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Peter Weibel: "Jubiläen und Gedenktage sind große
Peter Weibel: "Jubiläen und Gedenktage sind große 'Aide-Memoires'" © APA (OTS/ONUK)

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1968/2018 - Peter Weibel: "Versprechen von damals nicht eingelöst"

04.05.2018

Am 7. Juni 1968 fand an der Universität Wien die skandalumwitterte Aktion "Kunst und Revolution" mit u.a. Günter Brus und Otto Mühl statt, an deren Organisation der Medienkünstler und -theoretiker Peter Weibel (74) maßgeblich beteiligt war. Im Gespräch mit der APA erinnert er sich an die ursprüngliche Intention, die unmittelbaren Folgen und die langfristigen Auswirkungen auf das politische Klima.

APA: 1918, 1938, 1968: Heuer stehen zahlreiche Gedenkjahre an. Wie stehen Sie grundsätzlich zu Jubiläen?

Peter Weibel: Jubiläen und Gedenktage sind große "Aide-Memoires", also Gedächtnishilfen und -stützen, an denen man den Soll-Zustand einer Gesellschaft mit dem Ist-Zustand vergleichen kann. Punkte, an denen man sich erinnert: Was waren die Versprechen und Ziele vor 50 Jahren und in wie weit hat man die erreicht? Was wir oft übersehen ist, dass 1968 nur ein Signaturjahr für ein ganzes Jahrzehnt, also die 60er-Jahre, war. Die 1960er kann man mit den 20er-Jahren vergleichen. Die beiden waren politisch sowie künstlerisch die revolutionärsten Dekaden in Europa. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass die 20er mit dem Aufstieg des Faschismus in einer Katastrophe geendet haben. Das Tolle ist, dass das in den 60er-Jahren nicht passiert ist. Erst jetzt, nach 50 Jahren, beginnt der Backlash mit seinen rechtspopulistischen, demokratiefeindlichen Strömungen.

APA: Kann man diese Entwicklungen auf 1968 zurückführen?

Weibel: Ich würde sagen: ja. Das unterscheidet mich von vielen Kritikern des Rechtspopulismus. Ich sage: Wir haben die Versprechungen von damals nicht eingelöst. Wir sind zum Teil blind gewesen, haben vor lauter Vorstellungen, wie es sein sollte, die Stimme der Realität überhört. Wir haben versucht, an der berühmten Stimme des Souveräns vorbeizuregieren. Das kommt jetzt zurück. Dieser Zustand wurde nicht von den Rechten gemacht, sondern von den Liberalen. Die Enttäuschung hat die Leute den Rechten in die Arme getrieben. Man kann die Demokratie nicht so behandeln wie einen Messias und ewig auf sie warten, mit Derridas "democatie a venir" gesprochen. Jetzt, wo sie nicht eingetreten ist, wenden sich die Menschen von ihr ab. Der Erfolg der Rechten ist ein Zeichen des Misserfolgs der Linksliberalen.

APA: Woraus speist sich der aktuell sichtbare Politik- und Demokratieverdruss?

Weibel: Es ist eine lethargische und resignative Stimmung entstanden. Man hat gespürt, dass man nichts ändern kann. Jeder Österreicher wird das im Grunde bestätigen. In totalitären Regimes ist Kritik gefährlich, weil man da das Leben verliert. Bei uns verliert man den Job. Wenn man etwas Kritisches sagt, ist man der Schuldige. Ich habe das in Graz in der Neuen Galerie erlebt. Alle, die gegen die Missstände protestiert haben, sind gefeuert worden. Ich konnte mir das leisten, weil ich mehrere Jobs hatte. Viele andere mussten klein bei geben, um ihren Job nicht zu verlieren. Das ist der Zustand: In der sogenannten Demokratie verlierst du den Job. Daher hat man aufgehört, daran zu glauben. Die Menschen denken: "Die Linksliberalen haben ja schon versagt", also wählen sie entweder gar nicht oder die Rechten. Die meisten Wähler in Deutschland sind ja nicht von der CDU zur AfD gewechselt, sondern von der SPD.

APA: Was hat Sie persönlich Anfang der 1960er politisiert?

Weibel: Ich habe mich damals gewundert, warum meine Kunst- und Kulturauffassung so radikal abgelehnt wurde. Warum die Dichter der Wiener Gruppe nicht publiziert wurden. Oder warum es so viele tolle Bücher in den Antiquariaten gegeben hat, die natürlich von den enteigneten Juden stammten. Ich habe begonnen zu recherchieren und bemerkt, dass der Faschismus in Österreich einfach weitergegangen ist. Dass dieselben Menschen an den Universitäten oder in der Politik am Werk waren wie vorher. Ich habe mich gefragt: Wieso spricht niemand darüber? Wem gehören diese Geschäfte? Das hat zum Kampf gegen den Faschismus und die Lüge, dass wir die ersten Opfer waren, geführt. Ich habe damals meine ersten Texte in linksradikalen deutschen Zeitschriften veröffentlicht und gedacht, man müsse das auch nach Österreich bringen. In Robert Schindel vom SÖS (Sozialistischer Österreichischer Studentenbund, Anm.) und Oswald Wiener habe ich Verbündete gefunden. Wir waren ein kleiner Kreis: Zehn Leute gegen sieben Millionen Österreicher.

APA: Wie kam es zur Idee der Veranstaltung "Kunst und Revolution", die später als "Uni-Ferkelei" in die Geschichte einging? Und wie groß war die Diskrepanz zwischen der Intention und der Reaktion?

Weibel: Ich war ja Student und hatte Beziehungen zu den Linken Studenten. Wir wollten eine gemeinsame Veranstaltung machen. Jede Bewegung hat dabei ein "buntes Programm". Die anderen ließen Schlagersänger auftreten, wir die Aktionisten. Die vom SÖS waren allerdings den Wiener Aktionisten skeptisch gegenüber eingestellt. Sie wollten das nicht. Weil wir aber die Aktionskunst dabei haben wollten, habe ich ein bisschen geschwindelt und gesagt, dass wir die Aktionisten im Griff haben, obwohl wir genau gewusst haben, was sie machen würden. Aber wir wollten die Veranstaltung unbedingt durchbringen.

APA: Wie lief die Veranstaltung dann ab?

Weibel: Ich habe meine sehr extreme Rede mit dem Handschuh gehalten, da war schon ein riesiges Gebrüll im Hörsaal. Da haben die anderen befürchtet, dass sie bei dem Tumult nicht mehr drankommen und sind alle gleichzeitig nach vorne gerannt. Wiener hat seine Formeln zum Thema "Sprache und Bewusstsein" an die Tafel gemalt, währenddessen ist Otto Mühl auf die Bühne gerannt und hat seine Auspeitschung gemacht und mit Bierflaschen onaniert und dann kam Günter Brus, der sich mit seiner Scheiße beschmiert hat. Wir haben vorher schon gewusst, dass das eine gefährliche Aktion ist, haben Fluchtwege studiert und den Abstand zu den Türklinken gemessen, damit wir im Notfall Holzpflöcke drunter klemmen können, damit von außen niemand reinkommt. Wir wussten, dass es vor Ort schlimm ausgehen konnte. Wir haben aber nicht damit gerechnet, dass es durch den Boulevard so skandalisiert wird.

APA: Wie ging es nach der "Uni-Ferkelei" dann weiter?

Weibel: Wir sind direkt danach aufs Land gefahren und am Rückweg bei der Pause waren wir überrascht, dass wir Gegenstand der Nachrichten waren. Ich hatte schon früher Kontakte mit der Justiz und der Polizei. Die anderen waren vertrauensseliger, und als die Polizisten kamen, um uns für ein Gespräch abzuholen, bin ich nicht mitgegangen und gleich nach Schweden geflohen, weil ich wusste, dass sie uns einsperren und verurteilen wollen.

APA: Und die langfristigen Auswirkungen?

Weibel: So eine Aktion ist genau im Sinne von Hegel: Es gibt geschichtliche Ereignisse, die merkt man sofort und welche, deren Wirkung entwickelt sich unterirdisch wie die eines Maulwurfs. Subversiv. Am Ende hat die Aktion einen ungeheuren Einfluss gehabt. Das hat dazu geführt, dass die Österreicher sich damit beschäftigen mussten, was sie verdrängt hatten. Es gäbe ohne uns keinen Thomas Bernhard, keine Elfriede Jelinek. Das Burgtheater hätte sich nicht getraut, sie zu spielen. Das Klima, das damals entstanden ist, hat bewirkt, dass Leute sich getraut haben, etwas zu machen. Wir haben den Weg für andere Formen der Radikalität geöffnet.

APA: In anderen Städten wie etwa Paris waren die Proteste von 1968 viel stärker zu spüren als hierzulande. Woran lag das?

Weibel: Mich hat der frühere Bundespräsident Heinz Fischer einmal gefragt: Warum haben wir die "Sissi"-Filme gehabt, während die anderen so tolle Filme gedreht haben? Nun ja, die haben sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Während wir uns der K.u.k-Vergangenheit gewidmet haben, gab es in Deutschland etwa Heinrich Böll, in Italien Rossellini und den Neorealismus. Wir hatten "Der Engel mit der Posaune": Die Frau Wessely spielte zuerst in "Die Heimkehr" eine radikale Nationalsozialistin, danach eine verfolgte Jüdin. Das war unser Problem. Die Verlogenheit und die Heuchelei. Die Nicht-Untersuchung der Vergangenheit. In so einem Land entsteht kein politisches Klima.

Hätte man gemäßigten Aktionismus hierzulande schon früher zugelassen, hätte es den Wiener Aktionismus gar nicht gegeben. Dann wäre nicht so eine explosive Situation entstanden. Weil Österreich sich nicht erklärt hat, musste Nitsch diese Nation besudeln. Was sind wir für blutige Schweine gewesen? Brus beschmierte sich mit Kot, weil es die Österreicher nicht getan haben. Sie haben sich durchgemogelt. Durch die Kunst kam das Unbewusste doppelt so stark zurück. Der Aktionismus, der so brutal war, hat eine klaffende Wunde geschaffen.

APA: Die heutige Protestkultur ist stark von Sozialen Medien geprägt. Inwiefern beeinflusst das die Art der Proteste?

Weibel: In der Geschichte haben Protestbewegungen immer zur Gründung von Parteien geführt. Die Grüne Bewegung ist etwa aus dem Vietnam-Protest heraus entstanden. Zuletzt passierte das kaum mehr: Die sogenannten Frühlinge in Arabien, die Versammlungen von Individuen in Massenprotesten, waren zum Scheitern verurteilt, weil sie nur in Sozialen Medien stattgefunden haben. Die Sozialen Medien schwächen Protestbewegungen, weil sie verhindern, dass sie im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie stattfinden. Die Sozialen Medien schöpfen den Protest ab, er wird nicht wirksam. Der Staat fürchtet sich nicht vor Sozialen Medien. Im arabischen Raum hat es nur bewirkt, dass die Diktaturen jetzt noch schlimmer sind als davor. Andererseits gibt es mittlerweile wieder Ansätze wie etwa in Frankreich mit "En Marche" oder Spanien mit Podemos. Man muss sich fragen, ob ein Protest doch wieder zu etwas führen kann, auch wenn das Rechte wie die AfD sind.

APA: Zurück zum Jahr 1968. Mittlerweile hat eine Historisierung der Ereignisse eingesetzt. Was erwarten Sie sich davon?

Weibel: Ich bin mir ganz sicher, dass das 68er-Jahr zu den zehn wichtigsten Jahren des 20. Jahrhunderts gehört. 1968 hat Europa erschüttert und eine ganze Reihe von Befreiungsbewegungen eingeleitet. Es wird als positive Signatur bekannt bleiben für das 20. Jahrhundert. Für die hoffnungsvollste Revolte, die stattgefunden hat. Was man untersuchen müsste, wäre die Frage, in wie weit das alles gut war, etwa der Antikolonialismus. Das ist eine schwierige Aufgabe, die sowohl die 68er als auch die neue Generation hat. Die Linken machen das aber nicht, dadurch geben sie der Rechten die Möglichkeit, das Thema zu besetzen. Weil sie ihre eigene Ideologie nicht kritisch hinterfragen.

APA: Wie sehen Sie die Zukunft der Linken, wenn Sie sich die jüngsten Wahlergebnisse ansehen?

Weibel: Konservative Parteien haben in den vergangenen Jahren viele Punkte der Linken übernommen, siehe Atomausstieg oder Homo-Ehe in Deutschland. Die Parteien sind linker geworden. Da können die Wähler mitziehen oder lieber nach rechts gehen. Im Moment geht es nicht um die Entscheidung zwischen links oder rechts, sondern man muss sich inhaltlich entscheiden, wo man sich positioniert. Wollen wir ein multiethnisches Österreich oder nicht? Und so lange die linken Parteien diese Frage nicht wirklich beantworten, haben die anderen den Vorteil, dass sie klar sagen: Wir wollen das nicht. Wenn man ein multiethnisches Österreich möchte, muss man es gut begründen. Wenn man das nicht tut, schenkt man die Wähler faktisch den anderen. Dazu kommt, dass die Linken nur mehr für ihr Milieu gesprochen haben. Das reicht nicht aus, dass man wiedergewählt wird. Die Chance wäre schon, dass sie durch diese Niederlage wieder lernen, als politische Partei zu denken.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

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