Kultur & Gesellschaft

Innovations- und Entwicklungsspiralen drehen sich immer schneller © APA/AFP
Innovations- und Entwicklungsspiralen drehen sich immer schneller © APA/AFP

Kooperationsmeldung

Die Uneinholbarkeit von Innovationen

16.03.2015

Von Jörg Rainer Noennig

Permanente Innovation ist der Garant unserer Wohlstandsgesellschaft. Ihre Stabilität hängt von kontinuierlichem wirtschaftlichen Wachstum ab, dessen Hauptmotor - das ist inzwischen common sense - wiederum Innovation ist. Von erfolgreichen technischen Innovationen, d.h. wirtschaftlichen Umsetzungen neuer Ideen, hängen maßgeblich unsere Steuer- und Sozialsysteme ab. Die Produktion von technischen, sozialen und kulturellen Neuigkeiten erfolgt mit zunehmender Intensität. Die Aggressivität, mit der ein globaler Wettlauf um neue Produkte, Dienstleistungen und Prozesse inzwischen geführt wird, legt den Schluss nahe, dass wir uns in einer Eskalationsschleife befinden, geradezu ein Innovationskrieg. Die forcierte Produktion und Vermarktung der Neuerungen dient vor allem der Sicherung und Vermehrung des Wohlstandes der technologiebasierten westlichen Nationen, die sich den immensen Produktivitätsreserven der Schwellenländer gegenüber sehen.

Kampf der Innovationssysteme

Die Bildungs- und Wissenschaftspolitik wie auch transnationale Forschungs- und Entwicklungsprojekte werden immer stärker auf diesen Innovationskampf ausgerichtet. Verschiedene Innovationssysteme treten dabei gegeneinander an: das ist zum einen vehemente, von immensem Risikokapital angetriebene unternehmerische Kreativität, mit der Schumpeters heroischer Unternehmer zum Über-Unternehmer mutiert. Die disruptiven Gründungs- und Erfolgsgeschichten von Microsoft, Apple, Google, Facebook etc. sind längst zu Kernmythen der Innovationsideologie geworden. Ihnen gegenüber stehen sozialstaatliche Versuche, über geregelte Förderstrukturen wissenschaftliche und technologische Fortschritte zu erzeugen. In Umfang und Dotierung wachsende Exzellenzinitiativen, Innovationscluster und Hightech-Verbünde werden ins Leben gerufen - in der Hoffnung, dass am Ende quantitative Skaleneffekte der Innovation die gleichzeitig miteingehandelte Bürokratisierung überwiegen.

Begrenzte Wissen Rationalität der Innovation

Wissens-, Innovations- und Technologiemanagement - jene Disziplinen also, die die Produktion und Anwendung von Wissen und Innovation systematisch zu organisieren versuchen - entwickeln vor diesem Hintergrund eine progressive Dynamik. Zu vermuten ist, dass die enormen Beschleunigungskräfte, die in ihnen wirken, sie allmählich auch auflösen werden. Sie divergieren und diffundieren in andere Gebiete, werden damit unschärfer, wissenschaftlich und methodologisch unsauber. Das Problem liegt in der Natur der Sache: je schneller sich die Innovations- und Entwicklungsspiralen drehen, desto weniger Erfahrung, Methode und Wissenschaft sind möglich. Denn die Konsolidierung einer wissenschaftlichen Methode - deren zentrale Absicht die Absicherung von Forschung und Wissen ist - ist ein historischer, zeitintensiver Prozess. Im Innovationspoker aber werden die eingegangenen Wetten riskanter, die Einsätze höher. Auf wenige disruptive Neuerungen, die gegenüber den unzähligen inkrementellen Innovationen wirkungsmächtiger und gewinnträchtiger sind, wird immer größeres Risikokapital gesetzt. So laufen die Innovationen dem Wissen davon und unter Umständen aus dem Ruder: Shale-Gas, Soziale Netzwerke, Internet der Dinge oder Drohnen-Krieg sind in ihren Folgen kaum absehbar, d.h. auch intellektuell nicht mehr einholbar. Die technologische Entgrenzung des Wachstums stößt an die Grenzen der Vernunft.

Blue Ocean

Uneinholbarkeit ist ein Maß für Innovation, wenn auch nicht zwangsläufig eine positive Qualität. Aus Sicht der Innovatoren entspricht sie dem idealen "Blue Ocean": im offenen, blauen Meer segelt man mit seiner Neuerung unbehelligt der Konkurrenz und den Kritikern davon, glücklich dem "Red Ocean" entkommen, wo dramatische Verdrängungs- und Konkurrenzkämpfe stattfinden, wie sie sich am Ende in kollabierenden Volkswirtschaften (Griechenland), sterbenden Städten (Detroit) und volatilen Industriezweigen (Nokia) zeigen. Jenseits des "Blue Ocean" aber warten neue Kontinente und Märkte, auf die mit experimentell-explorativer Logik schnell zugegriffen werden kann: Entdeckung, Erforschung, Ausbeutung.

Positive Rückkopplung

Das Problem der Uneinholbarkeit radikaler bzw. disruptiver Neuerungen zeigt sich an den oft hilflosen Versuchen etablierter Institutionen, mit Innovations- und Unternehmensphänomenen zu Recht zu kommen, deren Aktivitäten und Produkte systematisch den Märkten, Gesetzen und Technologien voraus sind. Die verspäteten Versuche der EU Kommission etwa, Technologieunternehmen wie Google oder Amazon innerhalb der europäischen legalen, fiskalischen und kulturellen Systeme beizukommen, laufen ins Leere. Deren Uneinholbarkeit nimmt zu: Vorsprung durch Technik. Und dasselbe gilt auch für nicht-technische Innovationen: wissenschaftliche Paradigmenwechsel oder soziale Revolutionen passen nicht mehr ins alte System; sie werden von der alten Ordnung nicht mehr erfasst.

Worauf gründet diese Uneinholbarkeit? Der Blick auf die wenigen erfolgreichen Überunternehmer bzw. Überunternehmen verdeckt nicht nur den Blick auf die Vielzahl der unternehmerischen Schiffbrüche und "Untergeher", die es nicht geschafft haben und wahrscheinlich nur weniger Glück hatten, sondern auch auf das makroökonomische Innovationsystem.

Programmierung

Die wirtschaftspolitische Logik hat Innovation nicht nur als Zielqualität von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen definiert, sondern auch als Metaprogramm bzw. Betriebssystem der kapitalistischen Ökonomie. In anderen Worten: Nicht nur neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, sondern auch der Prozess des Innovierens wird zum wirtschaftlichen Treiber. Unter dem Diktum der Wohlstandswahrung wird das soziotechnische und ökonomische Gefüge der westlichen Industrienationen zunehmend auf Innovationsprozesse programmiert - programmiert im Sinne einer rückgekoppelten Input-Output-Funktion.

Dieser denkwürdige Verstärkungskreislauf bzw. seine positiven Feedbackschleifen bilden das Wachstumsprinzip der innovationsbasierten Wirtschaft. Auf der einen Input-Seite stehen Neuerung und Kreativität als Treibstoff für Forschung, Entwicklung und Produktion - eine scheinbar unbegrenzte Ressource, die man zu maximieren versucht wie etwa die Holländer Land gewinnen. Auf der Output-Seite sehen wir uns der Vielzahl an Neufabrikationen gegenüber, die in immer engeren Produktions- und Verwertungszyklen immer stärker Ressourcen in Anspruch nehmen (Geld, Zeit, Umwelt, Aufmerksamkeit). Deren Ökonomisierung erzeugt neue Innovationsbedarfe: neue Produkte oder Verfahren, um Geld zu verdienen bzw. zu sparen, Zeit zu gewinnen bzw. zu sparen, Aufmerksamkeit zu fokussieren bzw. zu zerstreuen.

Eigendynamik

Dabei ist es nicht nur die mit Markt- und Konsumlogik errichtete "Sehnsuchtsmaschine", sondern auch die Eigendynamik der Innovationssysteme, die systematisch neue Innovationsbedarfe generiert. Aufgrund der begrenzten Rationalität der Innovation (s.o.) ist Vorläufigkeit ein Grundcharakteristikum der Neuerungen. Diese verlangen nach permanenter Nachbesserung und nach Updates - für Anwender ein Teufelskreis, für Innovationsunternehmen ein perpetuum mobile. Der menschliche Faktor - der "Innovator" bzw. "Unternehmer" - spielt in diesen Verstärkungs- und Selbststimulationsmechanismen von Markt und Technologie nur eine untergeordnete Rolle. Schumpeters Innovationstheorie kannte keine Kybernetik, Prozess- und Systemtheorie. Erst die positive Rückkopplung (der Geist Norbert Wieners) zwischen industriell rationalisierter Erfindung (der Geist Thomas Alva Edisons) mit den Verstärkungsfunktionen von Markt und Marketing (der Geist Edward Bernays) startete das Wachstums- und Beschleunigungsprogramm der westlichen Innovationsgesellschaft und ihrer uneinholbaren Innovationen. Ikarus fliegt Daidalos immer weiter voraus.

Jörg Rainer Noennig

- geboren 1973, verheiratet, 2 Kinder

- Architekturstudium an der Bauhaus Universität Weimar (Diplom 1998), TU Krakau und Waseda Universität Tokyo

- 2001 - 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden, Fakultät Architektur

- 2007 Promotion zum Dr.-Ing. an der Bauhaus Universität Weimar "Architekur-Sprache-Komplexität"

- seit 2009 Juniorprofessor für Wissensarchitektur an der TU Dresden

- 2014 Gastprofessor ISEN Toulon

STICHWÖRTER
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