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Installation eines zeitgeschichtlichen Museums zog sich jahrzehntelang hin © APA (Punz)/PZ
Installation eines zeitgeschichtlichen Museums zog sich jahrzehntelang hin © APA (Punz)/PZ

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Historische Museen sollen gesellschaftspolitische "Reibebäume" sein

04.10.2018

Historische Museen sollten bei Ausstellungen in ihren Schauräumen keineswegs nur den kleinsten gemeinsamen Nenner und gesellschaftlichen Konsens suchen, sondern sich gezielt als "Reibebäume" für die Auseinandersetzung mit kontroversen zeitgeschichtlichen Themen anbieten. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion im Rahmen der zweitägigen Tagung "Das umkämpfte Museum".

"Geschichtsmuseen sollen zeigen, dass wir eine Vergangenheit haben und dass die Auseinandersetzung damit anstrengend ist", gab Michael Rössner vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bereits zur Eröffnung der Tagung an der ÖAW den Ton vor.

Warum sich die Installation eines solchen zeitgeschichtlichen Museums in Österreich jahrzehntelang hingezogen hat und erst mit der bevorstehenden Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreich (hdgö) am 10. November realisiert wird, dazu bot die Gründungsdirektorin Monika Sommer zwei Thesen an: "Weil das Museum jahrzehntelang als die Instanz mit der Deutungshoheit über die Vergangenheit empfunden wurde, und weil der Zugang immer ein parteipolitischer war." Angesichts der anhaltenden Diskussionen um das Narrativ der Eröffnungsausstellung zur Geschichte Österreichs seit 1918 zeigte sich Sommer kämpferisch: "Wir verstehen uns auch als Reibebaum. Es wird sicher zu Kontroversen kommen, aber das wollen wir auch."

Stärkung historischer Urteiilskraft

Die abendliche Diskussion eröffnete unter dem Titel "Das Museum als moralische Anstalt" einen Blick über die Grenzen Österreichs und in Spannungsfelder, mit denen sich zeitgeschichtliche Museen im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen. Gesellschaftliche Relevanz hätten Museen wegen der gegenwärtigen Umbruchzeit mehr denn je, erklärte Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums Berlin. "Unsere Aufgabe muss die Stärkung von historischer und politischer Urteilskraft sein", so Gross, der sich gleichzeitig gegen den Gemeinplatz des "von der Geschichte Lernens" aussprach. Denn das bedeute, "Geschichte ist fertig und jetzt muss ich nur noch pädagogisch vermitteln, wie es richtig ist".

Einer Stärkung der historischen Urteilskraft durch Museen konnte der Zeithistoriker und Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des hdgö, Oliver Rathkolb, einiges abgewinnen. Die Gegenwart sei geprägt von der zweiten Globalisierung und einer damit einhergehenden Emotionalisierung und Orientierungslosigkeit. "Wir glauben jeden Tag, die Welt geht unter, wenn wir uns die Medien ansehen." Angesichts der Krisen und Katastrophen im 20. Jahrhundert müsse man sich fragen: "Warum diese Aufregung?" Helfen könnten hier gut gemachte Ausstellungen mit ihren Orientierungsangeboten, wobei Museen stärker aus dem "kuratorischen Elfenbeinturm" heraustreten müssten.

Naturgemäß sorgte im Zeitalter des Erstarkens rechtspopulistischer Strömungen der simple, im schweizerischen Museumsgesetz festgeschriebene Auftrag, "die Vielfalt der Identitäten in der Schweiz darzustellen", für anhaltenden Diskussionsstoff, wie Andreas Spillmann, Direktor des Schweizerischen Nationalmuseums, zu berichten wusste. Gelöst hat man das etwa beim Thema Migration, das im Rahmen einer Dauerausstellung mit "Niemand war schon immer da" betitelt wurde. Generell sollte man Dauerausstellungen aber ohnehin immer wieder verändern, "einfach abräumen und neu aufbauen", so Spillmann. Bei der Vermittlung des Begriffs der Identität bleiben Konflikte nicht aus, was alle anwesenden Museumsdirektoren bestätigten. Während Spillmann die Nation als Bezugsrahmen weiterhin als relevant erachtete, ortete Gross in Identitätsdiskursen "fast schon etwas Pathologisches".

Fragen und Diskurse wie diese erwartet hdgö-Direktorin Sommer auch für ihr Haus, das sie in einer "zentralen Vernetzungsfunktion" und als Ergänzung der bestehenden Museumslandschaft sieht. "Unser Ziel ist es, Menschen zu politisieren", sagte die Direktorin, die als Beispiel die Frage anführte, was es bedeute, in einer Demokratie zu leben. "Wenn wir solche Gedanken bei den Besuchern evozieren, haben wir viel geschafft."

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