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Ausstellung ist bis 30. September 2018 geöffnet © Friedrich Polleroß
Ausstellung ist bis 30. September 2018 geöffnet © Friedrich Polleroß

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Sonderausstellung "Jüdische Familien im Waldviertel und ihr Schicksal"

15.06.2018

Anlässlich des 80. Jahrestages des "Anschlusses" Österreichs an Hitlerdeutschland bietet das Museum in Neupölla einen Einblick in das Schicksal der jüdischen Bevölkerung des Waldviertels. Die Ausstellung wurde am 1. Mai von Parlamentspräsident Mag. Wolfgang Sobotka in Anwesenheit von Vizekanzler a.d. Dr. Wolfgang Brandstetter und zahlreicher anderer Prominenz feierlich eröffnet.

Besonderer Ehrengast war Tom Biegler aus Australien mit seiner Gattin Cherylann, der Urenkel des jüdischen Kaufmanns Simon Biegler, der sich 1860 in Neupölla angesiedelt hatte. Der 1937 in Wien als Thomas geborene Chemiker musste Österreich mit seiner Familie 1938 verlassen. Im Rahmen der Feier konnte ihm nach seiner berührenden Rede Museumsleiter Dr. Friedrich Polleroß eine Totengedenktafel seines Urgroßvaters überreichen.

Die umfangreiche Ausstellung umfasst zahlreiche Originaldokumente und Bildreproduktionen in vier Kapiteln. Im Abschnitt über die Zeit von 1814 bis 1918 werden die Einwanderung jüdischer Familien aus Böhmen und Mähren, die Errichtung von Kultusgemeinden sowie die Ansiedlung der jüdischen Adeligen Pereira-Arnstein und Gutmann behandelt. Es entstanden zahlreiche jüdische Unternehmungen in Heidenreichstein, Gmünd und Litschau sowie Geschäfte für Textilien und Schuhe in den Bezirksstätten. In kleineren Orten wie Neupölla oder Röhrenbach siedelten sich jüdische Greißler an, aber auch Ärzte in St. Marein oder Rastenfeld.

Die Anhängerschaft des Antisemiten Georg von Schönerer wurde besonders stark m Feuerwehrwesen vertreten und bald danach von Dr. Karl Lueger und den Christlichsozialen abgelöst. Im Museumsgebäude selbst haben sich antisemitische Schriften der Christlichsozialen erhalten. In der I. Republik florierten zahlreiche Geschäfte wie Kurz in Allentsteig, Adler, Kummermann und Mandl in Horn oder Schidloff in Zwettl. Neben den teilweise von der Weltwirtschaftskrise beeinträchtigen Textilfirmen wirtschafteten in Schwarzenau oder Pfaffenschlag jüdische Argrarindustrielle, während in den Bezirksstädten jüdische Anwälte und Ärzte arbeiteten. In Neupölla wurde Alois Biegler Obmann der Gewerbegenossenschaft und Vorsitzender des Rauchklubs. Aus Wien zogen die Ziehkinder Olga Frommer nach Altpölla und Josef Sonnenfeld nach Germanns.

1934 übernahm der sozialdemokratische Funktionär Oskar Schwebel das Kaufhaus in Wetzlas. 1938 wurde einerseits Hitlers "Ahnenheimat" um Döllersheim gefeiert, aber wenig später entsiedelt. Die jüdischen Mitbürger wurden durch die "Nürnberger Gesetze" und andere Verordnungen gesetzlich eingeschränkt. Vielen wurden durch die von der NS-Propagand in Zeitungen, Volksempfänger und Film aufgehetzten Nachbarn gedemütigt, denunziert und manchmal auch verprügelt. So erging es der Familie Biegler in Neupölla, und auch die 1942 getaufte Olga Frommer in Altpölla wurde verfolgt. Der Knecht Josef Sonnenfeld wurde von einem anderen Knecht angezeigt und in einer Euthanasieanstalt ermordet.

Die jüdischen Familien, die fliehen konnten, wurden meist über die halbe Welt zerstreut und mehr als ein Drittel der österreichischen Judenschaft wurde ermordet. Alois und Ida Biegler sowie ihre Tochter Ella kamen in Riga ums Leben, eine Tochter überlebte in Wien, eine in Dänemark und zwei in London. Die Deutsche Wehrmacht wurde zumindest zum Zeugen der Morde wie die Beispiele von Josef Zimmerl aus Neupölla und Bruno Hofbauer aus Ramsau bezeugen. Nach dem Weltkrieg versuchten viele jüdische Familien in mühsamen Verfahren ihren Besitz zurück zu bekommen, aber das Interesse der Republik an Aufklärung und Entschädigung wurden immer geringer. Noch 1978 wurde die intakte Kremser Synagoge abgerissen. Erst nach der Ausstrahlung der Fernsehserie "Holocaust" 1979 wuchs an Interesse einer jüngeren Generation an den Ereignissen vor 1945. Schon in diesem Jahr thematisierte auch eine Ausstellung in Neupölla die Zeitgeschichte.

Im Rahmen der Ausstellung und der dafür vom Nationalfonds sowie von der Nö. Landesregierung gewährten Subventionen konnten auch drei Filmstation für das Museum angeschafft werden, in denen während der Ausstellung historische Filme und Interviews gezeigt werden. Zu sehen sind u.a. ein Wochenschaubericht über die Hitlerfeier in Döllersheim 1938 sowie Interviews mit den (inzwischen verstorbenen Zeitzeugen) über die Ereignisse in Neupölla, Altpölla und Germanns. In weiteren Berichten erzählen die Nachkommen jüdischer Familien in Jaidhof, Horn, Litschau und Gmünd vom Schicksal ihrer Familien.

Die Ausstellung, die noch bis 30. September jeden Sonn- und Feiertag von 14-17 Uhr geöffnet ist, wurde am 10. Juni durch einen Besuch von Altbundespräsident Dr. Heinz Fischer und seiner Gattin Margit ausgezeichnet. Zur Begrüßung hatten sich nicht nur Museumsleiter Dr. Friedrich Polleroß, sondern auch Bürgermeister Günther Kröpfl und einige frühere Gemeinderäte eingefunden. Als Regierungsbeauftragter für das Gedenkjahr 2018 zeigt sich das ehemalige Staatsoberhaupt beeindruckt von der Sonderausstellung in Neupölla, die ein wenig bekanntes Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte eindrucksvoll präsentiert.

Rückfragehinweis:
Dr. Friedrich Polleroß
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien 
Garnisongasse 13, Hof 9
1090 Wien
Tel. 0043-1-4277-41450
E-Mail: friedrich.polleross@univie.ac.at
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