Kultur & Gesellschaft

Kooperationsmeldung

Südostasien als Forschungs- und Innovationsraum

15.10.2015

Im Gespräch mit dem ZSI-Experten Alexander Degelsegger

Redaktion: Wie würdest du Südostasien als Region aus heutiger Sicht beschreiben?

Alexander Degelsegger: Südostasien ist eine Region sehr diverser, aber ebenso dynamischer und aufstrebender Gesellschaften. Sieht man sich die politischen Systeme, die ökonomische Situation, die koloniale Vergangenheit, die Ressourcenausstattung und andere Faktoren an, so wird sich schwerlich eine Region ähnlicher Größe finden, die mehr Diversität aufweist. Dennoch gibt es mit der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) seit 1967 ein regionales Integrationsprojekt. Dieses lässt sich nur bedingt mit der Europäischen Union vergleichen; im Unterschied zur EU ist etwa die supranationale Ebene sehr wenig ausgeprägt. Dennoch ist ASEAN für die Region von großer Relevanz, nicht nur - historisch - im Bereich der Friedenssicherung und - ganz aktuell - im Bereich der Außenpolitik. Auch der ökonomische Integrationsprozess der Region wird von ASEAN getragen. In diesem Zusammenhang ist 2015 ein Schlüsseljahr. Ende des Jahres werden die 10 ASEAN-Mitglieder die Schaffung der so genannten ASEAN Economic Community (AEC) verkünden. Diese ist ein kontinuierlicher Prozess zur Schaffung einer Freihandelszone. Ein Markt mit über 600 Millionen Einwohnern wird dadurch für Partnerregionen wie Europa noch interessanter.

Redaktion: Die Distanzen sind groß. Welche Rolle spielt Europa für Südostasien und umgekehrt?

Alexander Degelsegger: Was die wirtschaftliche Relevanz betrifft, so fällt natürlich zuerst die Rolle der Märkte ins Auge: Die großen Schwellenländer in Südostasien bieten überdurchschnittliches Wachstumspotential, und das kaufkräftige Europa ist ein wichtiger Markt für südostasiatische Exporteure. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte: Europa und Südostasien stehen auch vor einer Reihe gemeinsamer Herausforderungen bei deren Bewältigung man sich gegenseitig unterstützen kann. Es geht hierbei nicht nur um die großen 'global challenges' wie den Klimawandel, sondern auch um Dinge wie Stadtplanung, nachhaltige Aquakultur oder die Gesundheitsversorgung.

Die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verflechtungen sind übrigens bereits erstaunlich eng. Europa war in den letzten Jahren die bedeutendste Quelle für ausländische Direktinvestitionen in Südostasien. Entsprechend viele europäische Unternehmen sind in der Region aktiv, immer mehr auch mit Forschungs- und Innovationstätigkeiten. Im Wissenschaftsbereich sehen wir enge Verflechtungen nicht nur auf Ebene institutioneller Abkommen oder im Bereich Mobilität, sondern auch was gemeinschaftlich produzierten wissenschaftlichen Output angeht: ForscherInnen in Europa sind für ihre KollegInnen in Südostasien die wichtigsten Partner bei Publikationen wissenschaftlicher Artikel, die in internationaler Zusammenarbeit entstehen. Vergleicht man die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen, so sind diese aber nur bedingt verschränkt. Angesichts der Dynamik Südostasiens und den der Erwartung nach weiter steigenden Investitionen in Forschung und Innovation gilt es für Europa dieses Potential zu heben. Man hat hier einen oft nicht wahrgenommenen Vorteil gegenüber den anderen großen Playern in der Pazifik-Region.

Redaktion: Du hast unlängst mit der so genannten EURAXESS ASEAN Links Initiative über deine Forschung und die Arbeit des ZSI gesprochen. Worum ging es in dem Gespräch?

Alexander Degelsegger: EURAXESS Links hat unter anderem die Aufgabe, wissenschaftliche Communities in Partnerregionen besser an die Europäische Union anzubinden. Es wendet sich hier sowohl an ForscherInnen aus den Partnerländern als auch an die europäische wissenschaftliche Diaspora. Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von EURAXESS ist die Verbreitung relevanter Informationen über das europäische Forschungssystem. Im August-Newsletter gab es diesbezüglich einen Österreich-Schwerpunkt. Unsere Arbeit und Kooperation mit Südostasien war die Basis für das dort abgedruckte Gespräch. Konkret ging es um die von uns geleitete Analysearbeit im SEA-EU-NET-Projekt. SEA-EU-NET unterstützt die Wissenschafts- und Innovationskooperation zwischen Südostasien und Europa, inklusive den zugehörigen Politikdialog. Das ZSI hat gemeinsam mit Partnern in Europa und Südostasien die Rolle, diesen politischen Prozess mit Expertisen zu versorgen. Dazu gehören Analysen von Innovationssystemen ebenso wie die Untersuchung und visuelle Darstellung von Kooperationsbeziehungen.

Bitte lesen Sie das ausführliche Originalinterivew (englisch) mit Alexander Degelsegger online auf S. 24-27 im August-Newsletter der EURAXESS Links ASEAN Initiatives.

Zur Person

Alexander Degelsegger begann seine wissenschaftliche Laufbahn am Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Am ZSI plant und bearbeitet er seit 2008 Projekte der Analyse und Evaluation internationaler Forschungskooperationen. Seine Expertise liegt hier vor allem im Bereich der Wissenschaftsforschung, der internationalen Wissenschafts- und Innovationspolitik der EU und Südostasiens sowie in Forschungsprogrammdesign und -evaluierung. Auf methodischer Ebene ist er auf Bibliometrie, soziale Netzwerkanalyse und qualitative Methoden spezialisiert. Alexander ist als Trainer im postgradualen soQua-Lehrgang aktiv und hat universitäre Lehrerfahrung an der TU Wien und der Donauuniversität Krems. Er war beratend für die Europäische Kommission, die GIZ und die OECD tätig.

Quelle: ZSI eJournal

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