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Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute © Amalthea Verlag
Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute © Amalthea Verlag

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Die Geschichte der Wiener Philharmoniker aus der Nanoperspektive

07.03.2017

"Warum noch ein Werk, wenn das Wesentliche bekannt ist?" Diese berechtigte Frage stellt der Musikwissenschafter Christian Merlin selbst im Vorwort seines 640 Seiten schweren Opus Magnum zur Geschichte der Wiener Philharmoniker. Und er beantwortet sie, hat doch noch niemand das Weltklasseorchester aus dieser Nanoperspektive beleuchtet - durch die Biografien aller bisheriger 851 Philharmoniker.

Bei "Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute" handelt es sich mithin nicht um die gemeinhin übliche Top-Down-Perspektive von den Dirigenten und Institutionen abwärts, sondern um die Bottom-Up-Variante, also um den Blick auf die einzelnen Musiker und - seit 20 Jahren - auch die Musikerinnen. "Prosopografie" nennt das der Franzose Merlin - die Erschaffung des Bildes einer Gemeinschaft durch ihre einzelnen Teile.

Vier Jahre Recherchearbeit

"Seltsamerweise hatte sich in Österreich noch nie jemand diese Mühe gemacht", wundert sich der 53-jährige Wissenschafter ironiefrei, der sich selbst über vier Jahre hinweg durch das Archiv der Philharmoniker gewühlt hat. Die Habilitationsschrift an der Sorbonne ist nun auf Deutsch erschienen und wurde nun standesgemäß in der Wiener Staatsoper präsentiert.

Merlin, der unter anderem auch als Musikkritiker für "Le Figaro" arbeitet, gewinnt aus dem selbst gewählten Ansatz, der ihm laut Eigenaussage das Diktum "Der muss verrückt sein" eines Wiener Archivars einbrachte, interessante Erkenntnisse. So war das 1842 gegründete Orchester, das heuer sein 175-Jahr-Jubiläum feiert, zu Beginn seiner Tätigkeit eine multikulturelle und multiethnische Vereinigung, in der sich die verschiedenen Gruppen der Monarchie widerspiegelten.

Internationalität im Wandel

Von 763 der 851 Orchestermusiker liegt der Geburtsort vor - der allerdings nur in 365 Fällen Wien war. Diese plurale Charakteristik schwand jedoch zunehmend und erreichte unter dem Nationalsozialismus ihren Tiefpunkt. Erst in den vergangenen Jahren knüpfe das Orchester wieder an die Gründungsjahre an in dieser Hinsicht, befindet Merlin in seinem Werk.

Im ersten Band des zweiteiligen Konvoluts zeichnet der Autor mit dem enzyklopädischen Erkenntnissen des zweiten, der sich ausschließlich den Musikerbiografien widmet, so die verschiedenen Aspekte des Orchesters nach. Dabei widmet er sich auch in Ausführlichkeit der immer wieder heftig geführten Debatte über den Klangkörper während der NS-Zeit.

Aufarbeitung der NS-Zeit

17 Musiker wurden demnach von 1938 bis 1945 Opfer des Regimes und mussten ausscheiden, darunter 13 aktive Philharmoniker. Fünf davon starben im Konzentrationslager. Einzelschicksalen wie dem des Konzertmeisters Ricardo Odnoposoff, der als Argentinier an der Erbringung des Ariernachweises scheiterte, gibt Merlin ebenso Raum wie Wilhelm Furtwänglers Einsatz für "jüdisch Versippte" oder "Mischlinge" - um die Spielfähigkeit der Philharmoniker zu erhalten. Als Bilanz hätten sich die Philharmoniker der Doktrin der Nazis "im besten Fall mit passivem Fatalismus, im schlimmsten Fall mit schuldhafter Mittäterschaft" gebeugt.

Allerdings wirft Merlin den Blick auch weit über die NS-Jahre hinaus, beleuchtet das enge Verhältnis zur Staatsoper, die Musikerdynastien wie Hellmesberger, Bartolomey oder Jelinek und das ambivalente Verhältnis zu den Dirigenten. So ergibt sich aus der Mikroperspektive doch eine Erkenntnis für die Makrosicht, und zugleich reift die Schlussfolgerung, dass das Ganze eben doch mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Service: Christian Merlin: "Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute", 640 Seiten, Amalthea Verlag 2017, 108 Euro.

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