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1968/2018 - Historiker Vocelka: Mehr als eine "heiße Viertelstunde"

04.05.2018

Österreich hat bei den weltweiten Studentenprotesten 1968 nur eine Nebenrolle gespielt. Oft ist von der "heißen Viertelstunde" die Rede, ein Begriff, den der Historiker Fritz Keller prägte, und der sich auf die spektakuläre Aktion "Kunst und Revolution" im Wiener NIG bezog. Darauf lässt sich 1968 aber nicht reduzieren, stellt der Historiker Karl Vocelka im APA-Interview klar.

Im Vergleich zu den Ereignissen in den USA, in Frankreich, Deutschland und Italien seien die Proteste hierzulande zwar "relativ harmlos" gewesen, auf lange Sicht hätten sie aber "unglaublichen Einfluss auf das Leben" gehabt. Sie hätten "die Augen geöffnet" und zu einem "Perspektivenwechsel" in gesellschaftspolitischen Belangen geführt. Der ehemalige Vorstand des Instituts für Geschichte an der Universität Wien führt seine eigene Studienzeit als Beispiel an: "Als ich (1965, Anm.) mit dem Germanistik-Studium begonnen habe, hatten die meisten Professoren noch eine braune Vergangenheit. Aber wir sind ganz naiv und brav in den Hörsälen gesessen und haben ihnen zugehört. Zehn Jahre später hätten wir mit Tomaten und faulen Eiern geworfen."

Keine charismatischen Führungsfiguren

Unbestreitbar war Wien 1968 aber weniger "Hotspot" als andere Hauptstädte. Vocelka führt dies auf die speziellen österreichischen Rahmenbedingungen zurück. In anderen Ländern seien die Studenten mit ihrer Protestbereitschaft nicht allein gewesen. In den USA gab es die schwarze Bürgerrechtsbewegung, in Frankreich und Italien verbanden sich die Studentenproteste mit Arbeitskämpfen. Diese Überschneidungen hätten in Österreich gefehlt - der Klassenkonflikt sei etwa durch die Sozialpartnerschaft "zugedeckt" worden. Außerdem habe es anders als in Deutschland oder Frankreich keine charismatischen Führungsfiguren gegeben, keinen Rudi Dutschke, keine Brüder Cohn-Bendit. Die relativ geringe Proteststimmung hatte laut Vocelka auch etwas mit tieferen historischen Strukturen zu tun: "Seit ewigen Zeit und seit dem Vormärz noch stärker ist der Österreicher zum Untertanen erzogen worden, der nicht aufmüpfig sein darf. Dafür war es eh sehr aufmüpfig, was 68 passiert ist."

Den Eindruck, dass Wien bei den intellektuellen Debatten international etwas abseits gestanden ist, bestätigt der Universitätsprofessor (i.R.) für Österreichische Geschichte. Die wichtigen Texte seien zwar auch nach Österreich gelangt, gelesen habe sie aber nur eine kleine Minderheit der etwa 1.000 "bewusst Revolutionären". Adorno und Marcuse seien eben keine "Nachtkastllektüre". Außerdem müsse man den extremen Konservativismus an den österreichischen Hochschulen bedenken. In den gesamten zwei Semestern der "Einführung ins Studium der Geschichte (im Jahr 1965, Anm.) kam Karl Marx nicht vor", erinnert sich Vocelka. "Auf welche Erde hätte der Samen fallen sollen?" Eine interessante Ausnahme war die Zeitschrift "FORVM" unter Herausgeber Günther Nenning, in der wichtige Aufrufe etwa von Jean-Paul Sartre oder Bertrand Russel zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurden. "Aber ein Großteil der Studierenden hat das FORVM nicht gelesen."

68er "erfolgreich gescheitert"

Die 68er seien in Österreich im Rückblick "erfolgreich gescheitert". Zwar hätten sie eine gesellschaftspolitische Öffnung bewirkt - die Grünen-Bewegung wäre ohne die 68er ebenso wenig vorstellbar gewesen wie die Demokratisierung der Universitäten in den 70ern, oder die späte Aufarbeitung der Rolle Österreichs im Nationalsozialismus. Das politische System, gegen das man angekämpft habe, sei aber dasselbe geblieben. "Nach 1968 hat man in Österreich weitergewurstelt wie vorher." Die Weiterentwicklung demokratischer Strukturen, eines der zentralen Anliegen der 68er, sei nicht erfolgt, und die Entwicklung gehe derzeit weltweit "in eine ganze andere Richtung". Die neue "Versteinerung" beträfe nicht nur die Politik, sondern auch die Universitäten, die heute wieder sehr "konservativ und ordinariengeleitet" wie in der Zeit vor 1968 geführt würden.

Karl Vocelka, der selbst kein Aktivist war, beschäftigt sich seit langer Zeit mit der Studentenrebellion. Bereits 1983 bot er als erster Universitätsangehöriger ein Seminar zu dem Thema an, 1998 publizierte er gemeinsam mit Paulus Ebner das Buch "Die zahme Revolution. '68 und was davon blieb". Es ist nach wie vor eines der wichtigsten Referenzwerke zu den Wiener Abläufen.

(Das Gespräch führte Roman Kaiser-Mühlecker/APA)

Service: Veranstaltung am 7.5., 19 Uhr, in der Wiener Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a: "Pro und contra - aktuelle Sachbücher im Gespräch". Fritz Keller spricht über sein vor zehn Jahren im Mandelbaum Verlag erschienenes Buch "Wien, Mai '68. Eine heiße Viertelstunde"

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