Kultur & Gesellschaft

APA

Forscher: Russland ließ Gulag-Karteikarten vernichten

11.06.2018

Russische Behörden haben nach Erkenntnissen eines Wissenschaftlers die Vernichtung von Karteikarten angeordnet, die wichtige Auskünfte über das Schicksal von Insassen der berüchtigten Gulags geben könnten. Der Forscher Sergej Prudowsky sagte, die Behörden in der Region Magadan im Osten Russlands hätten in einem Fall von einer "amtlichen Anweisung" aus dem Jahr 2014 gesprochen.

Demnach sei die Karteikarte eines bestimmten Häftlings, über den sich Prudowsky erkundigt hatte, vernichtet worden. Prudowsky veröffentlichte die Antwort des regionalen Innenministeriums der Region Magadan auf seiner Facebook-Seite. Demnach sollen die Karteikarten von Häftlingen gemäß einer Anordnung an das Ministerium, den Geheimdienst FSB und andere Einrichtungen mit Archiven aus der Sowjetzeit lediglich für begrenzte Zeit aufbewahrt werden.

Die Karteikarten enthalten Daten dazu, welche Häftlinge in welchem Gefangenenlager interniert waren, wohin sie verlegt wurden und was aus ihnen wurde - ob sie in Gefangenschaft starben oder freigelassen wurden.

Der Chef des Rechtsausschusses des Kremls, Michail Fedotow, sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, eine Vernichtung der Karteikarten käme einem Akt der "Barbarei" gleich. Er hoffe, dass es sich lediglich um einen Irrtum handle.

Umfang noch unklar

Alexej Makarow von der Menschenrechtsorganisation Memorial erklärte, die Anordnung zum Vernichten der Unterlage sei eine Überraschung. Es handle sich um eine nicht veröffentlichte Anordnung zum internen Dienstgebrauch, die nicht öffentlich diskutiert worden sei. Noch sei vollkommen unklar, in welchem Umfang sie befolgt worden sei.

Ein Vertreter des Gulag-Museums in Moskau sagte der Nachrichtenagentur Interfax, nach bisherigen Erkenntnissen sei das Problem nur in der Region Magadan aufgetreten. Es müsse geprüft werden, ob noch weitere Regionen betroffen seien.

Jegliche Vernichtung von Unterlagen zur Unterdrückung während der Sowjet-Zeit sei "zutiefst beunruhigend", sagte der US-Historiker Steven Barnes. Zwar seien die meisten Dokumente der Gulag-Zentralverwaltung auf Mikrofilm außerhalb Russlands gespeichert. Doch befinde sich eine große Zahl von Unterlagen weiter in Russland und sei daher "den Launen des politischen Systems" in Russland unterworfen.

Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung