Kultur & Gesellschaft

Studenten am Campus der Universität von Vincennes im Jahr 1969 © APA (AFP)
Studenten am Campus der Universität von Vincennes im Jahr 1969 © APA (AFP)

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1968/2018 - Pariser Experimental-Uni mit Staraufgebot wurde zu Symbol

04.05.2018

Es war eines der Zugeständnisse, das General Charles de Gaulle der 68er-Bewegung machte: Im Sommer 1968 begannen die Bauarbeiten für eine Universität im Pariser Stadtwald von Vincennes. Dort unterrichteten ab Jänner 1969 nicht nur die wichtigsten Denker Frankreichs, das Modell Vincennes verabschiedete sich auch vollkommen von althergebrachten Vorstellungen akademischen Lehrens und Lernens.

"Man stieß eine Tür auf und war in einem Kurs von Deleuze, (...) man öffnete eine andere Tür und stand vor Foucault", erinnert sich ein ehemaliger Student in einem Dokumentarfilm von Viriginie Linhart aus dem Jahr 2016. "Keine noch so reiche US-amerikanische Universität könnte sich heute das Staraufgebot leisten, das in Vincennes lehrte", sagt ein anderer. Die Universität von Vincennes war bis zu ihrer Schließung 1980 der intellektuelle Mittelpunkt Frankreichs und wirkte auch darüber hinaus. Internationale Größen wie der Linguist Noam Chomsky, der Filmemacher Pier Paolo Pasolini, oder der Theaterautor Dario Fo boten Kurse an, die Feministin Alice Schwarzer machte dort als Studentin Bekanntschaft mit den Ideen des Philosophen und Soziologen Michel Foucault. Die französische Frauenbewegung - die zweite Welle - nahm von Vincennes aus ihren Ausgang.

Die Anziehungskraft der Universität beruhte auf ihrem experimentellen Charakter. Sie verstand sich als Antithese zur napoleonisch geprägten, streng hierarchischen Sorbonne. Studenten diskutierten aktiv mit den Vortragenden, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel, wie Schwarzer 2015 in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" einräumte: "Für meinen Geschmack wurden die Lehrenden etwas zu oft unterbrochen. (...) Foucault kam oft kaum zum Sprechen. Immer rief einer der Studenten dazwischen, meistens waren es die Maoisten: 'Hey, Foucault, tu la fermes! Halt die Klappe! Du schwätzt nur. Lass uns lieber was tun!'"

Freier Zugang

Der experimentelle Charakter der Universität manifestierte sich allenthalben. Als erste Universität Frankreichs besaß Vincennes eine angegliederte Filmhochschule, ebenfalls neu und revolutionär waren die Fakultäten für Informatik und Psychoanalyse. Anders als überall sonst durften Universitäts-Assistenten die Themen unterrichten, die sie unterrichten wollten. Die größte Eigenheit von Vincennes lag aber anderswo: Für den Besuch dieser Uni war keine Matura erforderlich. Auch Ausländer durften studieren. Dafür vergab die Uni keine Diplome. Es ging um nichts anderes als um die "Freude am Lernen", wie eine ehemalige Studentin der Filmemacherin Linhart erzählt.

Um Berufstätigen den Besuch der Kurse zu ermöglichen, wurden die Unterrichtszeiten bis auf 22 Uhr ausgeweitet. Auch an Samstagen herrschte Betrieb. Das Angebot wurde von vielen Arbeitern und Angestellten angenommen. Linhart lässt in ihrem Film Menschen zu Wort kommen, denen Vincennes die Chance gab, Verpasstes nachzuholen: "Es war wie eine Revanche für mich: Eine Revanche für die verkorkste Schullaufbahn, eine Revanche für die verpasste Gelegenheit, studieren zu können", resümiert ein ehemaliger Student sichtlich gerührt.

Vincennes sorgte für erstaunliche Karrieren. Zwei Beispiele: Philippe Mioche arbeitete in den späten 60ern als Tischler und lieferte der Universität Schranktüren. Ihm gefiel das Ambiente von Vincennes, er schrieb sich als Student ein und entdeckte seine Liebe zur Geschichte. Viele Jahre später wurde Mioche Ordinarius für Zeitgeschichte an der Universität von Aix-Marseille. Abdou Gassama arbeite als Reinigungskraft an der Universität Vincennes. Abendkurse erlaubten ihm, Einblick in den audiovisuellen Sektor zu nehmen. Heute leitet Gassama den entsprechenden Fachbereich an der Nachfolgeuniversität Saint-Denis.

Zu viel Zuspruch

Der große Erfolg wurde Vincennes zum Verhängnis. Ursprünglich für 8.000 Studenten ausgelegt, war die Universität bald mit der vierfachen Zahl konfrontiert. Als Folge davon verkam das Gebäude zunehmend. Drogenprobleme taten das Übrige, um die Uni medial in Verruf zu bringen. Die konservative Stadtregierung unter Jacques Chirac nutzte die Gelegenheit, um das Grundstück, das vorerst nur für zehn Jahre zur Verfügung gestellt worden war, 1978 zurückzufordern. 1968 hatte man gehofft, mit der Neugründung das umkämpfte Quartier Latin, das Pariser Studentenviertel, zu befrieden. "Mit etwas ganz Neuem in waldiger Gegend, da können sich die Leute austoben wie sie wollen, und wir in der Mitte von Paris werden nicht davon tangiert", fasste der Politikwissenschafter Michel Cullin vor einigen Jahren im Gespräch mit orf.at die Überlegungen der französischen Regierung unter de Gaulle zusammen. Die Popularität von Vincennes machte die Hoffnung, den "Geist von 68" an den Rand drängen zu können, zunichte.

Die Universität wurde 1980 unter heftigen Protesten in die Pariser Vorstadt Saint-Denis verlegt und als "Paris VIII" in das reguläre Universitätennetz eingegliedert. Sie verlor damit alle Eigenheiten, die Vincennes ausgemacht hatten. Gleich nach Verladung der Möbel und Lehrmittel rückten Bagger und Bulldozer an, die das Gebäude im Stadtwald dem Erdboden gleich machten. Das erst zwölf Jahre alte Gebäude hätte anderweitig genutzt werden können. Aber nach einhelliger Meinung der ehemaligen Studenten und Lehrenden ging es um die Zerstörung eines Symbols. Die Universität, die elf Jahre lang "Elitenbildung für alle" propagiert und betrieben hatte, verschwand spurlos. Dort, wo sich früher das Gebäude befand, ist heute Wald und Wiese. Keine Tafel erinnert an die bewegte Geschichte des Ortes.

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