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Die Mumie wurde bereits 1830 in einem Fremdenführer erwähnt © APA (Wimmer)
Die Mumie wurde bereits 1830 in einem Fremdenführer erwähnt © APA (Wimmer)

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"Luftg'selchter" Pfarrer aus OÖ war gut ernährt und rauchte Pfeife

05.11.2018

Viele Geschichten und Mythen ranken um den "luftg'selchten" Pfarrer aus St. Thomas am Blasenstein (Bezirk Perg), eine Mumie, die bereits 1830 in einem Fremdenführer erwähnt wurde. Am 4. November haben Wissenschafter der Universität München, die sie zehn Monate lang untersuchten, neue Erkenntnisse präsentiert: Der Mann war zu Lebzeiten gut ernährt und frönte einem kleinen Laster, dem Pfeifenrauchen.

Entgegen dem Volksmund, der besagte, dass der in der Gruft Bestattete unter Epilepsie gelitten habe, wiesen die Untersuchungen auf eine längere Krankheit hin. Wahrscheinlich laborierte er an einer chronischen Lungen-Tuberkulose und ein akuter Blutsturz wird als finale Todesursache vermutet, teilte die Diözese Linz in einer Presseaussendung mit. Auch eine rätselhafte Kugel im Unterbauch, die schon 2000 auf Röntgenbildern zu sehen war, ergab nicht den gerüchteweise vermuteten Giftanschlag, sondern entpuppte sich als Glasperle, wie sie für Handarbeiten und Rosenkränze verwendet wurde. Die Glasperle dürfte mitgerutscht sein, als die Leibeshöhle mit Hobelspänen, Astwerk und Stoffstückchen ausgestopft wurde, wie die Computertomographie 2017 zeigte.

Von der Kleidung des Toten - unter anderem gestrickte Strümpfe und eine Kniebundhose mit Gürtel - sind nur mehr minimale Reste vorhanden. Haut- und Knochenbefunde zeigten, dass die Person sehr gut ernährt war und nie besonders hart arbeiten musste. Den Hinweis auf Pfeifenrauchen über einen längeren Zeitraum gab eine Abnützung der Schneidezähne.

Fragen um Identität des Toten

Weil der Erhaltungszustand der Mumie in der Gruft der Pfarrkirche St. Thomas sich zusehends verschlechterte, wurde sie im Oktober 2017 für zehn Monate nach München gebracht, wo der Pathologe und Mumienexperte Andreas Nerlich und der Rechtsmediziner Oliver Peschel, der auch Konservierungsbeauftragter für den Ötzi ist, sich ihrer annahmen. In der Zwischenzeit wurde ein zweiter Gruftraum geöffnet und saniert, wo die Mumie seit August unter besseren Bedingungen liegt und zu sehen ist.

Viele Fakten sprechen dafür, dass es sich bei der Mumie - wie stets vermutet - um den 1746 im Alter von 37 Jahren verstorbenen Pfarrvikar Franz Xaver Sydler von Rosenegg handle. Die Radiokarbon-Datierung einer Gewebeprobe legt den Sterbezeitpunkt zwischen 1734 und 1780, Lederschuhe, wie die Mumie sie trug, datieren zwischen 1670 und 1750. Außerdem weist der Erhaltungszustand der Mumie mehrere Ähnlichkeiten zu drei Teilmumien in der Gruft des Stiftes Waldhausen auf. Dort war Sydler Ordensmann der Augustiner.

Nicht in dieses Bild passt die rasche Bestattung des Kirchenmanns, laut Matrikenbücher der Pfarre St. Thomas am 3. September 1746, einen Tag nach seinem Tod. Denn das widerspricht der gezielten Haltbarmachung des Leichnams auch mit Chemikalien, wie sich aus der Toxikologie ergab. Dann muss er längere Zeit unter Luftabschluss gelegen sein, eine Erdbestattung ist auszuschließen. Die Mumie ist 1,71 Meter lang und wiegt etwa zehn Kilo. Der Körper sei über Brust, Bauch und Rücken ausgezeichnet erhalten.

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