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Für Gastfreundschaft gelten immer vorher ausgemachte Regeln © APA (Neubauer)
Für Gastfreundschaft gelten immer vorher ausgemachte Regeln © APA (Neubauer)

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Gastfreundschaft als natürliche menschliche Eigenschaft

13.07.2017

"Willkommenskultur" oder Abwehrhaltung sind Pole, um die sich aktuell viele Diskussionen drehen. Dabei ist Gastfreundschaft kein "Konstrukt", dessen sich der Mensch widmen oder entledigen könnte, vielmehr Teil des Menschseins, sagte jetzt Michael Musalek, Psychiater, Ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts und Leiter des Instituts für Sozialästhetik der Sigmund Freud Universität in Wien.

Das Institut hat Ende Mai ein zweitägiges Symposium zum Thema "Gastfreundschaft und psychische Gesundheit" organisiert. Musalek sagte über die Vielschichtigkeit des Themas: "Was ist eigentliche Gastfreundschaft? Wie verhalten sich die Begriffe Gast und Gastfreundschaft zu einander? Wie verhalten sich die Begriffe 'Gast' und (möglicher) 'Feind' zueinander?"

Dabei ist für den Psychiater nach Vorträgen wie zum Beispiel von Arnold Berleant (Sozialästhetik/Long Island University/New York) oder Guenda Bernegger (Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Universität für Angewandte Wissenschaften und Kunst der Südschweiz) und den Diskussionen klar: "Gastfreundschaft ist kein Konstrukt. Gastfreundschaft ist für den Menschen unvermeidbar." Ohne mit Fremden konfrontiert zu werden, sei der Mensch nicht denkbar.

Gastfreundschaft ist immer irgendwie begrenzt

Die Frage laut Musalek ist nur: "Wie groß ist die Gastfreundschaft? An sich ist sie immer zeitlich, räumlich und situativ begrenzt." In der aktuellen Diskussion würde zumeist nur zwischen den Polen einer unbeschränkten "Kaffeejause mit Kaffee und Gugelhupf" und dem Nichtzulassen jeglicher Aufnahme von Fremden unterschieden. Beides sei bei Gastfreundschaft nicht der Fall. Sie sei als menschliches Verhalten auch bei weitem nicht auf den Kontakt mit Fremden beschränkt. "Im Grunde genommen wird jeder Mensch, der in ein Spital aufgenommen wird, zu einem 'Gast'." Krankenhausaufenthalte seien keine "Service-Zeiten" eines Autos in einer Werkstätte, es gehe um Menschen, die zeitweise Hilfe durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen durch Menschen benötigten.

Während in den aktuellen Diskussionen zumeist die "Gäste" im Mittelpunkt stehen, sind auch die Gastgeber Teil dieses Beziehungsgeflechts - und natürlich genauso entscheidend, was den Erfolg oder Misserfolg einer solchen Episode betrifft. "Wer kein 'Zuhause' hat oder wer sich in seinem 'Zuhause' nicht wohlfühlt, kann kein guter Gastgeber sein. Wenn sich ein Arzt an seiner Spitalsabteilung nicht wohlfühlt oder ihm dort die Möglichkeiten für die Aufnahme von Patienten abgehen, wird nicht 'gastfreundlich', also patientenfreundlich, agieren können", meinte Musalek.

Diese Prinzipien würden im Gesundheitsweisen, zum Beispiel in Krankenhäusern, genauso gelten wie im sonstigen staatlichen oder privaten Bereich. Für Gastfreundschaft hätten jedenfalls immer auch vorher ausgemachte Regeln zu gelten: wie lange jemand Gastfreundschaft in Anspruch nehmen kann, wie und wo das umgesetzt wird - unter welchen Modalitäten (Verköstigung, Unterbringung, Versorgung etc.). "Man kann Gäste auch immer nur in einer beschränkten Anzahl gastfreundlich aufnehmen. Über das alles entscheidet eindeutig der Gastgeber", sagte Musalek.

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