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Der vergessene Schädel: Rätsel um Plinius den Älteren

06.09.2017

Jahrzehntelang lag der Schädel unbeachtet in einem italienischen Museum, jetzt stehen Forscher kurz vor einem Durchbruch: Sollten sich ihre Vermutungen bestätigen, könnte es sich bei dem Exponat um die Überreste von Plinius dem Älteren (23-79 n. Chr.) handeln. Der Gelehrte starb vor fast 2.000 Jahren bei dem Versuch, die Einwohner der antiken Stadt Pompeji vor dem Ausbruch des Vesuvs zu retten.

Plinius ist als Autor der "Naturgeschichte" bekannt, die zu den ältesten enzyklopädischen Werken der Welt gehört. Als Fregattenkapitän mobilisierte er zudem eine ganze Flotte zur Rettung der Überlebenden der Naturkatastrophe in Süditalien. "Ich habe 30 Jahre lang daran gearbeitet", sagt der Militärhistoriker Flavio Russo der Deutschen Presse-Agentur. "Wir können nicht vollkommen sicher sein. Aber es gibt viele überzeugende Hinweise, und weitere Tests können uns eine fast definitive Antwort geben."

Isolina Marota von der mittelitalienischen Universität Camerino hat ihre Hilfe angeboten. Die Anthropologin, die zuvor die Mumie des berühmten Gletschermannes Ötzi aus Südtirol untersucht hatte, will die Zähne des Schädels unter die Lupe nehmen und mit bekannten Porträts des älteren Plinius abgleichen. Wissenschafter können Isotope im Zahnschmelz mit Isotopen im Boden einer bestimmten Region vergleichen. Sollten die Isotope des römischen Schädels mit den Proben von Plinius' Geburtsort Como nördlich von Mailand übereinstimmen, wäre das Rätsel möglicherweise gelöst.

Dieselbe Methode hatte es Forschern ermöglicht, das Alpendorf zu identifizieren, aus dem Ötzi stammte. Nach einem Aufruf in der Tageszeitung "La Stampa" haben bereits eine Reihe öffentlicher und privater Spender ihre Unterstützung zugesagt. Sollten die Wissenschafter die Verbindung bestätigen, wäre der Schädel "der erste (identifizierte) menschliche Überrest aus dem antiken Rom", sagt der Kunsthistoriker und freie Journalist Andrea Cionci, der den Spendenaufruf in die Zeitung gesetzt hat, der Deutschen Presse-Agentur.

Plinius wurde im Jahr 23 n. Chr. geboren. Die meisten Informationen über sein Leben stammen aus den Briefen seines Neffen Plinius des Jüngeren. Er schrieb, dass sein Onkel am Strand von Stabiae gestorben sei - an den giftigen Gasen des Lava spuckenden Vulkans.

Allererster Katastrophenschutz-Einsatz

Russo wertet die Taten des älteren Plinius nach dem Unglück von Pompeji als "allerersten Katastrophenschutz-Einsatz". Seine Erkenntnisse schilderte er in einem Buch, das der Stabschef der italienischen Armee 2014 veröffentlichte. Er glaubt, dass Plinius entweder von einer Brieftaube oder durch die Rauchzeichen einer Frau namens Rectina gewarnt wurde, bei der es sich möglicherweise um eine Geliebte des Gelehrten gehandelt haben könnte. Daraufhin mobilisierte er ein Dutzend Schiffe, die von rund 2.500 Ruderern angetrieben wurden, und rettete damit um die 1.000 Menschen - einschließlich Rectina.

"In meinem Buch geht es nicht nur um Militärgeschichte. Es ist auch eine Liebesgeschichte", sagt Russo. "Ich gehe davon aus, dass er und Rectina sich zumindest ausgesprochen nahe gestanden haben müssen, wenn er so einen Aufwand macht." Die mutmaßlichen Überreste von Plinius wurden im frühen 20. Jahrhundert unter 73 Skeletten entdeckt. Eines von ihnen war von den anderen getrennt und mit wertvollem Schmuck dekoriert worden - darunter eine Goldkette, Ringe und ein Schwert mit Elfenbein und Muschelschalen.

Der Ingenieur Gennaro Matrone, der damals die Grabung leitete, stellte als erster die Verbindung zu Plinius her. Aber ein führender Archäologe sagte ihm, ein römischer Admiral könne nicht als "Kabarett-Tänzerin" verkleidet sein. Später bestätigten Studien, dass solche Dekorationen für Persönlichkeiten von Plinius' Rang durchaus normal waren. Matrone durfte den Schmuck behalten, den er anschließend verkaufte. Den Schädel schenkte er einem Armee-General, der ihn später dem Historischen Nationalmuseum für die Kunst der Medizin in Rom übergab, wo er heute noch zu sehen ist. Der Schädel habe im Museum "mehr oder weniger vergessen in einer Ecke gelegen", sagt Cionci.

Von Alvise Armellini, dpa

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