Kultur & Gesellschaft

Generaldirektor Maderthaner gibt Band über Staatsarchiv heraus © APA (Punz)
Generaldirektor Maderthaner gibt Band über Staatsarchiv heraus © APA (Punz)

APA

Prächtige Geschichte: "Österreich: 99 Dokumente, Briefe und Urkunden"

02.10.2018

100 Jahre in 99 Dokumenten? Diese Rechnung geht bei dem von Staatsarchiv-Generaldirektor Wolfgang Maderthaner herausgegebenen Prachtband, der heute im Brandstätter Verlag erscheint, nicht auf: "Österreich: 99 Dokumente, Briefe und Urkunden" beginnt nicht erst 1918, mit der Republiksgründung, sondern über 1.100 Jahre früher. Zu einem Zeitpunkt, als von Österreich noch lange keine Rede war.

Die Bestätigung von Immunitätsprivilegien des Salzburger Erzbischofs durch Kaiser Ludwig den Frommen im Februar 816 ist die älteste Originalurkunde, die in einem österreichischen staatlichen Archiv aufbewahrt wird. Mit ihr startet Maderthaner seine Zeitreise in 99 Etappen, die mit dem Manuskript zu Andre Hellers Lied "Leon Wolke" (2002) über Leon Zelman, den Gründer des Jewish Welcome Service Vienna, endet.

Die Dokumente, die in schönen Fotografien und Detailaufnahmen gezeigt und jeweils in einem kleinen Aufsatz interpretiert und in einen Zeitbezug gestellt werden (neben Maderthaner haben fast zwei Dutzend Mitarbeiter Beiträge geliefert), sind keineswegs nur Preziosen der Staatsgeschichte und stammen auch nicht alle aus dem Staatsarchiv. Zwar finden sich etwa der Westfälische Friede, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, die Pragmatische Sanktion von 1713 oder die Schlussakte des Wiener Kongresses von 1815, nicht aber das wohl berühmteste Dokument der Republiksgeschichte, der Österreichische Staatsvertrag. Stattdessen wählte man das Moskauer Memorandum, die Dokumentation des erfolgreichen Verhandlungsergebnisses der österreichischen Delegation.

Überraschende Erkenntnisse

Manche überraschende Erkenntnisse lassen sich aus den Materialien gewinnen, etwa, dass das Judenpatent von Ferdinand I. 1551 bereits eine Kennzeichnungspflicht durch gelben Stoff vorsah, oder dass Kaiser Franz Joseph die Ermächtigung zum entscheidenden Telegramm mit der Kriegserklärung an die Serbische Regierung 1914 in Ischl handschriftlich erteilte. Was das Buch, das als "eine völlig neuartige Geschichte Österreichs von den Anfängen bis zur Gegenwart" angepriesen wird, so sympathisch macht, ist, dass es sich keineswegs einer auf Pergament festgehaltenen Herrschaftsgeschichte verschrieben hat, sondern sich sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen widmet. Nicht immer nur anhand von passenden Schriftstücken, sondern auch mit vielen historischen Fotos.

Briefe von Andreas Hofer und Bruno Kreisky finden sich ebenso wie von Joseph Haydn oder Gustav Klimt, die Türkenbelagerungen werden ebenso reflektiert wie der Kampf ums Wahlrecht oder der Marshall-Plan. Maria Theresias Schulreformen und Mozarts "Freimaurerkantate" sind enthalten, Sigmund Freud, Oberst Redl und der "Herr Karl". "Über die Vampire" macht sich ein Arzt 1750 Gedanken und schildert dabei die Lebensumstände des "einfachen Volks", das sonst meist nur in Gerichtsurteilen aktenkundig wird.

Maderthaner ist es daran gelegen, Geschichte von oben wie von unten darzustellen - und er bemüht sich darum, "das genuin Österreichische in möglichst all seinen unterschiedlichen (auch widersprüchlichen oder paradoxen) Facetten auszumachen": "Es wurden ausschließlich Dokumente herangezogen, die sozusagen aus sich heraus den Kern des Österreichischen/Kakanischen/Republikanischen verkörpern und in ihrer Abfolge (und Kommentierung) eine dichte Beschreibung von Geschichte und Habitus des zentraleuropäischen Raums zu liefern vermögen", schreibt er und verschweigt nicht, dass dieser Kern viel Süßes und viel Bitteres enthält. Auch, wenn man lieber über das Europäische im Österreichischen als umgekehrt nachsinnen würde: Sein Buch wird das Gedenkjahr 2018 mit Sicherheit überdauern.

Service: Wolfgang Maderthaner: "Österreich. 99 Dokumente, Briefe und Urkunden", Brandstätter Verlag, 560 Seiten, ca. 150 Abbildungen, 50 Euro

Von Wolfgang Huber-Lang/APA

Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung