Kultur & Gesellschaft

Neue Perspektiven für den Innovationsprozess © APA (dpa)
Neue Perspektiven für den Innovationsprozess © APA (dpa)

Kooperationsmeldung

Auf dem Weg zur automatisierten Innovation

16.09.2015

Von Karl-Heinz Leitner

Der österreichische Ökonom Josef Schumpeter hat 1952 die These formuliert, dass der Kapitalismus längerfristig nicht überleben werde. Eines seiner wesentlichen Argumente dafür war, dass der Fortschritt "mechanisiert" werde und große Forschungslabors eines Tages "automatisch" Innovationen hervorbringen würden (Schumpeter 1993, S. 350). Damit würde, so die weitere Argumentation, die Unternehmerfunktion einen massiven Bedeutungsverlust erleiden und dies in Folge das Ende des Kapitalismus einläuten. Seine These vom Untergang des Kapitalismus hat sich - zumindest aus heutiger Sicht - nicht bewahrheitet. Dass sich der Innovationsprozess ständig beschleunigt und mechanisiert, das zeigen jedoch viele Entwicklungen, vor allem seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Heute sind es vor allem die Informations- und Kommunikationstechnologien, allen voran das Internet und immer mächtigere Algorithmen, die die Art und Weise, wie wir innovieren, revolutionieren und im wahrsten Sinne des Wortes automatisieren: Technologien werden eingesetzt, um den eigentlichen Prozess der Entwicklung und Umsetzung von Innovationen durchzuführen und zu beschleunigen (vgl. Jegou et al. 2009).

Algorithmen und das Internet als Basis für den Innovationsprozess

International lassen sich zunehmend Beispiele finden, wie Unternehmen Informationstechnologien, soziale Netzwerke und Webapplikationen nutzen, um innerhalb und außerhalb des Unternehmens Ideen zu sammeln, zu adaptieren, zu bewerten und in Innovationen umzusetzen. Dabei durchsuchen Unternehmen etwa mit Hilfe von Suchalgorithmen das Internet nach Ideen für Innovationen. Mit Hilfe der Software wird ein breites Spektrum an möglichen Innovationen generiert, die dann nach Gesichtspunkten der kostengünstigsten Produktion selektiert werden können. So verwendet etwa ein italienischer Möbelproduzent eine Software, um Tische zu designen. Dabei kombiniert der Computer zufällig gewählte Parameter und entwirft so zahlreiche Varianten. Diese "Breeding Tables" sollen den bis dato dem Menschen vorbehaltenen Kreativitätsprozess ergänzen und die Vielfalt erweitern. Mit derartigen Technologien können vor allem neue Kombinationen und Varianten entwickelt und bewertet werden. Ansätze, um die Hervorbringung von radikalen Innovationen zu unterstützen, sind noch nicht verbreitet. Schon heute glauben aber visionäre Forscher daran, dass der Computer zukünftig das Verhalten von Menschen perfekt simulieren kann, zielstrebig handelt und sogar empathisch wird (Kurzweil 2013). Dies würde dann wohl auch Möglichkeiten bieten, dass der Computer die Generierung radikaler Innovationen unterstützt oder sogar selbst hervorbringt.

Derzeit können mit den neuen Technologien vor allem äußerst viele interne und externe Akteure in den Innovationsprozess involviert werden, unzählige neue Produktvarianten geschaffen und die Auswirkungen auf die Produktion simuliert und durch den Computer bewertet werden. Auch die bekannten und bereits weit verbreiteten Software- und Hardware-Plattformen und Werkzeuge ermöglichen es Unternehmen und Nutzergemeinschaften, Produkte selbst zu entwickeln und zu produzieren. Von Legobausteinen über Softwareprodukte bis hin zum Möbelstück entwickeln Individuen unterstützt vom Computer und mächtigen Datenbanken ihre individuellen Produkte und drucken sie dann etwa auf einem 3D-Drucker aus. So kann man etwa auf der Ponoko-Plattform eigene Produkte von der Tasse bis hin zum Musikinstrument auf Basis einer vorgegebenen Anzahl von Materialien softwareunterstützt selbst gestalten, wobei auf eine Vielzahl von Designs und Varianten in einer Bibliothek zurückgegriffen werden kann. Die Produkte werden sodann am selben Tag mit Hilfe von 3D Druckern aber auch anderen flexiblen Fertigungstechnologien gefertigt und versendet. In unterschiedlichem Ausmaß können und werden in diesem Prozess bereits Lösungswege und Varianten automatisch vorgegeben und die Entwicklung computerunterstützt in spezifische Bahnen gelenkt.

Das bedeutet aber auch, dass wir damit unsere Entscheidungen immer häufiger dem Computer anvertrauen, der auf Basis vielfältiger Informationen und Daten über Kundenpräferenzen für uns selektiert. Diese Assistenzleistung bietet Vorteile und reduziert für uns als NutzerInnen und KundInnen Komplexität, kann zu besseren Ergebnissen und zu Zeiteinsparung führen; bedeutet aber auch einen gewissen Verlust an Selbstbestimmtheit und eigener Kreativität in der realen und sozialen Welt der Menschen. Diese Entwicklung führt vermehrt dazu, dass Computer schon bald autonom Investitionsentscheidungen im unternehmerischen Bereich treffen werden; eine Entwicklung, die im Investitionsbanking schon länger Usus ist (Gomolka 2011). Hier verkaufen und kaufen etwa Computer im Auftrag von Bankern autonom Wertpapiere auf Basis klar definierter Regeln. Verlieren wir dann vielleicht am Ende des Tages selbst die Hoheit darüber, was innoviert und dafür auch investiert wird?

Innovation als kreativer Schaffensprozess?

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, in wie weit die Entwicklung und Durchsetzung von Innovation noch die menschliche Kreativität erfordert und welche Rolle letztere zukünftig überhaupt noch spielt. Steckt sie nur mehr bei den Software-ProgrammiererInnen, SystemarchitektInnen und UnternehmensstrategInnen? Besteht die Königsdisziplin des kreativen Schaffens folglich in Zukunft darin, künstliche intelligente Systeme zu schaffen?

Der amerikanische Kulturtheoretiker und Architekt Scott Francisco (2010) argumentiert in diesem Zusammenhang etwa, dass die vollständige Durchdringung von Informationstechnologien letztlich die menschliche Kreativität verdrängt. Kreativität entsteht auf Basis von Erfahrungen im direkten Dialog zwischen Menschen in einem bestimmten sozio-kulturellen Umfeld. Sie basiert auf wissensbasierten Praktiken, kulturellen Werten, Emotionen und erfordert eine Vorstellung von der Zukunft. Hier zeigt sich dann ein Innovationsparadoxon, denn die zunehmende Beschleunigung und Automatisierung von Innovation in der digitalen Welt entfernt uns immer mehr von den Wurzeln der Innovation wie wir sie aus der realen Welt kennen. Gleichzeitig besteht in diesem Szenario der automatisierten Innovation die Gefahr, dass der Innovationsoutput im Sinne von echten Neuerungen sinkt, Innovation nur mehr "berechnet", jedoch nicht mehr "gelebt" wird. Innovationen sind damit nicht mehr Ausdruck von menschlicher Kreativität und Antrieb sondern direktes Ergebnis von rechnerbasierten Kalkülen und Prozessen.

Neue Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik

Die weitere Digitalisierung des Innovationsprozesses bietet zweifelsohne große Chancen, beinhaltet aber auch erhebliche Risiken. Wie immer man zu diesen Entwicklungen steht, sie sind kaum zu bremsen oder gar aufzuhalten. Der einzige Weg besteht darin, die Transformation mitzugestalten und dafür zu sorgen, dass sich der Innovationsprozess durch die Anwendung von Technologien nicht eines Tages vollständig selbst steuert, sondern eine Supportleistung und eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung des Kreativprozesses des Menschen bleibt. Die Frage nach dem Zweck und der Zielrichtung von Innovation, die darüber hinausgeht, Gewinne für Unternehmen zu generieren sondern gesellschaftliche Probleme zu lösen, soll und muss vom Menschen getroffen werden.

Die neuen automatisierten Innovationsmuster werden viele etablierte Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen. Neue Spielregeln und Geschäftsmodelle werden immer wichtiger und der Innovationswettbewerb verlagert sich in die digitale Welt und hin zur Frage, wie Technologien eingesetzt werden können, um den Prozess der Innovation effizienter zu organisieren und Marktflops zu vermeiden. Letzteres etwa indem bessere Daten genutzt werden, um Kundenwünsche zu prognostizieren. Dabei können neue monopolistische und oligopolistische Strukturen mit dominanten Unternehmen entstehen, welche im Zeitalter der digitalen Transformation die Daten und Algorithmen kontrollieren.

Auch für die KundInnen und BürgerInnen tun sich neue Perspektiven und Welten auf: Trotz der viel beschworenen Individualisierung und Einbindung des Kunden in den Innovationsprozesses kommt über Internet, Big Data und Künstliche Intelligenz eine neue Art der Fremdbestimmung auf uns zu, die eine Bedrohung für die Autonomie des Menschen darstellt. Die vordergründige Diversität schränkt längerfristig die Handlungsfreiheit ein: ManagerInnen, IngenieurInnen, KundInnen und dgl. treffen dann nur mehr vergleichsweise unbedeutende Selektionsentscheidungen aus dem von Systemen vorgegebenen Menü der möglichen Varianten und Vorschläge.

Hoch individualisierte Produkte, nahezu unbegrenzte Variantenvielfalt , generiert aus einem bestehenden Pool an "Produktgenen", können letztlich auch einen radikalen Systemwandel verhindern, der jedoch notwendig ist, um die gesellschaftlichen und ökologischen Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen und nachhaltige Produkte und Lösungen zu generieren. Die Automatisierung von Innovation darf nicht dazu führen, dass nur eine kleine Gruppe von monopolistischen Unternehmen profitiert bzw. Innovationsprozesse determinieren.

Die zunehmende Automatisierung von Innovation hat vielfältige gesellschaftspolitische Auswirkungen und stellt neue Anforderungen an unterschiedlichste Politikbereiche. Die Innovationspolitik kann etwa selbst durch Simulationen umfassendere Ex-Ante Bewertungen von Maßnahmen durchführen, bei denen ökonomische, ökologische und soziale Kriterien Berücksichtigung finden. Gleichzeitig sind Fragen des Datenschutzes, der Interoperabilität, des Schutzes von geistigem Eigentum und der Privatsphäre Themen, die ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Ferner ist kritisch zu hinterfragen, ob nicht längerfristig die Innovationsfähigkeit von Unternehmen, Sektoren und der Gesellschaft verloren geht und menschliche Kreativität zugunsten "automatisierter Innovationen" verdrängt wird. Es ist davon auszugehen, dass früher als kreativ und anspruchsvoll geltende Tätigkeiten nun wegrationalisiert werden, nur ein Indiz für die sich abzeichnenden Auswirkungen auf die Arbeitswelt der am Innovationsprozess beteiligten Individuen.

Durch die Technisierung des Innovationsprozesses selbst erfährt der Kapitalismus einen weiteren Antrieb. Die unternehmerische Funktion wird wohl angesichts weiterer Mechanisierung und Automatisierung nicht verschwinden, denn hinter den Entwicklungen stecken nach wie vor unternehmerisch agierende Personen. Es gibt somit keine Anzeichen, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht ist, wie von Schumpeter in seinem Spätwerk thematisiert. Die durch neue Technologien ermöglichte Form des Kapitalismus hat aber zweifelsohne tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Neuerungen entstehen und führt durch die immer stärkere Autonomie der Maschine unter anderem zu einem neuen Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Dieses kann als Ausdruck des Fortschritts gesehen werden, der jedoch auf Kosten der Handlungsautonomie des Individuums geht, oder als Vollendung von Innovation, bei der der Computer selbst das Innovieren in die Hand nimmt und selbstständig Probleme löst.

Referenzen

Francisco, S. (2010): The Innovation Paradox: How Innovation Products Threaten the Innovation Process. Reconstruction: Studies in Contemporary Culture, 10, 2.

Gomolka, J. (2011): Algorithmic Trading, Universitätsverlag Potsdam.

Jégou, F., Leitner, K-H., Mahn, J., Rhomberg, W. von Saldern, S., Watkins, V., Warnke, P. (2009): Structured collection of current signals for arising changes in innovation patterns, Deliverable 1.1 für das Projekt "INFU - A Foresight Exercise on Emerging Patterns of Innovation", Forschungsprojekt finanziert im 7. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Kommission, download unter: www.innovation-futures.org.

Kurzweil, R. (2013): How to Create a Mind: The Secret of Human Thought Revealed, Penguin Books.

Schumpeter, J. (1993): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 7. Auflage, Francke Verlag, Tübingen.

Der Autor

Priv.-Doz. Dr. Karl-Heinz Leitner ist Senior Scientist im Innovation Systems Department am AIT Austrian Institute of Technology. Er war Visiting Research Fellow an der Copenhagen Business School und ist Dozent für Innovationsmanagement am Institut für Managementwissenschaften der TU Wien. Er beschäftigt sich mit veränderten Innovationsprozessen und den Implikationen für die Innovations- und Forschungspolitik und hat zahlreiche Projekte für Ministerien, Unternehmen und der Europäischen Kommission durchgeführt. Zwischen 2009 und 2012 koordinierte er ein im 7. Rahmenprogramm der EU finanziertes Projekt zur Zukunft der Innovation (www.innovation-futures.org). Er hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Publikationen verfasst, unter anderem ein Buch zu den 50 besten Innovationen Österreichs.

Kontakt: karl-heinz.leitner@ait.ac.at

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