Kultur & Gesellschaft

Kooperationsmeldung

RRI - auf dem Weg zu einem neuen europäischen Forschungsparadigma?

13.08.2015

Im Gespräch mit der ZSI-Expertin Katharina Handler und dem wissenschaftlichen Leiter des ZSI Klaus Schuch

Redaktion: Welche Innovationen soll das Konzept RRI gegenüber dem bisherigen Alltag von Forschung und Wissenschaft ermöglichen?

Katharina Handler: Verantwortungsvolle Forschung und Innovation oder Responsible Research and Innovation (RRI) ist ein forschungspolitisches Konzept, das von der Europäischen Kommission gefördert wird. Im EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 zählt RRI zu einer tragenden Maßnahme des Programmziels "Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft". Im April dieses Jahres starteten beispielsweise Ausschreibungen zu Themen wie die Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter in der Forschung und das stärkere Voranbringen der RRI-Prinzipien bei der Governance von Forschung, die in Unternehmen betrieben wird. Diese neue Aufmerksamkeit für RRI lässt sich an der Veränderung wissenschaftlicher Erkenntnisse und dem raschen gesellschaftlichen Wandel festmachen. Ein wesentlicher Aspekt für RRI ist die Förderung von Transdisziplinarität. Es geht vorrangig darum, möglichst viele ExpertInnen aus unterschiedlichen Feldern - auch Wissenschaftsferne - an den Tisch zu holen und deren Perspektiven zur Problemlösung gesellschaftlicher Herausforderungen zu nützen, wenngleich Transdisziplinarität nicht als Ziel an sich verstanden werden sollte. Die Verfasstheit von RRI bringt auch die Sozial- und Geisteswissenschaften stärker ins Spiel.

Klaus Schuch: RRI ist ein breit angelegter Ansatz, der eine Klammer über die gesamte Forschung und Innovation legen möchte. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt darin, die Gesellschaft in den Forschungsprozess miteinzubeziehen. Dies spitzt sich in der Forderung nach "Public Engagement", der Partizipation der Öffentlichkeit, zu. Wie in vielen anderen Ländern mit einer entwickelten Forschungs- und Innovationspolitik wurde auch in Österreich "Public Engagement" zuerst auf die Informationsfunktion konzentriert, um damit die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Bedeutung von Forschung und Technik zu fördern. Ein funktionales Verständnis von Partizipation der Öffentlichkeit greift allerdings weiter und umfasst neben dem Informieren auch die Einbeziehung, Beteiligung, Mitwirkung, Teilhabe bis hin zur Mitbestimmung. Hier unterscheidet sich RRI von früheren z.B. wissenschaftsethischen Ansätzen, die Verantwortung und Definitionsmacht vor allem in die Hände von ForscherInnen legten. Gesellschaftliche Einmischung war nur bis zu einem gewissen Grad gewünscht. Ein stärkerer gesellschaftlicher Einfluss in der Forschung muss auch gemäß dem RRI-Ansatz differenziert betrachtet werden und je nach Problem und Forschungsfrage auf Sinnhaftigkeit sorgsam überprüft werden.

In ExpertInnendiskussionen rund um RRI drängt sich gelegentlich der Verdacht eines schleichenden Paternalismus auf...

Katharina Handler: Die Beschäftigung mit Wissenschaftsethik zum Beispiel ist etwa seit dem 20 Jahrhundert ein Themenstrang des wissenschaftstheoretischen Diskurses. RRI ist der Versuch, unterschiedliche Aspekte der Beziehungen zwischen Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft und damit verbundene Ansprüche stärker in den Alltag zu bringen und zu operationalisieren. Die Europäische Kommission reagierte mit den laufenden Initiativen zu RRI auf ein Bedürfnis, das in den ExpertInnenkreisen aus Forschung und Wissenschaft vor allem seit den 2000er Jahren wuchs und an die Gremien weitergereicht wurde. Die Grundsatzdokumente der Europäischen Kommission beziehen sich ihrerseits auf ForscherInnen und PhilosophInnen, die das Konzept entwickelten. Bekanntere Namen dieser Entwicklung sind zum Beispiel der niederländische Agrarwissenschaftler und Philosoph René von Schomberg oder die britischen Sozialwissenschaftler Richard Owen sowie Jack Stilgoe, der als Mitarbeiter der UCL (University College London) auch dem Projektkonsortium von RRI Tools mit dem Projektpartner ZSI, angehört.

Eines der ersten Dokumente auf europäischer Ebene, in denen RRI als Begriff zentral aufgegriffen wurde, ist "Towards Responsible Research and Innovation in the Information and Communication Technologies and Security Technologies Fields" von René von Schomberg aus dem Jahr 2011. Seither hat sich RRI als Querschnittsthema im EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 entwickelt, das Fragen zu Ethik, Governance, öffentlichem Engagement, wissenschaftlicher Bildung, zur Einbeziehung der Gesellschaft, Gleichberechtigung der Geschlechter und zu Open Access für eine leistungsfähige und sozial verträgliche Forschung vorantreibt.

Das ZSI ist aktuell in zwei europäischen Projekten im RRI-Bereich aktiv: Woran arbeitet das bereits erwähnte Projekt RRI Tools?

Katharina Handler: RRI Tools besteht aus einem interdisziplinären Konsortium aus 26 Institutionen und wird von der La Caixa-Stiftung aus Spanien geleitet. In diesem Konsortium vereinen sich umfangreiche Erfahrungswerte aus ganz Europa für die diversen Schlüsselkomponenten von RRI. Das Projekt RRI Tools übersetzt das Konzept einer "Forschung mit der Gesellschaft", das im Zeichen von Nachhaltigkeit und sozialer Verträglichkeit steht. Damit wird auch ein Beitrag zur Realisierung von sozialer Innovation durch die Entwicklung neuer Methoden geleistet, mit dem Ziel, RRI in der Forschungsgemeinschaft - und darüber hinaus - zu etablieren. Ein Beispiel: Die Partizipation von Stakeholdern in Forschungs-, Innovations-, und technischen Entwicklungsprojekten soll zukünftig noch besser vorbereitet werden. RRI Tools führt in diesem Kontext den Begriff "Meaningful Openness" ein. Dies meint u.a., den Kreis der üblichen Verdächtigen deutlich zu erweitern und Projekte bereits so zu konzipieren, dass schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen erfolgreich involviert werden können.

Bezüglich der Prozessanforderungen für RRI einigte sich das Projektkonsortium auf vier Dimensionen, die sich in den Clustern Offenheit und Transparenz, Antizipation und Reflexivität, Vielfalt und Inklusion sowie Reaktionsfähigkeit und anpassungsfähige Änderungen finden.

Auf einer anderen Ebene geht es darum, Instrumente zu entwickeln, die zu einem gemeinsamen Verständnis von RRI und diesbezüglicher Selbstreflexion europäischer ForscherInnen beitragen und europaweit eine Community of Practice, eine Praxis- und Wissensgemeinschaft, zu etablieren.

Eine Arbeitsdefinition im Rahmen des Projekts ist, dass RRI als ein dynamischer, sich wiederholender Prozess verstanden werden muss, InteressenvertreterInnen wechselseitig ansprechbar werden und die Verantwortung für die Ergebnisse aber auch Prozesse der Forschung und Innovation tragen.

Für den Wissenstransfer managt das ZSI im Rahmen von RRI Tools einen Hub, der für Österreich und Slowenien zuständig ist. Um diese Einrichtung relevant zu gestalten, führte das ZSI Stakeholder-Konsultationen durch. Darüber hinaus ist das ZSI auch für das Design eines Self Assessment Tools zuständig und arbeitet bei der Entwicklung weiterer Instrumente mit. In einer folgenden Projektphase werden Trainings zu den Tools in den Hubs durchgeführt und die Instrumente evaluiert.

Inwieweit ist RRI als Thema in der österreichischen Forschungspolitik wahrnehmbar?

Klaus Schuch: Im Gegensatz zu UK, den skandinavischen Ländern und Deutschland, das Transparenz und Partizipation als eine der fünf Kernelemente seiner Hightech-Strategie postuliert, sind zum Beispiel aktivierende Bürgerbeteiligungsprozesse in Österreich vergleichsweise selten implementiert worden. In Österreich herrscht ganz grundsätzlich in der Gesellschaft eine ausgeprägte mentale Distanz zu Wissenschaft und Technik vor. Dies zeichnet sich deutlich in den Zahlen des Eurobarometer 2013 ab: 69 % der in Österreich Befragten finden sich über die Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie nicht informiert und 55 % geben zu, dass sie daran auch nicht interessiert sind. Diese Zahlen liegen eindeutig über den jeweiligen europäischen Durchschnittswerten.

Vereinzelte Gegenbeispiele in Österreich zeigen das Machbare: Das Programm Sparkling Science, das seit 2007 Schülerinnen und Schüler in Forschungsprojekte einbindet, durchbricht diese Grundhaltung sehr erfolgreich durch gelungene Angebote im Bereich Co-Design, Zusammenarbeit und Wissenschaftskommunikation.

Grundsätzlich ist eine Unterstützung von Lernprozessen auch auf Politikebene - Stichwort Policy Learning - als auch auf Akteursebene durch Begleitforschung und Evaluierung ungebrochen aktuell. In diese Richtung verweist zum Beispiel auch der aktuelle Forschungsaktionsplan des BMWFW 2015. Dieser betont u.a. die Notwendigkeit eines Kulturwandels zur gesellschaftlichen Wertschätzung von Forschung und Innovation sowie in wissenschaftlichen Institutionen und greift die Konzepte RRI und Citizen Science als wesentliche internationale Trends auf.

Jüngste Initiativen wie die Allianz für Responsible Science und die parallel dazu bottom-up entstandene RRI Plattform Austria unterstreichen das wachsende Bewusstsein in Österreich für das Thema.

In Bezug auf eine strategische Vorausschau zukünftiger gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen sind in Österreich entsprechende Kompetenzen und Kapazitäten zu stärken und zur Anwendung zu bringen, um Chancen und Risiken mittel- und langfristiger Entwicklungen besser erkennen und antizipieren können.

Laufende ZSI-Projekte im Bereich RRI

RRI Tools: www.rri-tools.eu

RRI ICT Forum: www.rri-ict-forum.eu

Über die ExpertInnen

Mag.a Katharina Handler

Die Expertin studierte Soziologie an der Universität Wien und ist seit 2008 als Sozialwissenschafterin am ZSI tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Umsetzung und Evaluation von Projekten in den Bereichen Partizipation, soziale Inklusion und Wissenschaftskommunikation. Aktuell ist sie u.a. als Projektleiterin für das Projekt RRI-Tools tätig.

Mag. Dr. Klaus Schuch

Seine Spezialgebiete umfassen die Themenfelder Innovationssystemforschung, internationale FTI-Kooperation sowie Evaluierung in den Bereichen Wissenschaft und Forschung. Klaus Schuch unterrichtet an der Universität Wien und im Lehrgang "Master of Arts in Social Innovation" (MASI), den das ZSI gemeinsam mit der Donau-Universität Krems (DUK) umsetzt. Seit Oktober 2014 ist Klaus Schuch wissenschaftlicher Leiter des ZSI; seit 2012 ist er Geschäftsführer der österreichischen Plattform für Forschungs- und Technologiepolitikevaluierung (fteval).

Pamela Bartar führte das Gespräch für das ZSI im Juli 2015.

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