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Neuer Lebensstil zielt auf individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung © APA (dpa)
Neuer Lebensstil zielt auf individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung © APA (dpa)

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Sinkende Geburtenzahl: Mehr Kinderlose, weniger kinderreiche Familien

05.07.2018

Seit Jahren nimmt die Kinderzahl pro Frau in den meisten Ländern der westlichen Welt ab. Forscher des Instituts für Demographie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sind der Frage nachgegangen, ob das an der wachsenden Zahl der Kinderlosen liegt oder Familien weniger kinderreich sind. Fazit: Es gibt keine einheitliche Erklärung, je nach Region und Generation dominiert der eine oder andere Faktor.

Für ihre jüngst im Newsletter "Demografische Forschung aus erster Hand" zusammengefasste Studie zogen die Wissenschafter die sogenannte Kohorten-Geburtenrate heran. Diese umfasst die "endgültige" Kinderzahl von Frauen und kann deshalb erst erhoben werden, wenn diese ein Alter erreicht haben, in dem sie in der Regel keine Kinder mehr bekommen können. Der Vergleich der Forscher umfasst 32 Länder mit starken Geburtenrückgängen sowie die Frauen, die zwischen 1940 und 1970 geboren wurden.

Vergleicht man Regionen miteinander, zeigt sich vor allem bei zwischen 1955 und 1970 geborenen Frauen ein Trend: Frauen in Mittel- und Osteuropa (ohne deutschsprachige Länder, Anm.) bekamen statt zwei Kindern oft nur mehr eines. Die Studienautoren erklären dies mit der zwar negativen Einstellung zu Kinderlosigkeit in den ehemaligen sozialistischen Ländern, gleichzeitig sei die Arbeitsbelastung der oft Vollzeit arbeitenden Eltern hoch, sodass sie auf weiteren Nachwuchs verzichteten.

In den deutschsprachigen Ländern, in Südeuropa und Ostasien ließ dagegen vor allem die zunehmende Zahl der Kinderlosen die durchschnittliche Kinderzahl sinken. Die Autoren sehen den Grund in der traditionellen Rollenverteilung in diesen Ländern, wo den Frauen oft nur die Wahl zwischen Mutterschaft oder Erwerbstätigkeit geblieben sei. Dazu sei ein "neuer Lebensstil ohne Kinder gekommen, der auf individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung zielte".

In Nordeuropa und den USA wiederum stabilisierte sich die endgültige Kinderzahl der Frauen der späteren Jahrgänge 1955 bis 1970 bereits wieder bzw. stieg sogar wieder an (z.B. in den USA). In Australien, Neuseeland und den meisten westeuropäischen Staaten ging die Kohorten-Geburtenrate in diesem Zeitraum nur leicht zurück. Die Entwicklung in diesen Ländern könnte "durch eine fortschrittliche Politik für Familien und relativ gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie begünstigt worden sein".

Unterschiedliche Entwicklung in deutschsprachigen Ländern

Sieht man sich die Daten für die deutschsprachigen Länder genauer an, sind im Detail auch unterschiedliche Entwicklungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz erkennbar. In Österreich kommen demnach die 1940 geborenen Frauen auf eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,16. In der 30 Jahre später geborenen Kohorte sank diese Zahl auf 1,67. Verantwortlich dafür waren zwei Entwicklungen: Einerseits stieg der Anteil der kinderlos gebliebenen Frauen von 13 auf 19 Prozent, andererseits sank der Anteil der Frauen mit drei und mehr Kindern von 33 auf 19 Prozent. Praktisch gleich blieb dagegen die Gruppe mit einem Kind (1940 geboren: 22 Prozent, 1970 geboren: 23 Prozent), der Anteil der Gruppe mit zwei Kindern stieg von 32 auf 39 Prozent.

In Westdeutschland sank zwar die Kinderzahl ähnlich drastisch von 1,96 auf 1,54. Das Muster war aber etwas anders: Der Anteil der Kinderlosen wuchs viel stärker als in Österreich und verdoppelte sich von zwölf auf 25 Prozent, während jener der Ein- und Zwei-Kind-Familien komplett konstant blieb und jener der Frauen mit drei und mehr Kindern von 28 auf 17 Prozent sank. In der Schweiz wiederum gab es viel weniger Bewegung: Einerseits sank die - allerdings zuvor vergleichsweise niedrige - durchschnittliche Geburtenzahl viel weniger stark von 1,86 auf 1,70. Andererseits bleib der (ebenfalls schon geringere) Anteil der Frauen mit drei und mehr Kindern fast konstant (1940 geboren: 23 Prozent, 1970: 21 Prozent). Der Anteil der Kinderlosen wuchs ebenfalls weniger stark von 17 auf 22 Prozent.

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