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Studien zeigen: Den "großen Löffel" Weisheit gibt es nicht

05.07.2018

Weisheit wird kaum mit dem sprichwörtlichen "großen Löffel", sondern vielmehr kontinuierlich in kleineren Häppchen verteilt - wenn sie als solche erkannt werden. Das ist ein Ergebnis aus Studien von Kärntner Forschern. Weise Menschen zeichnen sich demnach vor allem durch ihre Offenheit gegenüber Menschen und Situationen aus, von denen sie etwas lernen können. Das Alter spielt eine kleinere Rolle.

Auf der Suche nach weisen Menschen ist die Entwicklungspsychologin Judith Glück vom Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt schon seit einigen Jahren. Etwa im Zuge medialer Aufrufe wurden ihr und ihrem Team Menschen empfohlen, auf die dieser Terminus zutreffen könnte. Mit nachfolgenden Gesprächen und "mehr oder weniger guten" Methoden zum Messen des schwer fassbaren Konstrukts "Weisheit" versuche man dann die Nominierung quasi zu verifizieren. "Das ist natürlich keine Garantie, dass diese Menschen hochweise sind. Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit doch deutlich", so die Wissenschafterin im Gespräch mit der APA.

Mittlerweile habe man eine "solide Gruppe" an Personen zusammen, auf die das Attribut tatsächlich zutreffen dürfte. Menschen die sich selbst nominieren, würden jedenfalls nicht berücksichtigt, so Glück. Im Rahmen einer 2016 begonnenen, u.a. vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Langzeitstudie wollen die Forscher diesen 155 "Weisen" bei ihrer Entwicklung über 20 Jahre hinweg quasi zusehen.

Kritische Lebensereignisse häufiger als gedacht

Nach drei Erhebungswellen sehe man bereits viel Spannendes, sagte Glück. So etwa, dass kritische Lebensereignisse, die diese Menschen dazu bewegen, bisherige Sichtweisen und Handlungsmuster - im positiven wie im negativen Sinne - infrage zu stellen, weitaus häufiger sind als erwartet. Überraschenderweise berichteten schon im ersten Jahr zwei Drittel der Teilnehmer über solche Begebenheiten - teilweise sogar über mehrere, erklärte Glück.

Natürlich handle es sich hier um Menschen, die sehr selbstreflektiert seien. Es scheine aber, als würden "deutlich mehr Dinge passieren, aus denen man etwas lernen kann, als man denken würde. Das macht wiederum die Frage spannend, warum wir uns manchmal nicht weiterentwickeln", so die Psychologin. Bei der Entwicklung von Weisheit dürfte eine gewisse offene Haltung gegenüber eigenen Erfahrungen, aber auch gegenüber Dingen, die anderen widerfahren, eine große Rolle spielen.

Entgegen früherer Sichtweisen betrachte man Weisheit mittlerweile nicht mehr sozusagen als fixe Größe, über die Personen mehr oder weniger durchgehend verfügen oder eben nicht. Dass weises Handeln stark von der Situation abhängt, hätten kanadische Kollegen bereits gezeigt. Mittlerweile suche die Wissenschaft eher nach Faktoren, die erklären, warum man manchmal besonnen und klug handelt.

Andere Sichtweisen berücksichtigen

Es scheint, dass das vor allem dann gelingt, wenn Menschen dazu fähig sind, außer ihrer eigenen Sichtweise auf ein Problem auch andere Blickwinkel einzunehmen und Meinungen anderer zu berücksichtigen. In einer neuen Studie der Kärntner Gruppe mit Fokus auf Weisheit im Berufskontext mit Managern und Lehrern mehren sich die Hinweise, dass vor allem übermäßiges Selbstvertrauen ("Overconfidence") weisen Entscheidungen abträglich ist.

Das landläufige Bild, dass Weisheit quasi fix mit fortgeschrittenerem Alter verbunden sein muss, lasse sich so nicht halten. "Natürlich hängt Weisheit mit Lebenserfahrung zusammen", so Glück. Dementsprechend selten treffe man 20-Jährige, denen man das wirklich attestieren könne. Lebenserfahrung oder Alter alleine machen aber keineswegs weise: "Eben weil man auch sehr vieles erleben kann, ohne etwas daraus zu lernen", sagte die Forscherin.

Wie "weise Menschen" mit Problemen des Lebens umgehen, sei jedenfalls nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht faszinierend. Vor allem im beruflichen Kontext könne man von diesen Leuten vieles lernen, zeigte sich Glück überzeugt.

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