Kultur & Gesellschaft

Kotrschal: Ständiges Unterscheiden zwischen "uns" und "den Anderen" © APA (Pfarrhofer)
Kotrschal: Ständiges Unterscheiden zwischen "uns" und "den Anderen" © APA (Pfarrhofer)

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Kotrschal: Skepsis gegenüber Fremden tief im Gehirn verankert

04.10.2018

Eine gewisse Skepsis gegenüber Fremden ist den Menschen wohl von Geburt an ins Gehirn geschrieben, erklärte der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal im Gespräch mit der APA anlässlich des "Biologicum Almtal" in Grünau (OÖ). Ob man aber interessiert auf Neue zugeht oder sie mit allen Mitteln wieder vertreiben will, sei von der persönlichen Sozialisierung und dem gesellschaftlichen Umfeld abhängig.

Von 4. bis 6. Oktober steht das diesjährige "Biologicum" unter dem Thema "Dazugehören - fremd sein. Wir und die Anderen". Es soll dabei diskutiert werden, ob "Humanismus und Aufklärung heute an steinzeitlichen Mentalitäten" scheitern, so die Veranstalter. Wie eh und je würde "zwischen Klans, Städten, Völkern und Ländern gekämpft, obwohl Menschen überaus gescheit sind".

Offensichtlich gibt es tief im Menschen einen Mechanismus, der ständig zwischen "uns" und "den Anderen" unterscheidet, sagte Kotrschal, der an der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau (OÖ) und dem Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien forscht. Manche Verhaltensforscher wie der im Juni verstorbene Österreicher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und der US-Amerikaner Edward Wilson hätten Xenophobie deshalb als "menschliche Universalie" definiert.

Erbliche und vom sozialen Umfeld bedingte Komponenten

Wie überall gäbe es aber auch hier erbliche sowie vom sozialen Umfeld bedingte Komponenten, so Kotrschal. Soziale Mechanismen wie Mimik und Körpersprache seien weitgehend angeboren und bei Menschen universell. "Auch bei der Einstellung zu Fremden schaut es so aus, als hätten wir tief in alten Hirnteilen einen Detektor eingebaut, der eindringlich zwischen 'wir' und 'den Anderen' unterscheidet", erklärte er. Die Menschen hätten auch ein tiefes Bedürfnis, "ständig irgendwo dazugehören zu wollen". In den ersten Lebensjahren wären Kinder gefährdet zu sterben, wenn sie nicht ausreichend soziale Zuneigung erfahren, und auch später im Leben habe man nur eine balancierte Emotionalität und potenziell ein langes, gesundes Leben, wenn das Zugehörigkeitsgefühl befriedigt wird.

Die Menschen wären im Tierreich nicht die einzigen mit ihrer Skepsis gegenüber Fremden, erklärte der Verhaltensforscher. Zum Beispiel bei Wölfen gibt es Kämpfe zwischen Rudeln, die untereinander sehr gut zusammenhalten. Gegnerschaft entstehe sehr oft, wenn Ressourcen und Reproduktionsinteressen, also quasi das Weiterleben der eigenen Gene, gegen andere verteidigt werden.

Wie sich das biologische Erbe im Einzelnen manifestiert, sei aber von der Sozialisierung und dem gesellschaftlichen Umfeld abhängig, meint der Verhaltensforscher. Manche würden deshalb interessiert auf Fremde zugehen, andere abwehrend dastehen. Welche Umstände zu diesen konträren Verhaltensmustern führen, dass man Kriege oder Freundschaften beginnt, wolle man in Grünau differenziert betrachten.

Service: www.biologicum-almtal.at/

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