vielfältige Szene. "Spätere Architekturkooperationen wie Zünd-Up, Haus-Rucker-Co und auch Coop Himmelb(l)au - das entsteht alles damals beziehungsweise in den folgenden Jahren", betont Ebner.

Eine wesentliche Rolle für das gesellschaftliche Bild von Kunst und Kultur spielten klarerweise die Medien. "Es war aber nicht so, wie man heute vermuten würde: Links findet Avantgarde gut, Rechts lehnt das ab", verweist Ebner auf vermeintliche Unterschiede zwischen Boulevard und Qualitätspresse. "Es werden einige Vorurteile, die man vielleicht gehabt hat, widerlegt, wenn man sich ganz genau anschaut, wer über was berichtet. Die Avantgarde hatte in der linken Tagespresse jedenfalls keine Lobby."

So sei etwa der "Express", in dem im Juni 1968 Michael Jeannee den Begriff "Uni-Ferkelei" prägen sollte, quasi der Versuch "eines linken Boulevards" gewesen, "der sich lange Zeit möglichst modern und zeitgeistig geben wollte". Das Happening von Brus und Co ging dann aber doch zu weit. "Dann entstand dort so etwas wie ein Pogrom-Klima, das hatte durchaus etwas von Hetze. Da hat aber nicht nur der 'Express' mitgespielt, das hat sich in fast allen Medien hochgeschaukelt", analysiert Ebner.

Musik sehr präsent

Im Unterschied zu heute ziemlich präsent war wiederum Musik. Sendungen wie "Spotlight" oder die Ö3-"Musicbox" hatten auch immer wieder heimische Künstler zum Thema. "Angesichts der Monopolstellung des ORF hatten auch österreichische Bands sofort ein paar Hunderttausend Zuschauer, obwohl man vielleicht gerade erst eine Single auf dem Markt hatte. Man konnte zumindest kurzfristig bekannt werden." Bis auf Gruppen wie Novak's Kapelle oder die schon lange vorher aktive Worried Men Skiffle Group hielt sich aber kaum ein Act längerfristig.

Anders sah es mit der Jugendkultur und ihrer Infrastruktur aus. Große Namen wie die Rolling Stones oder Jimi Hendrix spielten in den 60ern in Wien, das Nachtleben wurde immer bunter und ziemlich aktiv. "Es kam damals alles, was Rang und Namen hatte. Es dürfte eine richtige Partyszene gegeben haben", meint Ebner. "Man hat die Stars auch auf der Straße getroffen oder gesehen, wie sie vor oder nach ihren Auftritten im Wirtshaus gesessen sind. Es ist alles viel unmittelbarer gewesen." Auch sei die Trennung zwischen der angesagten Rockmusik und dem verstaubten Schlager nicht so starr gewesen, wie vielleicht vermutet. "Die Tribalisierung war noch so weit weg, wie man es sich heute schwer vorstellen kann."

Und was ist nun von 1968 geblieben, wie es Ebner und Vocelka in ihrem Buch fragten? "Ich würde unser damals schon ziemlich pessimistisches Nachwort fast noch einmal verschärfen", bilanziert der Historiker. Zwar sei seither gerade bei der rechtlichen Rahmung des privaten Lebensbereichs sehr viel passiert, verweist Ebner auf die Stellung der Frau oder auf die Rechte von Homosexuellen. "Aber es wird heute nicht mehr die eigentliche Frage gestellt, ob eine sozialistisch-demokratische Weltordnung anstatt einer kapitalistischen überhaupt denkbar ist. Und das war ja wohl das eigentliche Thema von 1968."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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