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Entscheidungswilligkeit als wichtiges Merkmal © APA (dpa)
Entscheidungswilligkeit als wichtiges Merkmal © APA (dpa)

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Führungspersönlichkeiten entscheiden auch im Ungewissen

03.08.2018

Führungspersonen brauchen weniger Gewissheit über das bestmögliche Vorgehen, wenn sie Entscheidungen für andere fällen müssen. Das fand ein Forscherteam der Universität Zürich, dem auch der österreichische Ökonom Ernst Fehr angehörte, im Rahmen einer Untersuchung mit Angehörigen des Schweizer Militärs heraus. Die Wissenschafter berichten über ihre Erkenntnisse im Fachjournal "Science".

Eltern, Lehrer, Firmenchefs und Generäle: Sie alle müssen laufend Entscheidungen treffen, die das Wohlbefinden anderer beeinflussen. Teils tangieren diese Entscheidungen nur einzelne Personen, sie können sich aber auch auf ganze Unternehmen oder Nationen auswirken. Am Willen oder Widerwillen, solche Entscheidungen zu fällen, lassen sich Führungspersönlichkeiten von Personen unterscheiden, die sich lieber führen lassen.

Experimente mit Freiwilligen

Dieser Eigenschaft sind Wissenschafter um Micah Edelson von der Universität Zürich auf den Grund gegangen, indem sie eine Reihe von Experimenten mit Freiwilligen durchführten, deren Rang im Schweizer Militärdienst Aufschluss über ihre Führungsbereitschaft im realen Leben gab. Für ihre Studie ließen Edelson und Kollegen die Probanden Wettspiele mit unterschiedlichen Gewinnchancen annehmen oder ablehnen. Bei diesen konnten sie beispielsweise mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit 50 Punkte gewinnen, aber mit 40 Prozent Wahrscheinlichkeit 30 Punkte verlieren. Am Ende lockte ein Geldgewinn.

Zunächst mussten die Probanden diese Entscheidungen nur für sich selbst fällen, später innerhalb einer Gruppe. In dieser zweiten Phase des Experiments betraf ihre Entscheidung einmal nur ihre eigenen Gewinne, und ein anders Mal auch die der anderen in ihrer Gruppe.

Sie durften dabei auch jederzeit die Entscheidung an die Gruppe delegieren. Dies tat der Großteil der Probanden insbesondere dann, wenn über die Gewinne der ganzen Gruppe entschieden werden musste. Diese Abneigung, die Verantwortung für solche Führungsentscheidungen zu übernehmen, bezeichnen Fachleute als Verantwortungsabneigung ("Responsibility aversion"). Und der Grad dieser Aversion stellte sich als die Eigenschaft heraus, die am meisten mit dem militärischen Rang der Probanden zusammenhing.

Unterschiede im Grad an Gewissheit

Die geringere Verantwortungsabneigung ließ sich jedoch nicht durch Eigenschaften wie Risikofreude, geringe Verlustängste oder ein hohes Kontrollbedürfnis erklären, so die Universität Zürich in einer Mitteilung. Stattdessen unterschieden sich die Verantwortungswilligen im Grad an Gewissheit, den sie brauchten, um Führungsentscheidungen zu fällen.

Die meisten Probanden brauchten viel mehr Sicherheit über das beste Vorgehen, wenn sie eine Entscheidung für die ganze Gruppe treffen sollten als wenn es nur um ihren eigenen Gewinn ging. Bei Führungspersönlichkeiten unterschied sich das Sicherheitsbedürfnis zwischen den beiden Situationen dagegen weniger stark.

Zwar gebe es offenbar einen Zusammenhang zwischen Verantwortungsabneigung und Führungspositionen, aber die Art des Zusammenhangs bleibe unklar, schreiben Stephen Fleming und Dan Bang vom University College London in einem Begleitartikel in "Science". Man könne eben nicht sagen, ob Personen mit wenig Scheu vor Verantwortung eher Führungskräfte werden oder Führungskräfte weniger Scheu vor Verantwortung haben.

Interessanterweise scheinen die Verantwortungswilligen aber nicht unbedingt die besseren Anführer zu sein, wie die Studie ebenfalls zeigte: Die Probanden mit besonders niedriger Aversion gegen Führungsentscheide gewannen nicht mehr Geld für die Gruppe als die, die lieber gemeinsam mit den anderen entschieden.

Service: https://dx.doi.org/10.1126/science.aat0036

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