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Große Konzerne wie Google setzen etwa bei Navi-Software auf Citizen Science © APA (Fohringer)
Große Konzerne wie Google setzen etwa bei Navi-Software auf Citizen Science © APA (Fohringer)

Kooperationsmeldung

Citizen Science-Experte François Bry: "Man braucht einen langen Atem"

12.04.2016

Ab Juli können die ersten Citizen Science-Projekte, die im Rahmen der Ausschreibung "Top Citizen Science" gefördert werden, starten. Welche der 46 Einreichungen zum Zug kommen, ist zwar noch streng geheim. Was Citizen Science - die Beteiligung von Laien an der Wissenschaft - kann und was die wichtigste Voraussetzung für ein gelungenes Projekt ist, erklärte im Vorfeld aber François Bry, Professor am Institut für Informatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bry gehört dem 13-köpfigen internationalen Jury-Panel an, das sich in Wien kürzlich zur Abgabe seiner Förderempfehlungen einfand.

Bry entwickelte an seinem Institut die Citizen Science-Plattformen "Artigo" , auf der in spielerischer Weise Kunstwerke beschlagwortet werden, sowie "Metropolitalia", wo man Variationen des Italienischen erfasst. Für den Experten, der auch Input für das Weißbuch zu Citizen Science der Europäischen Kommission geliefert hat, spielen ein "langer Atem" - sprich Zeit - , der Aufbau eines Publikums und dessen langfristige Bindung die wesentlichen Rollen, damit ein Projekt Erfolg hat.

Leute finden, begeistern, binden

"Im Grunde geht es bei Citizen Science darum, wissenschaftliche Ergebnisse dort zu erreichen, wo es ohne die Mitarbeit von Laien nicht geht", erläuterte der IT-Professor im Gespräch mit APA-Science. Eines der erfolgreichsten Beispiele ist die Astronomie: Derzeit würden pro Nacht mehr Bilder hochgeladen, als Astronomen in ihrer Arbeits- und Freizeit bearbeiten könnten. Projekte wie http://www.planetary.org bündeln diese Kräfte und so lassen sich spektakuläre Ereignisse wie die Entstehung eines neuen Sterns dokumentieren - etwas, was sonst kaum je gelingen würde.

Die Kunst bestünde dann darin, die Bürgerwissenschafter dazu zu bringen, "dran zu bleiben: Sie müssen wissen, dass es das Projekt gibt, und sie sollen es sich nicht nur einmal ansehen, sondern immer wieder kommen", betont Bry, dem das offenbar bei seinem vor vier Jahren gestarteten Projekt Artigo gelungen ist: Im Schnitt sind 150 Spieler am Tag online, auch am Wochenende. Dabei beschlagworten zwei Spieler jeweils zeitgleich, aber unabhängig voneinander ein Bild. Für idente Begriffe gibt es die meisten Punkte, gewertet werden aber auch "Tags", die bereits von anderen Spielern eingegeben wurden. Aufbauend auf diesen Stichworten entsteht eine Datenbank für Kunstwerke, die sich permanent erweitert und verbessert.

Stabile Software Grundvoraussetzung

Warum ist die Artigo-Plattform so erfolgreich? "Wir haben großen Wert darauf gelegt, eine stabile Software zu entwickeln. Es gibt daher auch kaum Ausfälle. Denn das ist tödlich - wenn eine Seite nicht funktioniert, kommen die Leute nicht mehr zurück", weiß Bry. Zusätzlich habe man dafür gesorgt, dass die Schnittstelle so einfach wie möglich sei: "Wenig Text, keine zu langen Erklärungen." Profitiert habe man wohl auch von der medialen Berichterstattung. "Drei bis vier Jahre lang wurde Artigo im deutschsprachigen Raum mindestens einmal pro Woche erwähnt."

Birgt das System nicht die Gefahr, dass auch unpassende oder falsche Schlagwörter übernommen werden? Nein, meint Bry, der vor einem Jahr eine Doktorandin mit der Aufgabe betraute, sich alle "verdächtigen", weil nur von einem Spieler vergebenen, Begriffe anzusehen. Es zeigte sich: Einerseits handelte es sich um falsch geschriebene Wörter - "da ist Artigo leider schwach, man könnte ganz viel Arbeit hineinstecken, um Rechtschreibfehler automatisch zu korrigieren", räumt Bry ein. Andererseits fand die Doktorandin heraus, dass eine Reihe von "extrem guten" Fachbegriffen eingegeben worden waren, die so speziell waren, dass sie in keinem Wörterbuch standen. "Aber die Fachkollegen waren begeistert", freut sich der Citizen Science-Experte. Als Bonus streicht Bry hervor, dass man nur aufgrund der Beschlagwortung eine Nähe zwischen Künstlern entdeckt habe, auf die Kunsthistoriker sonst wohl nicht gekommen wären.

"Neger": politisch inkorrekt, historisch korrekt

Ein Problem schien die häufige Nennung des Begriffs "Neger". Mit seinem Kollegen Hubertus Kohle vom Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte sah Bry die betreffenden Bilder durch. "Es stellte sich heraus: Das waren Barockbilder. Und der politisch inkorrekte Begriff 'Neger' ist in diesem Kontext mehr als korrekt." Dennoch überlegten sie, wie sie mit sensiblen Thema umgehen wollten, denn "eine Suchmaschine, die den Begriff 'Neger' erkennt und benutzt", schien problematisch. Sie entschieden sich dazu, in einem Blogbeitrag zu erklären, warum das Wort in der Datenbank belassen werde.

Dennoch schließt Bry nicht aus, dass Missbrauch prinzipiell möglich wäre. "Wenn etwa Rechtsradikale auf die Idee kämen, Artigo-Bilder systematisch mit Nazi-Begriffen zu beschreiben, hätte ich ein Problem." Wenn aber jemand erkennt, dass ein Bild für Nazi-Propaganda benutzt wurde und er fügt dieses Schlagwort hinzu, dann sage ich: 'großartig!' - denn damit erfassen wir einen Aspekt, der zur Kunst gehört, der erwähnt werden muss", betont er.

Der Datenbestand umfasst ein paar Millionen Bilder von Kunstwerken, pro Kunstwerk existieren durchschnittlich ein paar hundert Tags. Der Datenbestand selbst erweitert sich - so haben beispielsweise die Albertina oder das Rijksmuseum Amsterdam ebenfalls Bestände geschickt. "Als Gegenleistung bauen wir eine Version für diese Museen, die nur sie benutzen können - also so etwas wie eine Datenbank-Verzweigung", erklärt der Experte.

Neues Projekt: Kartographie des 19. Jahrhunderts

Ob die Plattform Artigo im Kern aber hundertprozentig Citizen Science ist, lässt Bry dahingestellt - "die Bürger, die mitmachen, spielen, die machen keine Kunstgeschichte", hält er fest. Aus dem Daten- und Bildbestand von Artigo soll allerdings eine echte Citizen Science-Plattform entstehen, die in den kommenden zwölf Monaten online gehen soll. "Wir wollen die Regeln der Informatik auf die Kunstgeschichte ausweiten", erklärt er. Das Projekt hat das sogenannte lange 19. Jahrhundert - von der französischen Revolution 1789 bis zum ersten Weltkrieg 1914- zum Inhalt. Es sollen gegenseitige Einflüsse in der Kunst entdeckt und eine Art Kartographie erstellt werden. "Etwa auch mit der Frage, wie sich die Farben entwickelt haben", präzisiert Bry. Auf dieser Plattform sollen Laien komplexe Daten ohne Programmierkenntnisse analysieren können - mit leicht benützbaren Algorithmen, für die man kein IT-Profi sein müsse. Man wolle Hobby-Kunsthistoriker ansprechen, die beispielsweise die Nähe von einem Künstler zu einem anderen untersuchen oder Blogs schreiben.

Hinterlassene Daten verbessern das System

Könnte irgendwann auch eine Maschine die Beschlagwortung vornehmen? Derzeit funktioniert zwar die Gesichtserkennung, aber die Beschreibung von Bildern ist hochkomplex. Irgendwann werde es aber funktionieren, glaubt Bry. "Genau so wie Google im Moment an einer guten Übersetzungssoftware arbeitet. Aber wie macht der Konzern das? Mit 'Citizen', die mitmachen. Wenn Ihnen eine Übersetzung nicht gefällt, können Sie eine bessere Version vorschlagen - erfolgversprechend ist also die Kombination Mensch und Algorithmen", meint er. Auch die Navigationssoftware des Unternehmens funktioniere im Grunde wie Citizen Science: "Steckt man im Stau, weiß das das System. Aber noch mehr: Verlässt jemand den Stau und erreicht sein Ziel schneller, bedeutet das: die Ausweichroute funktioniert." Das sei der Clou an Citizen Science: "Die Menschen benützen eine kostenlose Software und hinterlassen Daten, mit welchen die Software verbessert wird - oder wie bei Artigo, mit welchen eine Datenbank aufgebaut wird."

Faktor Zeit

Neben Geld - Venturekapital ist bekanntlich ein knappes Gut in Europa - ist Zeit der wichtigste Faktor, den man für ein Citizen Science-Projekt braucht, meint Bry. "Nehmen wir an, unser geplantes Kartographie-Projekt wird inhaltlich ganz toll, was ich natürlich hoffe. Es wird Jahre dauern, bis die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt. Man braucht einen extrem langen Atem, bis sich ein soziales Medium - und nichts anderes ist ein Citizen Science-Projekt - etabliert hat. "Man braucht Zeit, aber es macht nicht unbedingt viel Arbeit", führt er weiter aus. Ein Blog-Beitrag etwa funktioniere wie ein wissenschaftlicher Artikel - einmal publiziert, dauere es womöglich Jahre, ehe er zitiert werde. Aber er werde von Suchmaschinen gefunden und habe seither keinen Aufwand verursacht.

Die manchmal gehörte Kritik, Citizen Scientists würden unbezahlte Arbeit leisten und somit ausgebeutet, kann Bry nicht nachvollziehen. "Die Kernidee ist, Leute zu beteiligen, die gerne mitmachen. Die Freude an der Mitarbeit ist wahrscheinlich das allerwichtigste." Allerdings sei es ethisch nicht vertretbar, jemanden nicht zu zitieren, "der eine echte, intensive, komplizierte, intellektuelle Arbeit" geleistet habe, wenn es zu einer Veröffentlichung komme.

US-Universitäten brauchen die Öffentlichkeit mehr

Warum Citizen Science in Europa - mit Ausnahme von Großbritannien - im Vergleich zum angloamerikanischen Raum kaum verbreitet ist, sieht Bry in einer unterschiedlichen Universitätskultur. Während sich eine Elite-Uni in den USA um ihre Klientel bemühen müsse, auf Spenden angewiesen sei, auf ihr Image achten und dementsprechend in Erscheinung treten müsse, sei das in Europa anders. "Unsere Unis sind öffentliche Einrichtungen, sie funktionieren ein wenig wie Behörden. Die Grundidee von Citizen Science passt aber eigentlich überhaupt nicht zusammen mit der Art, wie Beamte zu arbeiten", meint er. Hinzu komme die in Europa weniger entwickelte Verwendung von digitalen Medien, auf denen Citizen Science zum Großteil beruhe.

In den vergangenen Jahren - nicht zuletzt aufgrund von Förderungen - hätten aber Initiativen zugenommen und der Begriff Wissenschaft werde zunehmend positiv besetzt. Wissenschaft in Europa werde hauptsächlich durch Steuergelder finanziert: "Es wächst der ethisch-moralische Anspruch darauf zu sehen, was mit dem Geld passiert, die Menschen wollen offen zugängliche Forschungsergebnisse", stellt Bry fest.

Für das vom Wissenschaftsministerium (BMWFW) initiierte Programm "Top Citizen Science" stehen 500.000 Euro zur Verfügung, je zur Hälfte werden sie vom Wissenschaftsfonds (FWF) und dem Österreichischen Austauschdienst (OeAD) vergeben. Pro Projekt werden maximal 50.000 Euro vergeben. Die Entscheidung wird im Mai fallen, die Projekte können bereits ab Juli starten.

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