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Denkmal der Kernphysikerin im Arkadenhof der Universität Wien © APA (Neubauer)
Denkmal der Kernphysikerin im Arkadenhof der Universität Wien © APA (Neubauer)

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Lise Meitner - Mitentdeckerin der Kernspaltung starb vor 50 Jahren

02.10.2018

Lise Meitner gehörte zu jenen Forschern, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neues wissenschaftliches Weltbild formulierten: Die vor 140 Jahren in Wien geborene und am 27. Oktober vor 50 Jahren gestorbene Physikerin hat vor 80 Jahren mit Otto Hahn, Fritz Straßmann und Otto Frisch die Kernspaltung entdeckt. Zu den Jahrestagen gibt es eine neue Biografie über Meitner und eine Feier.

Es war ein wahrlich weltbewegender Winterspaziergang, den die beiden Wissenschaftsjournalisten vom "Standard", David Rennert und Tanja Traxler, in ihrer neuen Biografie "Lise Meitner - Pionierin des Atomzeitalters" schildern. Der österreichische Physiker Otto Frisch traf zu Weihnachten 1938 seine Tante Lise Meitner im schwedischen Exil. Diese war ein halbes Jahr zuvor nach drei Jahrzehnten erfolgreicher Forschung in Berlin vor den Nazis nach Schweden geflohen.

Ihre ehemaligen Kollegen am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, Otto Hahn und Fritz Straßmann, waren aufbauend auf die gemeinsame Forschung mit Meitner bei Experimenten mit Uran auf ein Phänomen gestoßen, das sie nicht erklären konnten, und baten die Physikerin in einem Brief um Hilfe bei der Interpretation. Auf ihrem Spaziergang am 24. Dezember 1938 besprachen Meitner und Frisch die Ergebnisse und begannen "auf kleinen Zettelchen zu rechnen", wie sich Frisch erinnerte. Entgegen des bis dahin vorherrschenden Atommodells schien plötzlich ein "Zerplatzen" des Atomkerns möglich, wobei eine große Energiemenge frei wird.

Weg zur Atomenergie geebnet

Hahn und Straßmann war bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen die erste Kernspaltung gelungen, Meitner und Frisch lieferten die physikalische Deutung dafür. Diese vier Wissenschafter ebneten mit dem Experiment und seiner Interpretation den Weg zu einer gigantischen Energiequelle, die heute noch Millionen Menschen mit Strom versorgt, und gleichzeitig zu einer der unheilvollsten wissenschaftlichen Entdeckungen, der Entwicklung der Atombombe.

Hahn erhielt dafür den Chemie-Nobelpreis 1944, Meitner blieb diese Ehrung verwehrt. Sie ging als Frau, Jüdin und Emigrantin einen schweren Weg, wurde aber dennoch eine international höchst anerkennte Wissenschafterin. Am 7. November 1878 (im Geburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde ist der 17. November als Geburtstag verzeichnet, doch Meitner feierte stets am 7.11.) als drittes Kind des Wiener Rechtsanwaltes Philipp Meitner geboren, fand sie in ihrer Jugend einerseits all die Förderung, die kultivierte Familien des gehobenen Bürgertums - zumal jüdische - ihrem Nachwuchs angedeihen ließen. Andererseits stieß sie auf jene vielfältigen Barrieren, welche Frauen - zumal jüdischen - im Österreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Weg zur wissenschaftlichen Bildung versperrten.

Eine der ersten Physikstudentinnen

So bereitete sich Meitner nach dem Abschluss der Bürgerschule zunächst auf ein Examen als Französischlehrerin vor, weil Universitäten für Mädchen noch nicht zugänglich waren. Als die Universität Wien ihre Tore auch für Frauen öffnete, ergriff sie die Chance: Sie legte 1901 als eines von vier jungen Frauen die Reifeprüfung am Akademischen Gymnasium ab und inskribierte als eine der ersten Physikstudentinnen.

Bereits 1906 promovierte Meitner als zweite Physikerin an der Universität Wien überhaupt mit der Dissertation über "Wärmeleitung im inhomogenen Körper". In Ludwig Boltzmann hatte sie einen Lehrer gefunden, der ihren weiteren beruflichen Lebensweg entscheidend mitbestimmte.

Interesse an Radioaktivität

Es war eine Zeit großer wissenschaftlicher Fortschritte: Wilhelm Conrad Röntgen und Henri Becquerel hatten erst kürzlich ihre bahnbrechenden Entdeckungen gemacht, Marie Sklodowska, verehelichte Curie, begann in Paris die Radioaktivität zu erforschen, und Boltzmann stellte das bis dahin gültige Axiom in Frage, dass Atome unteilbar seien.

Auch Meitner interessierte sich für das neue Gebiet der Radioaktivität, schon im Jahr ihrer Promotion erschien ihre erste Publikation zu dem Thema. 1907 ging sie zu Max Planck nach Berlin, wo sie "die glücklichsten und produktivsten Jahre ihres Lebens verbringt", wie es in der neuen Biografie heißt. Sie fand einen Kreis hochbegabter junger Wissenschafter vor, zu denen James Franck, Otto Hahn und Gustav Hertz gehörten.

Weil sie sich neben dem Besuch der Vorlesungen bei Planck auch experimentell betätigen wollte, begann sie mit dem Chemiker Hahn zusammenzuarbeiten - eine Kooperation, die 21 Jahre später zur ersten gelungenen Kernspaltung führte. Zunächst musste Meitner aber als Frau den Hintereingang des Instituts benutzen, zur Toilette ging sie im nächstgelegenen Gasthaus.

Zunächste unbezahlte Arbeit als "Gast"

Doch Lise Meitner war hartnäckig und Planck ernannte sie 1912 zu seiner Assistentin. Inzwischen hatte die Physikerin wesentlich zur Aufklärung der Frage des Beta-Zerfalls und der Gamma-Strahlen beigetragen und 1909 gemeinsam mit Otto Hahn die sogenannte Alpha-Rückstoßmethode entwickelt, welche beim radioaktiven Zerfall die Abtrennung eines Zerfallsproduktes von der Muttersubstanz ermöglicht.

Als Hahn 1912 am neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie eine Abteilung für Radiochemie erhielt, war sie zunächst noch als "Gast" unbezahlt tätig, wurde aber ein Jahr später zum Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ernannt. Das hohe wissenschaftliche Ansehen Meitners zeigte sich auch daran, dass sie - meist gemeinsam mit Hahn - ab 1924 laufend für den Chemie-, später auch für den Physik-Nobelpreis vorgeschlagen wurde.

Doch den Nationalsozialisten war wissenschaftliches Renommee egal und so war auch Meitner nach deren Machtübernahme zunehmend bedroht. 1933 wurde sie, wenngleich bereits 1908 zum Protestantismus konvertiert, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von der Uni Berlin "beurlaubt". Als österreichische Staatsbürgerin, die sie übrigens Zeit ihres Lebens blieb, war ihre Stellung am Kaiser-Wilhelm-Institut davon nicht betroffen. Wegzugehen und 55-jährig woanders neu anzufangen konnte sie sich nicht vorstellen.

Als Jüdin nach dem Anschluss gefährdet

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre bemühten sich Hahn und Meitner um die Identifizierung der radioaktiven Stoffe, die bei der Neutronenbestrahlung durch Uran entstehen ("Transurane"). Doch Meitner war nach dem "Anschluss" Österreichs plötzlich "reichsdeutsche Jüdin" und damit akut gefährdet. Freunde und Kollegen bemühten sich, Meitner aus Deutschland herauszuholen, doch sie scheiterten letztlich an der Bürokratie. So floh sie mit Hilfe von Kollegen am 13. Juli 1938 illegal über die Grenze in die Niederlande.

Am Nobel-Institut in Stockholm begann sie wieder zu arbeiten, war aber mit den Bedingungen unzufrieden. Hahn und Fritz Straßmann führten währenddessen ihre Arbeiten in Berlin fort und unterrichteten Meitner regelmäßig per Brief über die neuesten Ergebnisse - so auch von jenem Experiment, dessen Ausgang Hahn sich nicht erklären konnte und für dessen Interpretation er Meitner in einem Brief am 19. Dezember 1938 um Hilfe bat.

Hahn und Straßmann veröffentlichten am 6. Jänner 1939 die Ergebnisse ihres Experiments im Fachjournal "Naturwissenschaften", Meitner und Otto Frisch schickten zehn Tage später ihre physikalische Deutung des Versuchs an die Fachzeitschrift "Nature", die schließlich im Februar erschien. Statt "Zerplatzen" verwendeten sie dabei erstmals den Begriff "Kernspaltung".

Gegen eine militärische Nutzung

Frisch erstellte 1940 das erste Konzept zur Nutzung der Kernspaltung für eine Atombombe - doch Meitner war immer gegen eine militärische Nutzung ihrer Entdeckung. Diese änderte auch nichts an Meitners unglücklicher Lage in Stockholm mit schlechten Forschungsbedingungen. Erst 1947 bekam sie eine eigene kleine Abteilung an der Technischen Hochschule der schwedischen Hauptstadt, wo sie bis Anfang der 1950er Jahre noch als über 70-Jährige tätig war.

Hahn wurde 1945 für die Entdeckung der Kernspaltung rückwirkend der Chemie-Nobelpreis 1944 zuerkannt, Meitner, Straßmann und Frisch nicht berücksichtigt. "Dank der heutigen Quellenlage ist offenkundig, dass die Nicht-Berücksichtigung Meitners weniger wissenschaftlich begründet war, denn von zahlreichen äußeren Faktoren beeinflusst worden ist", schreiben David Rennert und Tanja Traxler in der Biografie und nennen etwa "interne Querelen" der schwedischen Physiker, die bei der Entscheidung mitzureden hatten, das Unvermögen, die Entdeckung angemessen zu evaluieren, und die Tatsache, dass Meitner eine Frau war, als Gründe. Über die Jahrzehnte sei Meitner jedenfalls mindestens 48 Mal für den Chemie-oder den Physik-Nobelpreis nominiert gewesen.

Auch wenn ihr diese Auszeichnung verwehrt blieb, bekam sie in höherem Alter andere Ehrungen: Sie erhielt die Max-Planck-Medaille, die Otto-Hahn-Medaille, den Enrico-Fermi-Preis, das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst sowie eine Vielzahl weiterer Auszeichnungen. 1997 benannten Forscher das im Labor hergestellte Element mit der Ordnungszahl 109 nach der Wissenschafterin "Meitnerium" (Mt).

Ambivalente Persönlichkeit

Bis 1960 lebte Meitner in Stockholm und übersiedelte im hohen Alter nach Cambridge, wo ihr Neffe Otto Robert Frisch arbeitete. In Cambridge starb sie - fast 90-jährig - am 27. Oktober 1978.

Rennert und Traxler arbeiten in ihrer Biografie die Ambivalenz in der Person Meitners heraus. Diese war zunächst über den Ersten Weltkrieg begeistert und gewillt, ihre wissenschaftliche Arbeit in den Kriegsdienst zu stellen. Sie ist von der "Überlegenheit der Deutschen" und der Minderwertigkeit der "frz. Rasse" überzeugt, gratulierte Hahn, der mit Fritz Haber an Giftgas arbeitete, zu dessen erstem Großeinsatz gegen Frankreich. Doch Meitner habe "zeit ihres Lebens mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie nicht steif und unreflektiert an vorgefertigten Meinungen festhält", betonen die Autoren und befinden daher, dass die von Otto Frisch gewählte Inschrift für Meitners Grabstein "durchaus passend" sei: "A physicist who never lost her humanity".

Zu den Jahrestagen rund um Lise Meitner würdigt die Fakultät für Physik der Universität Wien Meitner in einer Jubiläumsveranstaltung am 15. Oktober. Dabei wird das Theaterstück über Frauen und Wissenschaft "Curie-Meitner-Lamarr-unteilbar" gezeigt, anschließend gibt es eine Podiumsdiskussion über Leben und Werk von Lise Meitner.

Service: David Rennert, Tanja Traxler: "Lise Meitner - Pionierin des Atomzeitalters", Residenz Verlag, 224 S., 24 Euro, ISBN: 9783701734603; Buchpräsentation: 3. 10., 19.00 Uhr, Lhotzkys Literaturbuffet, 2., Taborstraße 28. Jubiläumsfeier für Lise Meitner: 15. 10., 17.00 Uhr, 9., Strudlhofgasse 4, Lise-Meitner-Hörsaal

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