Kultur & Gesellschaft

Selbstkontrolle ist eine hilfreiche Grundlage für Erfolg im Leben © Richard Pircher
Selbstkontrolle ist eine hilfreiche Grundlage für Erfolg im Leben © Richard Pircher

Kooperationsmeldung

Kennen Sie Ihre eigene Bedienungsanleitung?

18.05.2015

Von Richard Pircher

"Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum.
In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht,
unsere Reaktion zu wählen.
In unserer Reaktion liegen unser
Wachstum und unsere Freiheit."

Viktor Frankl

Die neunjährige Ronja sitzt seit 15 Minuten bei den Hausübungen. Ihr Blick fällt auf das Poster ihrer Lieblingsfussballmannschaft an der Wand. In ihr erwacht der Wunsch, in den Hof hinunter zu gehen, weil dort sicher Freundinnen mit ihr eine Runde spielen wollen. Die entscheidende Frage ist jetzt, welche Stimme in ihr die Oberhand gewinnt: Jene, die sich verpflichtet fühlt, die Hausaufgaben fertig zu machen oder jene, die Fußballspielen will?

Im sogenannten Marshmallow-Experiment geht es um eine ähnliche Fragestellung: Ein Kind wird in einem Raum alleine gelassen, vor sich ein Marshmallow. Die Regel lautet: Ist das Marshmallow bei der Rückkehr des Erwachsenen noch da, bekommt das Kind ein zweites. Wurde es allerdings aufgegessen, gibt es keines mehr.

Wer ist stärker: Emotion oder Vernunft?

Die Fähigkeit, Lust und Emotionen aufgrund von rationalen Überlegungen zu kontrollieren, scheint eine hilfreiche Grundlage für Erfolg im Leben zu sein. In einer Langzeitstudie, wurden 1.000 Kinder von der Geburt bis zum 32. Lebensjahr begleitet. Dabei stellte sich heraus, dass Kinder, die diese Form der Selbstkontrolle aufwiesen, als Erwachsene einen höheren sozio-ökonomischen Status erreichten, weniger häufig drogenabhängig und sich seltener verschuldeten oder straffällig wurden. Diese Zusammenhänge zeigen sich unabhängig von der Intelligenz der Kinder, der sozialen Klasse oder von Fehlern, die sie als Pubertierende gemacht hatten. Bei weiteren 500 Zwillingspaaren konnte derselbe Unterschied zwischen jenen Zwillingskindern mit höherer bzw. niedrigerer Selbstkontrolle festgestellt werden, obwohl sie den selben familiären Hintergrund hatten.

Verfügten die Kinder in jüngeren Jahren noch nicht über Selbstkontrolle, konnten diese Fähigkeiten jedoch dann später aufbauen, so wurde ebenfalls der positive Effekt im Lebenslauf festgestellt. Es lässt sich also nachholen, was zuvor noch nicht gelang (Moffitt, et al., 2011).

Neben der bewussten Kontrolle von Emotionen, stellte sich auch das Training des Arbeitsgedächtnisses als sehr bedeutsam heraus. Es stellt eine Art von Nadelöhr dar, weil es notwendig ist für die weitere Verarbeitung, darin aber nur wenige Informationseinheiten gespeichert werden können. Wird das grundsätzlich schon sehr beschränkte Arbeitsgedächtnis beispielsweise beim Lernen oder bei Tests durch Emotionen und Ängste blockiert, bleibt nur mehr sehr wenig Kapazität übrig.

Es wurden mehrere Spiele entwickelt, um diese Fähigkeiten zu trainieren. Mit Brettspielen, am Computer oder mit körperlicher Aktivität können Kinder und Erwachsenen sich darin üben, Emotionen wahrzunehmen und kognitive Flexibilität zu trainieren. Damit wird vor allem das sogenannte Stirnhirn gestärkt. Hier wird nicht weniger als unsere Persönlichkeit und der Dirigent unseres Denkens und Handelns verortet. Schon nach kurzer Zeit des Trainings sind positive Effekte zu verzeichnen, die dauerhaft verankert werden können (Kubesch, 2014, Walk & Evers, 2013, Kubesch & Walk, 2009).

Kann man zuviel denken?
"The intuitive mind is a sacred gift and
the rational mind is a faithful servant.
We have created a society
that honors the servant and
has forgotten the gift."

Albert Einstein

"Denk' doch nach, bevor du etwas tust!" Diesen Ratschlag kann man schnell zu hören bekommen, nachdem einem ein Fehler unterlaufen ist. Das hat auch gute Gründe: Unsere bewusste Denkfähkigkeit erlaubt Probehandeln: Wir können Konsequenzen von Verhalten durchspielen, bevor wir es tatsächlich ausüben. Logisches Analysieren ermöglicht es, Widersprüche in unserem Denken zu entdecken und Erkenntnisse oder Entscheidungen konsequent umzusetzen. Bewusst sind wir in der Lage, unser Verhalten über die Zeit hinweg konsistent zu halten, aus Vergangenem zu lernen und soziale und kulturelle Faktoren zu berücksichtigen.

Allerdings hat das Bewusstsein auch Nachteile: Es ist durch das bereits erwähnte Nadelöhr des Arbeitsgedächtnisses sehr beschränkt in seiner Kapazität. Mit dem Anstieg der Verfügbarkeit relevanter Informationen nimmt die Qualität von Entscheidungen zu. Allerdings gilt das nur bis zur Grenze der Verarbeitungskapazität. Wird diese überschritten, sinkt die Entscheidungsqualität trotz mehr Informationen. In der Phase des Datenüberflusses hat das sehr beschränkte Arbeitsgedächtnis seine Leistungsgrenze schon überschritten und man sieht "den Wald vor Bäumen nicht mehr".

Zu viel nachzudenken oder mit anderen Menschen über eine Entscheidung zu sprechen kann auch aus anderen Gründen zu Problemen führen. Einem selbst wäre vielleicht aufgrund von rationalen Überlegungen und einem nach innen "hören" klar, was die stimmigste Option wäre. Je mehr man mit anderen darüber spricht, umso eher besteht die Gefahr, sich für etwas zu entscheiden, das sozial gut vertretbar und anerkannt ist und das man nicht langwierig rechtfertigen muss. Die Übereinstimmung mit der eigenen "inneren Stimme" und damit die persönliche Zufriedenheit wäre jedoch langfristig in Frage gestellt.

Es lässt sich somit zusammenfassen, dass die Herausforderung darin liegt, die für einen selbst richtige Balance zwischen zu wenig und zu viel Denken zu finden.

Scheuklappen ablegen

Sich auf etwas konzentrieren und alles Unwichtige ausblenden zu können, ist eine wichtige Fähigkeit. Dieser Fokus auf etwas kann aber auch zu einer Art von Scheuklappen werden, die einen Wesentliches übersehen lassen. Im Experiment "invisible Gorilla" zählen die Beobachter die Ballwechseln weiß gekleideter Spieler ohne auf die schwarz gekleideten zu achten. Deshalb übersieht ungefähr die Hälfte von ihnen auch einen mitten durch das Bild spazierenden und sich in Ruhe auf die Brust klopfenden, schwarzen Gorilla (Most, Scholl, Cliffort & Simons, 2001).

Das Bekannte und Akzeptierte nicht zu hinterfragen ist effizient. Es kann aber auch in eine Sackgasse führen. Von bestehenden Gewohnheiten und Überzeugungen wegführende, divergente und nicht-rationale Aktivitäten wie spontane Assoziation, körperliche Bewegung, Kontemplation, Spielen, Träumen und Phantasieren, etc. können unbewusste Ressourcen zugänglich machen, indem sie neue Sichtweisen ganz andere Zugänge aufdecken und die Kreativität fördern. Die Identifikation mit dem, wodurch man sich selbst identifiziert und was als gegeben erscheint, kann Türen zu neuen, einem noch nicht bewussten Sichtweisen und Lösungen öffnen.

Bewusst das Unbewusste integrieren
"Most and possibly all human behavior emerges
from a combination of conscious and unconscious processes"

Baumeister, et al. 2011, p. 354

Häufig wird bei Entscheidungen geraten, eine Nacht darüber zu schlafen. Diese Binsenweisheit hat eine wissenschaftlich nachvollziehbare Grundlage: Im Schlaf werden die Erfahrungen des Tage im Gehirn konsolidiert und langfristig verankert. Unbewusst können Vernetzungen zu anderen Erinnerungen hergestellt werden. Das sogenannte "System 1", die unbewusste Verarbeitung ist evolutiv viel älter als unser Bewusstsein. Es kann äußerst schnell, mühelos, parallel und ganzheitlich Signale verarbeiten und führt direkt zu Handlungskompetenz. Allerdings ist es in seiner Arbeit nicht beobacht- und kontrollierbar. Es ist anfällig für Subjektivität und Manipulation.

Das bewusste und evolutiv wesentlich jüngere "System 2" ist kontrollierbar, aufwändig, langsam, selbstbewusst, arbeitet seriell und kann Regeln anwenden.

Den individuellen Weg zwischen Selbstkontrolle und Kreativität gehen

"What happens when people are ...
over-attached to their creation and ideas? ...
What is my new role in life?"

Dan Ariely

Jeder Mensch verfügt über eine einzigartige Kombination aus genetischen Anlagen, Lebenserfahrungen und inneren Strukturen. Es wird also kaum Regeln geben, die für jede und jeden gleichermaßen sinnvoll anwendbar wären. Im Folgenden sollen einige Grundprinzipien aus den obigen Erkenntnissen abgeleitet werden, die - wie Leuchttürme - Orientierung geben können für den individuellen Weg zur eigenen Bedienungsanleitung:

Datenüberfluss vermeiden: Der Illusion alles wissen und kontrollieren zu können unterliegt man mit den heutigen technischen Möglichkeiten sehr leicht. Zuviel an Daten lähmt aber eher als dass es hilfreich wäre. Machen Sie sich bewusst: Wieviel an Information ist jetzt genug? Wann können und wollen Sie neue Stimuli verarbeiten, wann nicht?

Selbstwahrnehmung stärken: Niemand kann besser beurteilen, was gerade jetzt für Sie hilfreich ist als Sie selbst. Dazu ist aber notwendig, dass Sie Ihre inneren Signale tatsächlich wahrnehmen: Kann ich weitere Daten noch sinnvoll verarbeiten oder ist es Zeit für Ruhe oder eine ganz andere, nicht-kognitive Aktivität, damit sich das Aufgenommene konsolidieren kann?

Nach blinden Flecken suchen: Was sind Themen, die immer wieder zu Konflikten und Probleme führen? Liegen hier vielleicht Erkenntnisse zugrunde, die bis jetzt immer umschifft wurden?

Selbstkontrolle und Selbststeuerung stärken: Was sagen die persönlichen Erfahrungen wo der individuelle Umgang mit Emotionen und Gewohnheiten schon hilfreich ist und wo er noch ausgebaut werden könnte?

Bewusst das unbewusste System 1 und das bewusste System 2 integrieren und in Entscheidungsprozesse und Handlungen einbinden: Welche Aktivitäten und Vorgangsweisen sind für Sie hilfreich, um alle inneren Ressourcen zu nützen? Was könnten Sie an Unbekanntem ausprobieren?

Phasen für Ent-Identifikation einplanen: Es braucht absichtslose Zeiten und Räume, die nicht auf einen bestimmten Nutzen ausgerichtet sind, damit die Scheuklappenfunktion bestehender Überzeugungen schwächer wird. Erst dann können mehr oder weniger neue, vielleicht radikal andere Sichtweisen auftauchen, ohne gleich von bestehenden Überzeugungen und Abwehrmechanismen unterdrückt zu werden.

Der eigene mentale Entscheidungstrainer werden: Wie können die persönlichen Fähigkeiten zur Integration von bewussten und unbewussten Ressourcen in der Praxis verstärkt werden? Welche Gedanken und Tätigkeiten könnten hilfreiche "Samen" sein, die die persönliche Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit stärken?

Durch die praktische Anwendung dieser Leitlinien kann es gelingen, immer wieder zur Balance zwischen Selbstkontrolle und Kreativität zurück zu finden.

Über den Autor:

Richard Pircher (*1971) ist seit 2008 Leiter der Bachelor- und Masterstudiengänge Bank- und Finanzwirtschaft an der Fachhochschule des bfi Wien. Daneben führt er Trainings vor allem in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Self-leadership und organisatorisches wie persönliches Wissensmanagement durch. Weiters leitet er entsprechende Forschungs- und Anwendungsprojekte. Seit 2012 führt Richard Pircher die von ihm ins Leben gerufenen Initiative aha: Lernräume. Zuvor war er als Leiter des Zentrums für Wissens- und Informationsmanagement an der Donau-Universität Krems und als Geschäftsführer im Non-Profit-Bereich tätig. Er absolvierte das Studium der Betriebswirtschaftslehre und promovierte im Bereich Organisations- und Personalmanagement.

Kontakt:

http://richard-pircher.net

Weiterführende Quellen:

- Kubesch, S. (2014): Exekutive Funktionen und Selbstregulation: Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis, Huber

- Walk, L., Evers, W. (2013): Förderung exekutiver Funktionen: Wissenschaft Praxis Förderspiele, Wehrfritz

- Kubesch, S., & Walk, L. (2009). Körperliches und kognitives Training exekutiver Funktionen in Kindergarten und Schule. Sportwissenschaft, 39(4), 309-317.

- Most, S. B., Scholl, B. J., Clifford, E. R., & Simons, D. J. (2005), What you see is what you set: sustained inattentional blindness and the capture of awareness, Psychological review, Vol.112, No.1, p. 217-242. Selective attention test: https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo (Nov. 27, 2014), The monkey business illusion: https://www.youtube.com/watch?v=IGQmdoK_ZfY (Nov. 27, 2014)

- Ariely, D. & Norton, M. I. (2011), From thinking too little to thinking too much: a continuum of decision making, Cognitive Science, Vol.2, No.1, p. 39-46.

- Baumeister, R. F., Masicampo, E. J., & Vohs, K. D. (2011), Do conscious thoughts cause behavior? Annual review of psychology, No.62, p. 331-361.

- Moffitt, T. E., Arseneault, L., Belsky, D., Dickson, N., Hancox, R. J., Harrington, H., ... & Caspi, A. (2011). A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. Proceedings of the National Academy of Sciences, Vol. 108, No.7, p. 2693-2698.

- Manfred Spitzer: Exekutive Funktionen - Basis für erfolgreiches Lernen http://www.wehrfritz.de/pdf/wehrfritz_fex_broschuere_2013.pdf

- Richard Pircher (Präsentation): Self-regulation Via Analog Learning and e-Learning

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