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Grazmuseum baut mit "Im Kartenhaus der Republik" faszinierende Schau

02.10.2018

"Die Geschichte zwischen dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 und dem Ende des Ständestaates 1938 weist etliche Leerstellen auf, nicht nur museal, sondern auch im Forschungsstand", so Grazmuseum-Direktor Otto Hochreiter. Diese Lücke will die Ausstellung "Im Kartenhaus der Republik" im Grazmuseum schließen helfen - mit teils bisher unbekanntem Material und faszinierenden Porträts.

"Es ist eine Schau über die Grundwerte der liberalen Demokratie, als die Österreich ja 1918 gegründet wurde - und ein Lehrstück, wie diese zerstört werden kann", sagte Hochreiter bei der Presseführung am Dienstag, eröffnet wird die Ausstellung am 3. Oktober um 18.00 Uhr. Durch einen permanenten Kampf miteinander unvereinbarer Kräfte habe sich die damalige Erste Republik als instabiles Kartenhaus aus zwar "hehren Zielen und Werten erwiesen, das schließlich in den autoritären Wendejahren in sich zusammenfällt", so Hochreiter weiter. Gezeigt werden Umstände, Gegebenheiten und Protagonisten vor allem auf Ebene der Stadt Graz, aber auch im Konnex mit dem Land Steiermark.

Textlastige Schau zeigt Graz in unbekanntem Licht

Man habe auf bekannte Fotos zur Thematik verzichtet, sagte Hochreiter, und auf den Fundus des eigenen Hauses bzw. "entlegener Quellen" zugegriffen. In der Tat ist die Schau wohltuend textlastig, auf Deutsch und Englisch, und mit Exponaten, die das heute bekannte Graz in unbekanntem Lichte zeigen. Ein Gemälde über die nächtliche Annenstraße - die heute nahezu all ihren früheren Glanz eingebüßt hat - erinnert fast ein wenig an die bunte Lichterwelt des Berliner Kurfürstendamm in den 1920er-Jahren. Die vom Grazer Kulturressort und dem Zukunftsfonds der Republik mitfinanzierte Ausstellung ist laut dem Direktor eine der größten des Hauses, die zuletzt konzipiert wurden.

Gegliedert ist die Ausstellung in vier Räume - eine politische "Achse" und drei Räume mit Texten und Exponaten zu Religion, Kunst & Kultur, Ständen und Klassen sowie Gesellschaft und Geschlecht, so die beiden Kuratorinnen Martina Zerovnik und Annette Rainer. Zu den einzelnen Themen gibt es - in Spielkartenform - Biografien von Protagonisten der Grazer Geschichte dieser Zeit auf dem Revers, auf der Rückseite prangt ein Faksimile jener politischen Dokumente, für die sie zumeist standen. Im Falle des Architekten Herbert Eichholzer ist es das Kommunistische Manifest, im Falle des aus der Untersteiermark stammenden Chemikers und Universitätsprofessors Armin Dadieu das Blatt eins des Bundesgesetzbuches. Bezeichnend der Doppelsinn: Dadieu war im Volkspolitischen Referat der Vaterländischen Front von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Gleichzeitig baute er für die illegalen steirischen Nazis Bomben.

Aber auch weitgehend unbekannte, doch um nichts weniger anschauliche Persönlichkeiten werden gezeigt: Hauptmann Alfred Mikrois, 1926 wegen Homosexualität vor Gericht, der die Aufhebung des entsprechenden Abschnitts im Gesetz gefordert hatte. Oder jene "anonyme Frau", die für die unzähligen Stunden steht, verbracht in u.a. der Kranken- und Versehrtenpflege im und nach dem Ersten Weltkrieg. Oder Maria Silbet, die "Seherin" von Waltendorf, die auch Menschen wie den Priester und späteren Nazigegner Johannes Ude zu den Besuchern ihres Zirkels zählte. Die wenigen Fotos zeigen Erstaunliches - etwa das riesige Denkmal von Engelbert Dollfuß am gleichnamigen Ring (heute wie vor 1934 wieder Opernring), das die dortige Peter Rosegger-Statue fast verschwinden lässt.

Service: "Im Kartenhaus der Republik. Graz 1918 bis 1938" im Grazmuseum, Sackstraße 18, bis 4.2.2019. Nähere Info unter https://www.grazmuseum.at/ abrufbar.

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