Kultur & Gesellschaft

Rekonstruktionszeichnung Doppelgrab © Graphik: Libor Balák, Anthropark
Rekonstruktionszeichnung Doppelgrab © Graphik: Libor Balák, Anthropark

APA

Menschen vermieden Inzucht schon vor über 30.000 Jahren

05.10.2017

Im Gegensatz zu Neandertalern schafften es die anatomisch modernen Urmenschen in Europa offensichtlich schon in der Altsteinzeit vor über 30.000 Jahren, Inzucht zu vermeiden, berichtet ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung. Da ihre Gruppen kaum mehr als zwei Dutzend Individuen umfassten, mussten sie sich dazu wohl aktiv mit anderen Sippen austauschen, heißt es im Fachblatt "Science".

Unter der Leitung von Martin Sikora vom Dänischen Naturhistorischen Museum in Kopenhagen haben die Forscher das Genom von vier anatomisch modernen Menschen untersucht, die vor 34.600 bis 33.600 Jahren im europäischen Teil des heutigen Russland lebten. 1955 wurde am archäologischen Fundplatz "Sungir" das Grab eines erwachsenen Mannes gefunden, außerdem entdeckte man dort ein Doppelgrab zweier Buben, die im Alter von neun bis dreizehn Jahren verstorben sind. Bei ihnen lag als Grabbeigabe ein männlicher Oberschenkelknochen, der mit Rötel gefärbt war und vermutlich als Talisman diente, erklärte der in Wien geborene Archäologe Philip Nigst, der an der Universität Cambridge (Großbritannien) forscht, im Gespräch mit der APA.

Die DNA der vier Menschen zeigte keinerlei Spuren von Inzucht, sagte er. Keiner von ihnen war mit dem anderen näher verwandt als Cousins zweiten Grades. Der Oberschenkelknochen gehörte einem Individuum, das zumindest der Urgroßvater der Buben war. Sie alle waren also viel weniger verschwägert als man es bei den damals üblichen Kleingruppen von kaum mehr als 25 Menschen annehmen würde.

Bewusste Vermeidung

"Das bedeutet, dass die Menschen in der jüngeren Altsteinzeit die Bedeutung der Inzucht verstanden haben", so die Forscher in einer Aussendung der Uni Cambridge. Aufgrund der Erbgut-Daten könne man sagen, dass sie diese bewusst vermieden haben. "Die kleinen Familien-Gruppen waren wahrscheinlich miteinander in größeren Netzwerken verbunden, was den Austausch untereinander erleichtert hat, um die genetische Vielfalt zu erhalten", so Sikora. So konnten sie wohl der Inzucht-Gefahr trotz kleiner Gruppengrößen entgehen.

Diese Familienpolitik könne mit ein Grund sein, warum die modernen Menschen überlebt haben und die Neandertaler nicht. Bei einer der letzten Neandertaler-Populationen im Altai-Gebirge in Mittelasien gab es nämlich deutliche Hinweise auf Inzucht. So waren die Eltern eines Individuums dort Halb-Geschwister. Eine neue Studie zu Neandertaler-Funden aus der Vindija-Höhle im heutigen Kroatien, die ebenfalls aktuell in "Science" veröffentlicht wird, zeigt aber, dass solche extreme Inzucht nicht in allen Neandertalern-Gruppen stattgefunden haben muss.

(S E R V I C E - Die Publikationen online: http://dx.doi.org/10.1126/science.aao1807 und http://dx.doi.org/10.1126/science.aao1887)

Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung