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Neuerscheinung liefert Diskurs auf der Höhe der Zeit © Felix Meiner Verlag
Neuerscheinung liefert Diskurs auf der Höhe der Zeit © Felix Meiner Verlag

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Fachpraxis formt die Wissenschaftsforschung immer stärker

01.08.2017

Etliche Jahrzehnte sind ins Land gezogen, seit der berühmte Paul Feyerabend die Wissenschaftstheorie in einem Aufsatz als "bisher unbekannte Form des Irrsinns" diagnostiziert hat. Und viele Jahrzehnte lang stand diese vielfach im Ruf, sich gewissermaßen "neben" dem realen Forschungsbetrieb zu einer eigenen, fast schon esoterischen Disziplin eingeschworener Experten zu entwickeln. Neuere Ansätze und Zugangsweisen arbeiten dem aber immer mehr diametral entgegen. Dies belegt eindrucksvoll eine kürzlich erschienene Publikation.

Über weite Strecken des vergangenen Jahrhunderts dominierten die großen Erzählungen - Popper, Kuhn, Feyerabend - die Debatten um die Wissenschaftsphilosophie. Nachdem ihre Engführungen, Willkürlichkeiten und unhaltbaren Voraussetzungen immer klarer erkannt wurden, begannen Vertreter dieses Fachs nach einer Phase formalistisch und logistisch ausgerichteter Zugänge, sich zunehmend bestimmten konkreten Disziplinen zuzuwenden, um zu erproben, ob diese angeblich so allgemeingültigen Modelle dort jeweils anwendbar seien. Das erwies sich aber zunehmend als Fehlschlag oder wenigstens Unzulänglichkeit dem jeweiligen Gebiet gegenüber. Und so konnte man auch häufig feststellen, dass sich die Fachleute eines Bereichs eher wenig um die angeblich "zugehörige" Philosophie scherten und vielmehr einfach ihren "Job" erledigten.

Hinschauen, was Forscher "tun"

Die großen Schwächen der Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts lagen vor allem in der Annahme, dass es so etwas wie "die" Wissenschaft (in der Einzahl, quasi eine Einheitswissenschaft, und das meist im Sinne der englischen "science") gebe, sowie in deren zumindest immer impliziten Normativität ("so und so und nicht anders muss gute Wissenschaft funktionieren"). Es war meist eine Art Vogelschau, die bestimmte Erkenntnisweisen und Wissensfelder gelten ließ - quasi als Role Models oder Beispielreservoir - und alles andere, was auch durchaus profund unter der Flagge der Wissenschaft auftrat, links liegen ließ.

Seit einigen Jahrzehnten gewinnen aber zwei wichtige Strömungen - endlich - immer mehr die Oberhand: Wissenschaftsforscher - oft selbst Experten im jeweiligen Fach - schauen genauer hin, was Wissenschaftler, und zwar aus verschiedensten Disziplinen, tatsächlich tun in ihrem Alltag und was sie aufgrund dieses Tuns dann veröffentlichen, das heißt, sie arbeiten selbst viel stärker empirisch.

Zweitens gibt es auf dem Schwesterngebiet der Wissenschaftsgeschichte einen rasanten Anstieg jener Forschungen, die sich um die minutiöse Rekonstruktion einschlägiger Ereignisse aufgrund von Zeugnissen und Dokumenten bemühen, die also auch in der Aufarbeitung der Historie datenorientiert und systematisch vorgehen. Kaum können da wieder großspurige Narrative (unter metaphysischen Prämissen à la Popper) entstehen, dafür gibt es zu zahllosen Detailprozessen der Wissenschaftsentwicklung fundierte Aussagen und Modelle. Oft laufen diese Forschungen auch unter dem breiter angesetzten Schlagwort "Wissensgeschichte".

Klar ist dann, dass es die eine, paradigmatische Wissenschaftsphilosophie niemals geben kann. Und das spiegelt ganz hervorragend ein höchst umfassendes Handbuch wider, das im Frühjahr im renommierten Hamburger Philosophie-Verlag Felix Meiner erschienen ist. Das Werk "Grundriss Wissenschaftsphilosophie" möchte vor allem der Ausdifferenzierung der verschiedenen Gegenstands- und Wissensgebiete Rechnung tragen, denn es sei mindestens seit der Jahrtausendwende evident, dass eben parallel zu dieser Entwicklung "eine Vielzahl weiterer Wissenschaftsphilosophien in allen Bereichen der Wissenschaft" im Werden seien. Dabei wird - jeweils von einem Fachmann des betreffenden Gebiets behandelt - ein enormes Feld abgedeckt, das sich von den Formal- und Geisteswissenschaften über die Naturwissenschaften bis hin zu Lebens- und Ingenieurwissenschaften erstreckt. So findet sich ein metatheoretischer Überblick etwa zu den Rechtswissenschaften genauso wie zur Biomedizin oder zu philologischen Forschungsrichtungen.

Fachwissen und Analytik sind gleich wichtig

Ein altes Grunddilemma der Wissenschaftsforschung wird dabei gewissermaßen "salomonisch" angegangen: Ist gehaltvolle Wissenschaftsphilosophie nur denkbar als "lineare" Fortsetzung, als kontinuierliches Weiterdenken der Inhalte und Probleme einer (oder einer Gruppe) von Einzelwissenschaften, oder muss sie gerade von einzelwissenschaftlichen Themen und Inhalten absehen, um auf rein analytischem Weg Begriffe, Methoden und Einstellungen in einem bestimmten Fachgebiet adäquat erfassen zu können?

Der Mainzer Philosoph Meinard Kuhlmann beantwortet in seinem einleitenden Überblicksartikel die Zugangsweise im vorliegenden Band so: "In revolutionären Umbruchsphasen (...) lässt sich kaum bestreiten, dass es oft ein Kontinuum von Einzelwissenschaften und deren Philosophien gibt". Die genuine Arbeit der Wissenschaftsphilosophen per se beginne aber dann, wenn ein Fachbereich "eine gewisse Reife und entsprechende Akzeptanz" erlangt habe. Man müsse also beide Zugangsweisen quasi "kombiniert" im Auge behalten.

Als Fazit der teils hochspezifischen Lektüre der einzelnen Kapitel, wird - bewusst oder auch intuitiv, summarisch oder eher konklusiv - eine Antwort auf die Schlüsselfrage jeder Wissenschaftsphilosophie gesucht werden: "Was eigentlich ist Wissenschaft überhaupt?" Trotz des enormen Umfangs und der immensen Detailfülle des Bandes (oder gerade deswegen?) bleibt eine Antwort darauf im Raum stehen bzw. dem studierfreudigen Leser überlassen. Jedenfalls aber setzen viele Aufsätze dieses Buchs wichtige Markierungen auf dem Weg dorthin - und zwar verdienstvollerweise auf der Höhe der Zeit.

Service: Simon Lohse, Thomas Reydon (Hg.): Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Verlag Felix Meiner, Hamburg, 2017. 658 Seiten, 80,20 Euro (auch als E-Book erhältlich).

Von Walter Eisenwort

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