Kultur & Gesellschaft

APA

Historiker Friedländer wird 85: "Deutschland-Wahl ist ein Schock"

05.10.2017

"Die Wahl in Deutschland (...) ist ein Schock für mich", sagt der Holocaust-Experte Saul Friedländer, während er in Los Angeles in seinem Haus mit den großen Fenstern sitzt. "Aber noch schlimmer als die Lage in Deutschland selbst ist das Phänomen, eine Art Rückschlag von populistischen ultra-rechts stehenden Parteien in Europa" und den USA. Bei der Bundestagswahl hatte die AfD 12,6 Prozent geholt.

Friedländer hat den Holocaust überlebt - und sich ein Leben lang damit beschäftigt, emotional und wissenschaftlich. Am 11. Oktober wird der Historiker 85 Jahre alt. Er wurde 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden geboren.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht floh er 1939 mit seiner Familie nach Frankreich. Seine Eltern versteckten den Jungen - der als Pavel geboren wurde - in einem katholischen Internat, bevor sie selbst in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Friedländers Eltern hatten zuvor einer Taufe ihres Sohnes zum Christentum zugestimmt. Langsam fand der Junge jedoch den Weg zurück zu seiner ursprünglichen Identität, mit der Gründung des Staates Israel 1948 wanderte er dorthin aus. Dabei gab er sich auch den Namen Saul, auf Hebräisch Schaul.

Fremdenhass tief verwurzelt

Als Hauptgrund für das starke Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD) sieht Friedländer vor allem die Flüchtlingskrise. Dabei gehe es um tief verwurzelten Fremden- und Außenseiterhass, sagt er auf Deutsch. Dies sei genauso wie in den USA. "Das sind Leute, die Angst haben vor (...) dem Hereinkommen von etwa einer Million Leute mit einer anderen Kultur, einer anderen Art von Leben, und dazu kommt noch die nicht ganz falsche Furcht vorm Terrorismus." Man könne ja nicht sagen, dass es den Terrorismus nicht gebe.

Aber es habe unterschwellig auch immer noch ein rechtspopulistisches Gedankengut gegeben. "Es kann sein, dass es da etwas in der Vergangenheit gibt, das man gerne wiedersehen würde: Nationalsozialismus, 'Deutschland über alles', und so weiter", sagt der Mann mit dem weißen Haarschopf.

Als Friedländers bekannteste Arbeit gilt das zweibändige Standardwerk "Das Dritte Reich und die Juden", das auf Deutsch 1998 und 2006 veröffentlicht wurde. Darin sammelte er Dokumente, Studien und Analysen, aber auch persönliche Schicksale, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Erinnerungen.

Friedländer vertritt unter anderem die These, dass die Absicht der Nationalsozialisten zur Vernichtung der Juden nicht mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, sondern erst von Herbst 1941 an in den Vordergrund trat. Im Zuge des Krieges gegen Sowjetrussland sei man von einer Politik der Vertreibung zu einer Politik der Vernichtung übergegangen.

Zahlreiche Auszeichnungen

Für seine Werke erhielt Friedländer unter anderem den Geschwister-Scholl-Preis, den Pulitzerpreis und 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. "Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt", begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels damals seine Entscheidung. "Er hat den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben, deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen ist."

Zu Friedländers frühen Arbeiten gehört auch eine Studie über Papst "Pius XII und das Dritte Reich" (deutsch 1965). 2012 veröffentlichte er "Franz Kafka", ein Buch zu dem ebenfalls aus Prag stammenden jüdischen Schriftsteller, in dessen Leben er viele Parallelen zu seiner eigenen Biografie sieht.

Jehuda Bauer, wissenschaftlicher Berater in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem in Jerusalem, schätzt Friedländer als sehr genauen Wissenschafter. "Ich denke, er ist ein erstklassiger Historiker, man wird ihn nicht bei Ungenauigkeiten ertappen", sagt der 91-Jährige, der Friedländer bereits seit seiner Kindheit kennt. Bauer beschreibt seinen alten Bekannten als sensiblen Menschen. "Er ist eine ziemlich schüchterne Person", sagt er.

An seinem Geburtstag will Friedländer mit seiner Frau Orna Kenan, einer israelisch-amerikanischen Historikerin, zu Abend essen. Anschließend wollen sie Kinder und Enkelkinder auf einer Europareise in Paris treffen. Friedländer hat drei Kinder.

Aktuell arbeitet der emeritierte Geschichtsprofessor an einem Buch über den französischen Schriftsteller Marcel Proust. "Ein Freund fragte mich: Warum Proust?", erzählt Friedländer. "Meine Antwort war: Um in einer Welt der Schönheit zu enden und nicht mit diesen schrecklichen Themen, mit denen ich mich mein ganzes Leben befasst habe."

Von Antje Weser und Stefanie Järkel/dpa

STICHWÖRTER
Holocaust  | USA  | Los Angeles  | Wissenschaft  | Sozialwissenschaften  | Geschichte  | Holocaust  |
Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung