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"Prager Frühling" - Weiter Kontroversen um Gedenken in Tschechien

22.08.2018

Einen Tag nach dem 50. Jahrestag zur Niederschlagung des Prager Frühlings sorgt das Gedenken an den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Tschechien weiter für Kontroversen. Unterdessen wollen Politiker und Historiker den 21. August zum offiziellen Gedenktag machen. Sogar die Kommunisten haben nichts dagegen.

Die Begehung des Jahrestages habe "alle Fehler und Defekte der tschechischen Gesellschaft schonungslos offengelegt", kritisierte die liberale Tageszeitung "Hospodarske noviny" am Mittwoch. Jegliche Würde des Gedenkens an die Opfer der Besatzung sei verloren gegangen. Grund für die Kritik war die Weigerung von Präsident Milos Zeman sich an einer der Gedenkveranstaltungen zu beteiligen, sowie das Pfeifkonzert von aufgebrachten Regierungsgegnern bei der Rede von Premier Andrej Babis, dem vorgeworfen wird einst mit dem kommunistischen Geheimdienst kollaboriert zu haben, auf der zentralen Gedenkfeier in Prag am Dienstag.

Weil sich der als russlandfreundlich geltende Zeman nicht öffentlich äußern wollte, wurde in einem ungewöhnlichen Schritt am Dienstagabend die Rede des slowakischen Präsidenten Andrej Kiska im öffentlich-rechtlichen tschechischen Fernsehen übertragen. Kiska betonte darin die Wichtigkeit der Einbindung Tschechiens und der Slowakei in EU und NATO als "Grundpfeiler unseres Wohlstand und Sicherheit". Es sei eine Lehre aus dem Jahr 1968, dass "die Slowakei Verbündete braucht, welche dieselben Werte und den Respekt für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie teilen", sagte Kiska.

In Tschechien kam es nach den Gedenkfeierlichkeiten zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen dem Vorsitzenden des Senats Milan Stech und dem Sprecher des Staatspräsidenten Jiri Ovcacek. Stech beschimpfte Ovcacek im Kurznachrichtendienst Twitter als "Trottel", nachdem dieser sich beschwert hatte, dass die Demonstranten die Rede des sozialdemokratischen Senatspräsidenten im Gegensatz jener des Regierungschefs und des Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses Radek Vondracek (beide ANO) nicht mit Pfiffen und Buh-Rufen gestört hatten. Ovcacek konterte auf die Beleidigung Stechs damit, dass er sich von einem "Kommunisten aus den Jahren 1979 bis 1989 nicht wirklich beleidigen" lasse.

Unterdessen wird in Tschechien über den Vorschlag diskutiert, den Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings als offiziellen Gedenktag in den tschechischen Kalender einzutragen. Der 21. August solle zum "Tag der Opfer der Okkupation" werden, so der Vorschlag mehrerer Historiker laut der Tageszeitung "Pravo" am Mittwoch. "Nur in den ersten Tagen der Okkupation kamen etwa 100 Menschen ums Leben, insgesamt dann 430", meinte der militärische Historiker Eduard Stehlik. Laut dem Vizechef des Prager Nationalmuseum Michal Stehlik gehört der 21. August 1968 zur Identität des Volkes, deswegen sollte man dieses Tages nicht nur an runden Jahrestagen gedenken.

Auch mehrere Politiker unterstützen die Idee, darunter der sozialdemokratische Vizepremier, Innenminister und Außenminister Jan Hamacek. Zustimmung signalisierte auch die christdemokratische Volkspartei (KDU-CSL), die Bürgermeisterpartei (STAN) und die rechtsliberale TOP 09. Sogar die Kommunisten (KSCM) hätten nichts dagegen. Derartige Erinnerungen sollten im tschechischen Kalender sichtbar sein, sagte der Vizechef der Parlamentsfraktion im Abgeordnetenhaus Leo Luzar.

Eine entsprechende Gesetznovelle müssten aber noch im Abgeordnetenhaus und im Senat verabschiedet werden. Bisher gibt es im offiziellen tschechischen Kalender neben den Staatsfeiertagen mehrere sogenannte "bedeutende Tage": darunter beispielsweise den 8. März als Internationaler Frauentag oder den 10. Juni als Gedenktag für die Opfer von Lidice. Das mittelböhmischen Dorf wurde 1942 von deutschen Besatzungstruppen niedergebrannt.

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