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Neuerscheinung setzt sich mit der Rezeption des Räteregimes auseinander © Promedia
Neuerscheinung setzt sich mit der Rezeption des Räteregimes auseinander © Promedia

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Band über eine ungeliebte Episode - "Die Ungarische Räterepublik"

04.12.2018

Im Ausland ist sie kaum mehr bekannt, in Ungarn gilt sie heute als ungeliebte historische Episode: Die ungarische Räterepublik, die im Jahr 1919 ganze 133 Tage lang herrschte. Dabei ist diese mangelnde Aufmerksamkeit eigentlich unberechtigt, denn immerhin handelte es sich um die erste stabile, einen Gesamtstaat beherrschende Räterepublik weltweit außerhalb der Sowjetunion.

Im März 1919 aus einer unblutiger Machtübernahme von Kommunisten und Sozialdemokraten entstanden, mühte sich das neue System monatelang um die Umsetzung einer "neuen Welt". Doch die Utopie im kommunistischen Geist war - nach einer kurzen Popularitätsphase zu Beginn - zum Scheitern verurteilt: Einerseits entfremdeten sich große Teile der Bevölkerung bald vom Regime, andererseits goutierte die Entente ein Sowjetsystem mitten in Europa gar nicht und ließ daher die Nachbarstaaten kurzerhand in Ungarn einmarschieren. Nach dem Sturz des Rätesystems zog dann im November 1919 der frühere Admiral Miklos Horthy auf einem weißen Pferd in Budapest ein und gründete ein nationalkonservatives autoritäres Regime, das für die nächsten 25 Jahre an der Macht blieb.

Sammelband als Einführung in die Thematik

Zum 100. Jahrestag dieser Episode der mitteleuropäischen Geschichte haben sich zwei deutschsprachige Historiker, der Österreicher Matthias Marschik und der Schweizer Christian Koller, des Themas angenommen, und einen kompakten Sammelband veröffentlicht, der trotz seiner Kürze zahlreiche Aspekte des Themas abdeckt. "Die Ungarische Räterepublik 1919. Innenansichten - Außenperspektiven - Folgewirkungen" ist für historisch versierte Leser durchaus als Einführung in die Thematik geeignet.

Schwerpunkt des Bandes bildet die Rezeption der Ereignisse, und zwar sowohl in Ungarn selbst, als auch in anderen Ländern: es gibt eigene Beiträge zu den Sichtweisen in Österreich, Italien, der Sowjetunion und der Schweiz. Zudem werden bestimmte Aspekte der Räterepublik näher ausgeleuchtet, etwa die Rolle der Frau oder - in der Rezeption dieses Themas besonders dominant - jene der jüdischstämmigen Personen in der Führung des Räteregimes. (Aufgrund der hohen Anzahl von Juden unter den Volkskommissaren, darunter auch der als Regimeführer geltende Bela Kun, wurde im Horthy-Regime die Räterepublik oft einfach nur als "Judenherrschaft" bezeichnet.)

Wohlwollen für das Räteregime

Die thematische Zusammenstellung der Beiträge des Buches ist durchaus gelungen, auch wenn einige wichtige Aspekte - etwa die Rezeption der Räterepublik in der bäuerlichen Bevölkerung bzw. in der Arbeiterschaft - etwas unterbelichtet bleiben. Ein Manko ist indes das Fehlen eines kompetenten ungarischsprachigen Lektorats, das wohl nicht nur die zahllosen Schreibfehler bei den Personennamen, sondern auch einen Fauxpas wie die Übersetzung des Zeitungstitels "Vörös Ujsag" (Rote Zeitung) als "Rote Fahne" eliminiert hätte.

Insgesamt ist der Band durchwegs von deutlicher Sympathie oder zumindest Wohlwollen für das Räteregime gekennzeichnet, Kritik für seine Maßnahmen scheint fast nicht durch. Diese Perspektive wird leider im Band nicht direkt angesprochen, wird aber doch an vielen Stellen deutlich. Ein dezidiert marxistischer Zugang ist am auffälligsten im Übersichtsbeitrag von Karl-Heinz Gräfe, und bezieht sich sowohl auf dessen historische Einordnung des Rätesystems, als auch auf dessen soziale Erklärungen für die Umstürze in Ungarn. (Interessanterweise sind die Beiträge der ungarischstämmigen Autoren durchwegs in neutralem Ton geschrieben und vermeiden weitgehend marxistische Begrifflichkeiten.)

Andererseits: Ohne gewisse Sympathien für den Marxismus und seine Utopien hätte heutzutage in Österreich ein Sammelband über die ungarische Räterepublik wohl kaum entstehen können...

Am Dienstagabend wird der Band um 19.00 Uhr im Lesesaal der Wienbibliothek im Wiener Rathaus präsentiert.

Service: Christian Koller/Matthias Marschik (Hg.): Die Ungarische Räterepublik 1919. Innenansichten - Außenperspektiven - Folgewirkungen. Wien: Promedia 2018. 21, 90 Euro. 280 Seiten

Von Petra Edlbacher/APA

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