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"Anführer-Typen" schreiten bei antisozialem Verhalten eher ein

08.06.2018

Sitzt man im Zug und ein Passagier behelligt ungefragt alle anderen Anwesenden mit lauter Musik aus seinem Abspielgerät, kann es durchaus lange dauern, bis sich jemand erbarmt und dem ein Ende setzt. Psychologen aus Frankreich, den USA und Innsbruck fanden nun heraus, dass eher selbstbewusste, gefestigte "Anführer-Typen" einschreiten - und nicht die "Grantscherben" ("Bitter Complainers").

In einer im Fachblatt "British Journal of Social Psychology" erschienenen Untersuchung befragte ein Team um Alexandrina Moisuc von der Universität Clermont Auvergne (Frankreich) in mehreren Studien insgesamt 1.003 Personen aus Frankreich und Österreich, wie sie ihr Verhalten in derartigen Situationen einschätzen würden. Die Handlungsoptionen reichten von keiner Reaktion über Seufzen bis zum Aufmerksammachen des Störenfrieds auf moderate oder eher aggressive Art und Weise. Darüber hinaus gaben die Teilnehmer an, wie sehr sie das jeweilige Verhalten - etwa auf den Boden spucken oder Batterien in einen Gemeinschaftsgarten zu werfen - aus moralischer Sicht aufregte.

"Grantscherben" schreiten selten ein

Zur Frage, welche Personen intervenieren, gibt es zwei Zugänge: Die "Bitter Complainer"-Hypothese geht davon aus, dass das eher Personen mit niedrigerem Selbstwertgefühl tun, die sich durch Feindseligkeit gegenüber anderen selbst besser fühlen, also der typische "Grantscherben". Stärkere Hinweise gab es allerdings, dass sich selbstbewusstere, sozial aktive, eher extrovertierte und altruistisch eingestellte Personen in solchen Situationen stärker einbringen.

Tatsächlich ergab die Analyse des Teams, dem auch Tobias Greitemeyer vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck angehörte, dass die "Bitter Complainers" keine übermäßigen Anstalten machen, aktiv einzuschreiten bzw. Menschen mit diesen Persönlichkeitsausprägungen sogar eher davor zurückschrecken. Eine deutliche Einschränkung für die Verallgemeinerbarkeit der Studie ist allerdings, dass es sich hier um hypothetische und nicht um reale Situationen handelte und die Studienteilnehmer ihre Reaktion selbst einschätzten. Ebenso ins Gewicht fällt hier, dass ein erheblicher Teil der Befragten Studenten waren.

"Diejenigen, die einschreiten, um jene zu konfrontieren, die amoralisches Verhalten zeigen, sind nicht dysfunktionale, aggressive Personen. Ganz im Gegenteil, es sind Leute, die sich um andere sorgen, die viel soziales Kapital haben, und sich über Verhalten, das die soziale Harmonie gefährdet, entrüsten", schreiben die Wissenschafter in der Arbeit. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von "ausgeglichenen Anführer-Typen" ("Well-adjusted Leader").

Service: http://go.apa.at/PhCsd1Rr

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