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Neue Anforderungen an die Stromnetze © APA (Thalmayer)
Neue Anforderungen an die Stromnetze © APA (Thalmayer)

Kooperationsmeldung

Mein, dein, unser Strom?

13.03.2017

Die Blockchain-Technologie wird die Sharing Economy im Energiesektor etablieren. Auch wenn die unternehmerischen Initiativen momentan noch zögerlich anlaufen, die Möglichkeiten sind vielversprechend und das Marktvolumen für die notwendigen Technologien liegt im zweistelligen Milliardenbereich. Der Elektroenergiesektor und dessen Geschäftsmodell stehen vor gewaltigen Herausforderungen, deren zentrale Transformationsrichtung noch nicht definiert ist. Ein wesentlicher Bereich dieser Transformation ist die Entwicklung eines dezentralen Transaktions- und Energieliefersystems, das das heutige mehrstufige System aus Energieerzeugern, Verteilernetzwerk-Betreibern usw. möglicherweise radikal vereinfacht: Dezentrale Energieerzeuger können mittels Blockchain- Technologie und P2P (Peer-to-Peer)-Plattformen die erzeugte Energie direkt verkaufen. P2P steht vor allem für eigentumslose aber zugangsbasierte Formen des Austauschs. Dabei handelt es sich gewissermaßen um "den Kern" der Sharing Economy, da sie - im Unterschied zu gewerblichen Austauschformen - dort Märkte etablieren, wo vorher noch keine marktbezogenen Austauschbeziehungen existierten.

Neue Geschäftsmodelle entstehen

Überträgt man die bislang nur in der Finanzbranche Anwendung findenden Annahmen der Blockchain (Technologie hinter Bitcoin) auf den Energiesektor, werden die vielfältigen Möglichkeiten sichtbar: eine dezentrale Speicherung von Transaktionsdaten erhöht die Unabhängigkeit von einer zentralen Instanz, und neue Geschäftsmodelle kommen ohne vermittelnde Institutionen aus. Sowohl die Entwicklung alternativer Bezahl-Modelle (z. B. Kryptowährungen), die Digitalisierung von Verträgen, bis hin zur Verifizierung von Transaktionen bieten Möglichkeiten der Kostenreduktion.

Zusammengefasst werden direkte Transaktionen zwischen Anbietern und Nachfragern angeboten, Intermediäre (z. B Vermittlerplattformen) werden obsolet gemacht und Systemkosten werden drastisch verringert. Auch das Bewusstsein für diese Möglichkeiten scheint vorhanden: Bei einer von der DENA (Deutsche Energie Agentur) und dem ESMT im August 2016 durchgeführten Befragung unter deutschen Entscheidungsträgern waren fast zwei Drittel der Befragten davon überzeugt, dass Blockchain im Energiebereich weite Verbreitung finden wird, etwa ein Viertel der Befragten waren sogar der Ansicht, dass es sich um einen "Game-Changer" innerhalb der Branche handelt.

Großes Potenzial vorhanden

Durchaus bescheiden wirken dagegen die bisherigen unternehmerischen Aktivitäten:

Im April 2016 ging das Projekt Brooklyn Microgrid von TransactiveGrid, einem Joint Venture von zwei US-Technologieunternehmen, als erstes Pilotprojekt ans Netz. Ziel des Projektes ist zu erproben, wie Häuser mit dezentraler Erzeugungskapazität Teil eines P2P-Stromnetzes werden können. Es wurden dazu fünf Haushalte, die mit ihren Photovoltaik-Anlagen Solarstrom erzeugen, auf der einen Seite eines Straßenzuges, mit fünf Verbrauchern auf der anderen Seite des Straßenzuges über die vorhandene Elektrizitäts-Infrastruktur miteinander verbunden. Die Transaktionen werden dezentral über Blockchain gesteuert und gespeichert. In Deutschland sind erst zwei Akteure im Bereich Blockchain- Anwendungen im Energiesektor tätig: RWE bei der Vereinfachung der Aufladung von Elektroautos und Vattenfall mit dem in den Niederlanden gegründeten Start-Up Powerpeers, einer P2P-Plattform. In Österreich arbeitet das von Ewald Hesse gegründete Start-Up GridSingularity mit dem Rocky Mountain Institute (Colorado) in einem internationalen Blockchain-Konsortium zusammen, mit dem Ziel eine Plattform für die Energiewirtschaft zu entwickeln, die alle Stufen der Wertschöpfungskette bedient.

Was sind die Herausforderungen?

Neben den bereits vielfach diskutierten Überlegungen zu Datensicherheit und Datenschutz stehen der Anwendung der Blockchain im Energiesektor noch die Überwindung einiger Hürden bevor: obwohl Hard- und Softwarespezialisten sich gegenwärtig darüber einig sind, dass die Einführung der Blockchain im Vergleich zu den aktuellen Datenbank-Systemen immense Hardware- und Softwarekosten verursachen würde, kann, bei Betrachtung der technologischen Entwicklung und deren Geschwindigkeit seit Einführung der Blockchain, darauf vertraut werden, dass diese Fragen gelöst werden.

Gleichwohl scheinen wirtschaftliche Fragen dabei interessant: Auch wenn die momentanen und vielfach beschriebenen Kostenreduktionen durch die Blockchain beeindruckend sind, erscheinen die durch die Anwendung entstehenden, neuen Betriebskosten noch völlig unabsehbar. Dabei handelt es sich um eventuelle Transaktionsgebühren oder die Miteinbeziehung von kumulierten Kosten von Rechnerleistungen und deren Energieverbrauch. Denn auch wenn Datenübertragung und Datenspeicherung in der Blockchain momentan kaum Kosten verursachen, werden diese rasant ansteigen, verursacht durch die Unzahl dezentraler und gleichzeitiger Validierungsprozesse von Transaktionen, die bei verbreiteter Anwendung entstehen.

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Punkt ist die Tatsache, dass eine sinnvolle Nutzung der Blockchain ein Stromnetz erfordert, das in der Lage ist die erhöhte Zahl von Energieproduzenten sowie den erhöhten Grad an Flexibilität zu verarbeiten. Auch wenn durch dezentrale Energieversorgung der Bedarf an Übertragungsnetzen sinkt, steigt der Bedarf an Verteilernetzen, z.B. in den OECD-Staaten um das Vierfache. So entfallen laut Internationaler Energieagentur (IEA) 42 % der Kapitalinvestitionen bis 2035 im Elektrizitätssektor auf Netzinfrastrukturen.

Festzuhalten ist: Ob sich die Blockchain im Energiesektor durchsetzt, wird nicht die Technik, sondern werden rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen genauso entscheiden wie das Design von brauchbaren Anwender-Schnittstellen, die Entwicklung von damit zusammenhängenden Dienstleistungs-Portfolios und vor allem eine adäquate Kommunikation von deren Sinn und Nutzen. Wieder einmal ist Innovationsgeschichte nicht (nur) Technikgeschichte.

Über den Autor:

Bernhard Seyringer ist Foresight-Analyst, Autor und Gründer von MRV Research in Wien sowie Vorstand von Media Research Vienna; er schreibt für die Paris Tech Review die Kolumne "How did we miss this?" sowie Artikel in CityLab (The Atlantic) über die Zukunft der Stadt; darüber hinaus für Austria Innovativ, die Gesellschaft für Zukunftsforschung, das Industriemagazin, Communication Director, etc. Seyringer war von 2000-2004 als Politikberater, danach als Foresight-Analyst für das EIPPR (European Institute for Public Policy Research, Brüssel) im Bereich Außenpolitik tätig; von 2006 bis 2010 war er Beobachter der Commission for Radio and Television Policy in South,-East,-and Southeast Europe; von 2008-2009 war er Vorstand von Urban Research Linz; seit 2004 ist er Herausgeber von XING Magazin, seit 2012 Präsident von Euroscience Austria.

Dieser Text wurde in "Austria Innovativ" (6/2016) veröffentlicht

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